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NÜCHTERNE TÄUSCHUNG

Looks Filmproduktionen

Looks Filmproduktionen

Es ist, als würde uns aus der Fotografie eine verblasste Kindheitserinnerung anspringen. Dabei sind die Requisiten recht minimalistisch: im Laufstall ein bunt lackierter Holzhund auf Rädern, ein viertüriger Schrank aus hellem Resopal, ein Stuhl mit Bastsitzfläche, ein weiß bezogenes Bett, Linoleumboden. Viel mehr als dieses schmutzabweisende Inventar ist in dem engen Kinderzimmer nicht auszumachen. Eigentlich ist es ein ziemlich öder, liebloser Aufenthaltsort. So öde, dass man sich fragt, warum selbst uneingeweihte Betrachter minutenlang vor dem für Thomas Demands Illusionskunst symptomatischen Bild verharren. Das dürfte an zweierlei liegen: Zunächst erinnert das Foto an die spießige Stereotypie eines Kinderzimmers der 60er Jahre. Und dann führt die gähnende Leere, die Detailarmut und der Attrappencharakter des Ambientes vollends zur Irritation.

 

 

Die Imagination kitzeln
Tatsächlich ist es Thomas Demands eigenes Kinderzimmer („Kinderzimmer“, 2009), das er nach einem Farbdia des Vaters in der für ihn bewährten Manier aus Papier und Pappe nachgebaut hat. Mit radikalen Anschnitten, leichter Nah- und Draufsicht fokussiert er mit der Kamera den ausgeleuchteten Kinderzimmergewahrsam – und erzeugt dadurch Suspense. Die suggestivsten Bilder seien diejenigen, deren Ort und Geschichte man aufgrund ihres Abstraktionsgrades nicht identifizieren könne, „weil hier die Imagination erst richtig gekitzelt wird“, sagt Demand. Der heute international gefeierte Künstler baut seit den frühen 90er Jahren Orte in nahezu realgroßen Modellen nach. Das ist insofern wichtig, als die Fotografien wandfüllend sind, und somit jedes Detail sichtbar machen. Dabei dienen diese Bühnenbilder nur als Vorlage und werden, sobald Demand sie abfotografiert hat, vernichtet. Darunter finden sich Allerweltsorte, aber auch das Oval Office im Weißen Haus („Presidency I-V“, 2008), Naturschauplätze oder Orte des Schreckens wie das Saarbrücker Wirtshaus Tosa-Klause („Klause I-V“, 2006), das einem Kinderschänderring als Treffpunkt diente.

Immer wieder setzt Demand an den grauen Zellen des kollektiven Gedächtnisses mit Schere und Kleber an und rekonstruiert Medienbilder mit seinen papierenen Kulissen. Eine Sisyphus-Aufgabe, die der 46-Jährige am liebsten alleine bewältigt. Dies ist schließlich laut Selbstauskunft seine „Kernkompetenz“. Da einzelne Bilder jedoch mit den Jahren immer aufwendiger werden, lässt er gelegentlich einen Mitarbeiterstab assistieren. „Eine Arbeit wie ‚Lichtung‘ (2003) kann man einfach nicht alleine fabrizieren“, sagt Demand. Grob geschätzte 280.000 Papierblätter formen sich zu einem illusionären Wald, durch dessen Dickicht gleißendes Morgenlicht zu dringen scheint.

 

Ikone des deutschen Tatorts
Der 1964 in München als Sohn eines Kunsterzieherpaares geborene Demand studiert Kunst in Deutschland und England. Und er hat einen gleichfalls in der Szene geschätzten Bruder: Christian Demand, ein zwischen den Polen der Philosophie und Kunst grenzgängerischer Professor.

Der internationale Durchbruch gelingt Thomas Demand mit „Badezimmer“ (1997), einem längst zur Ikone des deutschen Tatorts geronnenen Bild. Für das in Demands imaginärer Modellversion blau geflieste Badezimmer stand das Zeitungsbild des tot in einer Genfer Hotelbadewanne aufgefundenen deutschen Spitzenpolitikers, Uwe Barschel, Pate. Bis heute ist das Geheimnis um dessen dramatischen Tod nicht gelüftet. Demand steht dem Kriminalfall sowie den Spekulationen darum absolut wertneutral gegenüber: „Ich bin ja kein Reporter. Das ist der große Unterschied. Ich verkünde keine Wahrheiten.“ Die Modelle zerstört er in der Regel immer – ein wichtiger Teil seines auf Realitätsschwund angelegten Konzepts. Nur einmal versäumte Demand den Entsorgungsakt: Die extrem aufwendig hergestellte Tropfsteinhöhle „Grotte“ (2006) lagert heute in 110 Kisten als Dauerleihgabe bei der Fondazione Prada in Mailand. Es war auch das einzige Modell, das in Pappe und Wachs jemals der Öffentlichkeit zugänglich war.

Was aber hebt Demand von anderen Künstlern ab, die ebenfalls künstliche Realitäten via Modell-
fotografie erschaffen? Die auf Neue Medien spezialisierte Münchner Sammlerin und Kunstkennerin Ingvild Goetz ist von Demands Bilderkanon fasziniert und erklärt dessen Destillationsprozess wie folgt: „Das Foto scheint wie eine von Inhalten gereinigte Dokumentation, die den Betrachter stutzig macht, weil sie ihn zwar an etwas erinnert, aber außer dieser ganz speziellen Aura nichts erkennbar ist. Für den Betrachter öffnet sich neben seinem Zweifel an Authentizität gleichwohl ein Tor zur kollektiven historischen Bildwelt.“

 

Abbilder von Abbildern von Abbildern
Demand selbst nimmt das Wort „Fotografie“ eher selten in den Mund. Für ihn sind seine Arbeiten „Abbilder von Abbildern von Abbildern“. Erst durch diese Filterung verblasst die Realität. Ob es sich um eine menschenverlassene Flugzeuggangway, eine voll gelassene Badewanne oder ein chaotisches Wahlauszählungsbüro handelt: Man kann sich mit der Zeit nicht mehr recht an die Umstände erinnern, als ein omnipräsenter Papst wieder einmal die Gangway herunterschritt, Schindluder bei der Auszählung einer US-Präsidentschaftswahl betrieben wurde, ein Politiker in einer Badewanne verstarb. Der Ruch der visuellen Täuschung an unserem leicht vergesslichen Gehirn zieht sich durch Demands Trugbilder der Wirklichkeit.

 

Wie ausgestorbene Insekten
Die Berliner Neue Nationalgalerie feierte 2009 die Gründung der Bundesrepublik Deutschland vor 60 Jahren und den Mauerfall vor 20 Jahren mit einer Soloshow von Demand. Schwere, erdfarbene Vorhänge fielen betont muffig von der Decke des Glaskubus Mies van der Rohes. Auf ihnen waren Demands Bilder wie ausgestorbene Insekten platziert. Als Bildunterschriften dienten bis dahin unveröffentlichte Texte des Dramatikers Botho Strauss. Laut Demand war das Ziel dieser Vorgehensweise: „Reibung erzeugen“. Um damit das Maximum aus Bild und Text herauszuholen. Für den Direktor der Neuen Nationalgalerie, Udo Kittelmann, war entscheidend, dass Demand damit spielt, „wie nachhaltig Bilder heute auf uns wirken, in einer Welt, in der wir jeden Tag mit Hunderttausenden von Bildern konfrontiert werden. Ersticken wir in diesem Wust, ertrinken wir in der Masse, oder bleibt irgendetwas bestehen in unserem visuellen Gedächtnis?“.

Demand selbst ist nicht sehr beständig: Eine Weile lebt er nun schon in Los Angeles: „Ich mag das Gefühl, Gast zu sein, lieber, als das Gefühl von Heimat. Mir gefällt, wenn ich alles hinter mir lassen und weiterziehen kann.“ In Sydney ist er zurzeit in Kollaboration mit der Kunstorganisation Kaldor Art Projects dem australischen Architekten Harry Seidler auf der Spur. Sein rasant gekurvtes Gebäude „Comrade Tiger“ von 1975, das erste Hochhaus Sydneys, will Demand als Modell nachbauen und dann in eine 90-sekündige Filmschleife übersetzen. Manchen Gebäuden nähert sich Demand filmisch: „Es gibt Bauwerke, die auf Bewegung angelegt sind,“ sagt er.

Über kurz oder lang wird Demand wieder nach Berlin zurückkehren, auch weil er ab Oktober eine Professur an der Kunstakademie Hamburg übernimmt, nicht für Fotografie, sondern für Skulptur und Medien. Trotz Starruhm und in schwindelerregende Höhen gestiegener Preise bleibt Demand selbst lieber im Hintergrund. Auch, dass nun ein Fernsehsender ein Porträt von ihm austrahlt, betrachtet er mit gebotener Distanz: „Was der Künstler sagt, sollte man unbedingt von dem unterscheiden, was das Kunstwerk sagt.“

 

BIRGIT SONNA FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Thomas Demand

 

Thomas Demand studiert ab 1987 an der Münchner Akademie der bildenden Künste, ab 1990 an
der Düsseldorfer Kunst-akademie und von 1993–94 am Londoner Goldsmiths College. Seine Arbeiten
erscheinen seit 1997 in einer Sechserauflage. Kaldor Art Projects, die Organisation, mit der Demand derzeit zusammenarbeitet, stellt Projekte mit Kunstgrößen wie
Sol Lewitt, Christo oder Jeff Koons auf die Beine

 

Werke und ihre Orte

 

„Presidency I“ (2008) – Hamburger Kunsthalle, Hamburg; „Embassy“ (2007) – Lenbachhaus, München; „Klause“ (2006) – Tate Modern, London; „Lichtung“ (2003) – MoMA, New York

(Auswahl)

 

Kategorien: Juni 2011