ROMS ERSTER KAISER

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Legenden haben ihre eigene Geschichte, und jene Legende aus römischer Zeit ist eine besondere – geheimnisvoll, erotisch, sexy. Da ist Atia, die im Tempel des Apoll einschlummert und träumt, sie habe am heiligen Ort mit ihrem Mann geschlafen. Dem dünkt, über der Scham seiner Gattin sei die „Sonne aufgegangen“. So geschah es der Erzählung nach, dass sich auf Atias Unterleib ein Mal in Form einer Schlange zeigte. Neun Monate später kam ein Knabe zur Welt – und gleich galt das kleine Wesen als gottähnlich, weil wohl Apoll der Schlange Herr gewesen sei.

 

In vielen Legenden steckt ein wahrer Kern, so auch in dieser: Der Mann, der angeblich auf solch bizarre Weise gezeugt worden war, wurde tatsächlich als Gott verehrt, gleich nach seinem Tod, 14 nach Christus. Zu Lebzeiten stellte ihn schon sein Name über alles und jeden: Augustus, der „Geheiligte“, „Erhabene“, „Verehrungswürdige“.

Jede Station seines 76-jährigen Lebens belegt, dass er ein PR-Genie in eigener Sache war, dazu geschmeidig, eiskalt, lange Zeit gewaltbereit. Schon mit 25 legte er sich den staatstragenden Titel „Imperator“ zu, Feldherr – obgleich er gar nichts vom Habitus des schneidigen Soldatenführers hatte. Er schlief gern lang, trank kaum Wein und bevorzugte frugale Kost, statt zu schlemmen – grüne Feigen oder mit Olivenöl beträufeltes Brot. Er war etwa 1,70 Meter groß und trug oft Schuhe mit dicken Sohlen, um größer zu wirken. Ein ansehnlicher Typ, hellwach, aber auch hochgradig abergläubisch. Für prunkvolles Gehabe hatte er nichts übrig. Und er liebte junge Frauen wie Männer gleichermaßen.

 

Ein glänzender Stratege
Gab es in der Geschichte Roms je einen Mann scharfer Widersprüche, dann war es Augustus. In der ersten Etappe seiner Politkarriere bediente er sich des Hochverrats, der Anstiftung zum Mord und zum Massenmord, und er trieb einen Bürgerkrieg voran, „der 15 Jahre lang“, so der Althistoriker Werner Dahlheim, „das Unterste zuoberst kehrte“. Verblüffend, mit welcher Rasanz und Geradlinigkeit dieser Machtmensch zum Herrscher über ein Weltreich aufstieg. Verblüffender noch, dass er nach höchst unruhigen Zeiten eine lange Phase des Friedens einläutete – sie sollte zweieinhalb Jahrhunderte andauern. Eine Blütezeit auch für Kunst und Literatur, die bis heute verklärend „Pax Augusta“ heißt. Der Dichter Vergil bejubelte Augustus als „Retter der zerrütteten Welt“. Für Horaz war er der „Hüter Italiens und des herrschenden Roms“. Schließlich trug er den Titel „Vater des Vaterlandes“, „Pater patriae“. Augustus konnte sich, so Dahlheim, auf eine „riesige Gefolgschaft aus allen sozialen Schichten“ verlassen.

 

Cäsars Erbe und Adoptivsohn
Augustus kam im Jahr 63 vor Christus als Gaius Octavius zur Welt. Seine Familie war keine ur-römische, sondern stammte aus dem Städtchen Velitrae am Südhang der Albaner Berge. Sein Vater schaffte den Sprung von der Provinz nach Rom in die Riege einflussreicher Bürger, war Senator in Rom, später hoher Richter, dann Statthalter in Mazedonien. Augustus’ Mutter Atia war eine Nichte Julius Cäsars. Der hatte keinen Sohn und setzte den Großneffen Gaius Octavius, den späteren Augustus, als seinen Haupterben ein. Nach Cäsars Ermordung war er Herr über ein stattliches Vermögen und wurde qua Testament Cäsars Adoptivsohn. Er musste seinen Namen in Octavian ändern, das verlangte das Gesetz, und mit einer neuen Lebenslage fertig werden: Auf ihn lauerten überall Cäsars Feinde, Todfeinde. Octavian war nicht einmal 20 Jahre alt, als er mit dem geerbten Geld und veruntreuten Staatsgeldern eine Armee zusammenkaufte; nach römischem Recht war das Hochverrat. Sein Ziel: Rache zu nehmen an den Mördern seines Adoptivvaters.

Bei seinem Aufstieg halfen Octavian Wesenszüge, die der Augustus-Spezialist Klaus Bringmann in einem Wort zusammenfasst: „Zweckrationalität“. Das meint kluge Berechnung, Vorsicht, Kühnheit und hohe Intelligenz. All dies war Basis für unangreifbare Autorität. Octavian war schlagfertig, konnte ironisch, gar sarkastisch sein, frei und aus dem Stegreif reden – was er vermied, sobald es um Wichtiges ging. Dann las er vom Blatt ab. Weil er sich von Emotionen freizuhalten vermochte, überwand er verblüffend schnell die wirre Zeit nach dem Tod seines Adoptivvaters. Erst bekämpfte er Marc Anton, der sich als Nachfolger und legitimer Sachwalter Cäsars fühlte, ging dann aber im Jahr 43 vor Christus mit ihm und dem Haudegen Lepidus ein Männerbündnis ein, dem für fünf Jahre die oberste Gewalt übertragen wurde. Dieses Triumvirat, die „Dreimännerherrschaft zur Ordnung des Staates“, kommentiert Bringmann, sei ein „kollegiales Ausnahmeamt mit diktatorischer Vollmacht“ gewesen. Vor allem löste es einen nie dagewesenen Exodus der Intelligenz und der noblen Gesellschaft aus: Wer im Verdacht stand, gegen Cäsar gewesen zu sein, wurde auf eine Todesliste gesetzt – und war vogelfrei. Jeder konnte sich an der Menschenjagd beteiligen, in Rom brach Panik aus, Söhne verrieten ihre Väter. Die „grausige, verfassungswidrige Episode des Durchgreifens“, so der britische Historiker Michael Grant, forderte Tausende Tote. Binnen Kurzem war die republikanische Opposition so gut wie ausgeschaltet. Auch Cicero, den Marc Anton als Todfeind betrachtete, konnte sich nicht retten. Geächtet irrte er durch Italien, bis Häscher ihn am 7. Dezember 43 vor Christus einholten, ihm Kopf und Hände abschlugen und sie auf dem Forum Romanum, wo er fulminante Reden gehalten hatte, zur Schau stellten.

 

Gewiefter Strippenzieher
Statt eines Diktators, Cäsar, bestimmten nun drei. Das zweite und letzte römische Triumvirat war ein Dreiecksverhältnis, dessen Basis ein Blutfeld war – und in dem keiner daran dachte, so Dahlheim, „freiwillig die einmal errungene Herrschaft wieder aus der Hand zu geben“. Genau dies änderte Octavian. Erst schlug er Lepidus aus dem Feld, dann – in der Seeschlacht vor Actium am 2. September 31 vor Christus – Marc Anton. Der beging mit seiner Geliebten Kleopatra Selbstmord. Zwei Jahre später schloss man als Symbol des Friedens die Tore des Janustempels in Rom, angeblich erst zum dritten Mal seit der Gründung im Jahr 753 vor Christus.

Octavian war 35, als ihm der Senat am 16. Januar 27 vor Christus den Titel aller Titel verlieh: Augustus. Planvoll verzahnte Augustus nun Staatsmacht mit Religion, denn seit Langem hieß es, die Krise Roms sei ausgelöst worden durch eine Vernachlässigung religiöser Pflichten – die Götter hätten sich gerächt. „Du büßest, Römer, unverdient der Väter Missetaten“, sang Horaz, „bis du die Tempel wiederhergestellt.“ So handelte denn auch Augustus. Damit regenerierte sich nicht nur das altrömische Lebensgefühl – die Sanierung heruntergekommener Kultbauten und den Bau neuer kann man auch als Konjunkturprogramm deuten. Aquädukte entstanden, Theater, Straßen, repräsentative Gebäude und eine luxuriöse Hallen- und Parkanlage für die einfachen Leute.

Als Augustus im Jahr 14 nach Christus bei Neapel starb, hinterließ er ein Imperium, das die großen territorialen Binnenräume in Mitteleuropa beherrschte. Doch er hatte auch die Niederlage seines Lebens noch vor Augen – die Vernichtung dreier römischer Legionen unter dem Befehl des Quinctilius Varus, irgendwo in den Wäldern Germaniens. Aus Verzweiflung habe er „monatelang Bart und Haupthaar wachsen“ lassen, notierte der Schriftsteller Sueton (ca. 70–140 nach Christus). Angeblich habe er sogar, seinen Kopf gegen eine Tür knallend, immer wieder gerufen: „Varus, gib die Legionen zurück!“ Ironie der Geschichte, dass von dem Machtstrategen ausgerechnet dies zum geflügelten Wort wurde: das Eingeständnis seiner Niederlage. Doch unweigerlich erinnert jeden Sommer der Monat August an seine Größe, und jeden Winter die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium an Augustus’ einstige Macht: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …“

GEORG BÖNISCH, REDAKTEUR BEIM SPIEGEL UND BUCHAUTOR, FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Zum Weiterlesen

 

Klaus Bringmann: „Augustus“ (Primus 2007);
Werner Dahlheim: „Augustus. Aufrührer, Herrscher, Heiland. Eine Biographie“ (C.H. Beck 2010);
Jochen Bleicken: „Augustus: Eine Biographie“ (rororo 2010)

 

Kategorien: Juni 2011