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JULIE DELPY – KEIN ENGEL

Catherine Faux

Catherine Faux

Ein Teint wie Milch, durchscheinende Blässe, das Haar blond und wallend – Julie Delpy hat es gehasst, wie die französischen Medien sie am Anfang ihrer Karriere sahen: als engelsgleiches Geschöpf. Man hielt sie für eine Tochter aus bürgerlichem Hause, dabei ist sie auf 25 Quadratmetern ohne Badezimmer aufgewachsen. „Mein Aussehen“, so sagte sie heute, „stand im radikalen Gegensatz zu meinem Wesen.“ Das ist überschäumend, lebenslustig, ja geradezu gierig: Delpy will alles, und zwar sofort. Inzwischen nimmt sie es sich auch, als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuchautorin, Komponistin und Sängerin.

 

Schauspielerin ist sie „aus Versehen“ geworden. Julie Delpy, als Tochter der Theaterschauspieler Marie Pillet und Albert Delpy 1969 in Paris geboren, weiß schon mit 14, was sie werden will: Regisseurin. Sie spricht bei Jean-Luc Godard vor und gesteht ihm, dass sie keine Rolle, sondern viel lieber einen Assistentenjob will, Kaffee kochen, ihm über die Schulter schauen, aber Godard sagt Nein. Sie soll spielen. Auf ihr Debüt in Godards „Detective“ (1985) folgen schnell Rollen in Filmen anderer großer Regisseure. Leos Carax besetzt sie an der Seite von Juliette Binoche und Michel Piccoli in „Die Nacht ist jung“ (1986). In Bertrand Taverniers „Die Passion der Beatrice“ (1987) spielt sie ihre erste Hauptrolle. Für beide Filmparts wird sie als „Beste Nachwuchsschauspielerin“ für den französischen Filmpreis César nominiert. Es folgen drei Hauptrollen, die sie international bekannt machen: In Agnieszka Hollands „Hitlerjunge Salomon“ (1990) ist sie die junge Leni, in Volker Schlöndorffs „Homo Faber“ (1991) die Sabeth. Und in Krzysztof Kies´lowskis „Drei Farben: Weiß“ (1994), dem letzten Teil seiner berühmten Trilogie, spielt sie die Dominique. Delpy ist Mitte Zwanzig und schnuppert gerade am Ruhm, als sie beschließt, nach New York zu gehen, um zu studieren: Regie. Sie will hinter der Kamera stehen und nicht festgelegt sein auf die Rolle des niedlichen Mädchens davor. Später lässt sie sich in Los Angeles nieder.

 

Durchbruch mit „Before Sunrise“
Heute, nach zwei Jahrzehnten in den USA, gilt sie in Frankreich als die amerikanischste aller französischen Schauspielerinnen. Sie ist meinungsfreudig, schimpft über Nicolas Sarkozy, über die Franzosen, die sie rassistisch, die Amerikaner, die sie reaktionär findet. Delpy eckt oft an, weil sie direkt ist, sehr direkt, geradezu unfranzösisch direkt. Für die Amerikaner ist sie die Französin geblieben: schön, dickköpfig und vor allem unkontrollierbar. „Hollywood“, sagt Delpy, „ist sehr machistisch. Für die Leute dort wirke ich beunruhigend, weil sie sich darauf verlassen können, dass ich nie das mache, was sie mir sagen.“

Vielleicht ist es ihr gerade deshalb gelungen, sich im Männermilieu der amerikanischen Filmindustrie zu behaupten. Nachdem sie in Richard Linklaters Liebesfilm „Before Sunrise“ (1995) mit Ethan Hawke gespielt und ihre Karriere endgültig einen internationalen Schub bekommen hat, schreibt sie am Drehbuch des Fortsetzungsfilms „Before Sunset“ (2004) mit. Ihr Agent findet, sie würde damit nur Zeit verlieren, und rät ihr, öfter ins Fitnesscenter zu gehen und sich die Brüste vergrößern zu lassen. Delpy revanchiert sich auf ihre Art: „Before Sunset“ wird 2005 für den Oscar in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ nominiert.

 

Zwischen zwei Kulturen
Ein solcher Erfolg hilft. Sie findet einen Produzenten für „2 Tage Paris“ (2007), ihren ersten eigenen Spielfim, für den sie das Drehbuch schreibt, Regie führt und die Hauptrolle übernimmt: In diesem Film spielt Julie Delpy sich in Wahrheit auch selbst. Sie ist die junge, selbstbewusste Französin Marion, die in New York lebt und mit ihrem neurotischen Freund nach Paris reist. Es kommt zu einem Clash of Cultures, in dem Schimmel an der Wand von ihm als gesundheitsbedrohlich, von ihr als etwas empfunden wird, das zum Leben gehört wie Roquefort-Käse. Delpy, das spürt man in diesem Film, sitzt zwischen den Stühlen zweier Kulturen. Das ist nicht immer bequem, aber ein Platz, der ihr offensichtlich gefällt.

Das Drehbuch für Delpys zweites Regieprojekt „Die Gräfin“ (2009) lag zehn Jahre lang in ihrer Schublade. Der Film erzählt die Geschichte der ungarischen Gräfin Elisabeth Báthory, der sogenannen Blutgräfin. Die soll im Blut von Jungfrauen gebadet haben, um sich ewige Jugend zu bewahren. Drehbuch, Hauptrolle und Regie: Julie Delpy.

Delpy hat in Interviews immer wieder damit kokettiert, dass die meisten Männer keine Frau „auf Augenhöhe“ ertragen. Mit ihrem deutschen Lebensgefährten Mark Streitenfeld, der Filmmusik komponiert, scheint sie jemanden gefunden zu haben, der in ihr mehr sieht als die Französin mit dem milchweißen Teint. „Die nordeuropäischen Männer“, sagt Delpy, „sind feministisch erzogen. Sie sind die Einzigen, die in ihrem Umgang mit Frauen nicht neurotisch sind.“

 

MARTINA MEISTER FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Julie Delpy

Sie absolviert eine Schauspielausbildung am Actors Studio in New York und studiert Regie an der New Yorker Filmhochschule. 2003 veröffentlicht sie ihre erste CD „Julie Delpy“. Für ihre Spielfilme „2 Tage Paris“ (2007) und „Die Gräfin“ (2009) komponiert sie auch die Filmmusik. Julie Delpy lebt mit ihrem Lebensgefährten und dem gemeinsamen Sohn in Los Angeles

 

Kategorien: Juni 2011