HERR DER SYNAPSEN

Eric Kandel erklärt, wie das Gehirn funktioniert – und ist davon mindestens so begeistert wie der Zuschauer von dem Hirnforscher selbst. "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" heißt der Film, der nach Kandels gleichnamigem Buch entstand und den Medizin-Nobelpreisträger porträtiert. Mit dem ARTE Magazin sprach er über die Bedeutung von Schrecken und Schnecken für die Erinnerung.

ARTE: Herr Kandel, das Filmporträt, das nun bei ARTE läuft, wurde vor etwa vier Jahren gedreht. Woran erinnern Sie sich am besten?

ERIC KANDEL: An die Szene mit Mitzi, unserem Hausmädchen in Wien. An Südfrankreich, wo sich meine Frau während der Nazizeit in einem Kloster versteckt hat. Und an die Rückkehr nach New York, wohin ich geflohen bin, als die Nazis Öster-reich annektierten. Diese bedeutenden Ereignisse in meinem Leben sind stark emotional aufgeladen, positiv wie negativ. Deshalb haben sie sich auch in mein Gedächtnis gebrannt.

ARTE: Was passiert in unserem Gehirn, wenn es eine Erinnerung speichert?

ERIC KANDEL: Die Hirnzellen beginnen, anders zu kommunizieren. Die Kontaktstellen zwischen ihnen, die Synapsen, werden stärker. Und wenn wir uns etwas für lange Zeit merken, wachsen im Gehirn sogar neue Synapsen.

ARTE: Ihre Erkenntnisse haben Sie an Meeresschnecken gewonnen. Wieso ausgerechnet Schnecken?

ERIC KANDEL: Was wenige wissen: Die Schnecken haben riesengroße Nervenzellen. Deshalb ist es einfach, herauszufinden, wie diese kommunizieren.

ARTE: Sie haben ein Medikament gegen Gedächtnisverlust entwickelt. Wie weit sind Sie damit?

ERIC KANDEL: Wir machen erste Tests. Das Mittel soll die Konzentration eines Botenstoffs erhöhen, der wichtig für das Speichern von Erinnerungen ist. Das heißt aber nicht, dass solche Medikamente dafür da sind, das Gedächtnis von Gesunden zu verbessern, schließlich haben sie Nebenwirkungen.

ARTE: Was halten Sie von Mitteln, die die Erinnerung an schreckliche Ereignisse abschwächen?

ERIC KANDEL: Da muss man differenzieren. Man könnte Soldaten Pillen geben, damit sich die emotionale Belastung nicht zu sehr festsetzt. Aber mir gefällt die Idee nicht, Erinnerungen auszulöschen.

ARTE: Warum nicht? Wollten Sie noch nie eine Erinnerung loswerden?

ERIC KANDEL: Nein. Meine Erinnerungen sind ein Teil von mir. Ich habe einige sehr unglückliche und viele, viele wunderbare Erinnerungen. Wenn ich die Hitlerzeit löschen würde … Sie war furchtbar, aber sie hat mir ein tiefes Verständnis gegeben. Das möchte ich nicht verlieren.

ARTE: Sie haben zuerst Geschichte studiert. Warum?

ERIC KANDEL: Ich wollte verstehen, was in Deutschland und Österreich in der Nazizeit passiert ist. Dann habe ich mich dafür interessiert, was anständige Menschen dazu bringt, böse zu handeln. Also begann ich, Medizin zu studieren, um Psychoanalytiker zu werden. Aber nach einigen Monaten im Labor habe ich mich in das Gehirn verliebt – und mich gefragt: "Was ist das interessanteste Thema für die Psychoanalyse?" Das Gedächtnis natürlich! Und ich hatte ja selbst eine Menge Erinnerungen, die ich durcharbeiten musste.

ARTE: Sie sagen, dass die Neurobiologie helfen kann, psychische Probleme zu behandeln. Wie?

ERIC KANDEL: Wir können im Hirnscanner sehen, ob und wie eine Psychotherapie wirkt. Auch Gespräche verändern das Gehirn, genauso wie Psychopharmaka es tun. Eine Psychotherapie ist eine Lernerfahrung, die Spuren im Gehirn hinterlässt.

ARTE: Kann die Neurobiologie auch etwas von der Psychoanalyse lernen?

ERIC KANDEL: Eine Menge! Die Psychoanalyse hat eine sehr breite Sicht auf den menschlichen Geist. Zum Beispiel Freuds Idee des Unbewussten: Jetzt interessieren sich auch Neurobiologen sehr dafür, wie unbewusste Prozesse im Hirn ablaufen.

ARTE: Wird man dann eines Tages das Freudsche "Es" im Gehirn finden?

ERIC KANDEL: Warum nicht? Natürlich nicht an einer einzelnen Stelle. Aber wir wissen schon, dass der Hypothalamus, das Bindeglied zwischen Nerven- und Hormonsystem, ein Teil des "Es" ist und der präfrontale Cortex, das oberste Kontrollzentrum des Gehirns, ein Teil des "Ich". Das ist keine Zauberei. Es muss ja im Hirn sein, oder?

ARTE: Woran arbeiten Sie gerade?

ERIC KANDEL: Ich versuche herauszufinden, wie Erinnerungen ein ganzes Leben lang gespeichert werden. Warum erinnere ich mich nach so langer Zeit an Mitzi? Ich bin auf einen Mechanismus gestoßen, ein sich selbst erneuerndes Protein. Es sorgt dafür, dass neu entstandene Synapsen nicht wieder verschwinden. Ich bin ganz fasziniert davon!

ARTE: Was wären wir ohne das Gedächtnis?

ERIC KANDEL: Rein gar nichts. Es ist der Kleber, der uns zusammenhält. Wie bei diesem Interview: Wenn wir uns nicht erinnern würden, worüber wir am Anfang gesprochen haben, wäre es sinnlos.

INTERVIEW FÜR DAS MAGAZIN: STEFANIE SCHRAMM

ARTE PLUS

Eric Kandel

Am 7. November 1929 in Wien geboren, muss der Jude Eric Kandel 1939 in die USA emigrieren. Im Studium gilt Kandels besonderes Interesse der Analyse menschlichen Verhaltens und dem Gedächtnis. Seit 1974 ist er Professor für Physiologie und Psychiatrie an der Columbia University in New York. 1983 baut er das Howard Hughes Medical Institute in New York auf, wo er bis heute als leitender Wissenschaftler tätig ist. Für seine Erkenntnisse zur Signalübertragung im Nervensystem wird er 2000 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Kandel zum Lesen
"Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes", Eric Kandel (2006, Siedler Verlag)

Kategorien: Juni 2011