DER GORILLA PAPA

Quincy RusselL/Mona Lisa

Quincy RusselL/Mona Lisa

Wenn der kleine Mann auf dem Bauch des Gorillas liegt, ist Schmusezeit der etwas heftigeren Art. Eine kitzelnde Menschenhand, ein kichernder Gorilla – und schon wälzen sich schwarzes Fell und blau-rot kariertes Holzfällerhemd durch den Staub. Es ist Mittag, und gerade hat sich der Gorilla mit Joghurt und Sirupsaft füttern lassen. Jetzt stehen an die 15 Menschen vor dem Freiluftgehege des Tierparks Saint-Martin-La-Plaine bei Lyon in Frankreich und bestaunen das Spektakel. Alle sind mucksmäuschenstill, fast andächtig vor Verblüffung. Nur ein kleines Mädchen mit braunen Locken dreht sich zu ihrer Mutter um und sagt: „Guck mal Mama, das ist der Papa des Gorillas.“ Die Mutter lacht und erklärt ihrer Tochter, dass das natürlich nicht stimme.

 

 

Und ob das stimmt. Der Mann, der da einen Menschenaffen in den Schwitzkasten nimmt, ist Pierre Thivillon, Besitzer des Tierparks. Die Gorilladame, die sich das gefallen lässt, heißt Digit und lebt seit ihrer Geburt zusammen mit Pierre und dessen Frau Eliane. Denn Digit führt ein Doppelleben: Tagsüber ist sie ein ganz normaler Gorilla in einem Tierpark; die Nächte verbringt sie in dem kleinen Zimmer, das sie mit Pierre und Eliane Thivillon teilt – ihren Eltern. „Es gibt nicht viele Menschen, die so verrückt sind wie wir“, sagt Pierre Thivillon lachend über sein Leben mit einem Gorilla.
Sechs mal drei Meter, ein Tisch, ein Schrank, ein Fenster: Das ist das Zimmer, in dem sich das ganze Leben abspielt. Im Bett links an der Wand schlafen Pierre und Eliane, davor liegt eine Matratze für Digit. Oft schläft sie aber zwischen den beiden – „sie ist eben wie ein Kind“, sagt Pierre. Er und seine Frau besitzen zwar ein 150 Quadratmeter großes Haus auf dem Gelände des Tierparks. Doch sie benutzen nur das Bad, um sich morgens den Gorilladuft abzuwaschen, eine süßliche Mischung aus Schweiß und Urin, die schwer in der Luft liegt. Neben dem Haus befindet sich das gemeinsame Zimmer, das wiederum durch ein Gitter mit Digits Gehege im Zoo verbunden ist. „Wenn Digit eines Tages sagt: ,Ihr Alten, ich habe genug von euch’, dann benutzen wir den Rest unseres Hauses“, sagt Pierre und fügt schnell hinzu: „Aber wir sind ganz und gar nicht in Eile.“

 

Der Mann mit dem Walkie-Talkie. Je länger sein Tag im Zoo dauert, desto größere Flecken weist seine helle Stoffhose auf. Der Mann, der immer ein Walkie-Talkie an der Gürtelschnalle trägt und dessen graue Haare zielstrebig zur linken Seite stehen, fährt oft mit einem grünen Elektroauto durch den Park, um zu sehen, wo Not am Mann ist. Jedem einzelnen Tier ruft er ein „Hallo, mein Schatz“ zu. Oft hält er an, um seine Hand durch einen Käfig zu stecken. Sätze wie diesen hört man häufig: „Ich sage immer: Fangt nicht an, euch um Tiere zu kümmern, denn dann kümmern euch die Menschen nicht mehr.“ So liebevoll er mit seinen Schützlingen umgeht, so verschlossen ist er zu Menschen. Sein ganzes Leben hat Pierre den Tieren gewidmet. Mit 14 geht er von der Schule ab, macht eine Ausbildung zum Gärtner, um dann einen Tierpark aufzubauen. Seine Frau Eliane lernt er früh kennen, beide verbindet nicht nur die Liebe zueinander, sondern auch der Traum, mit Tieren zusammenzuleben. Heute kümmert sich der 68-Jährige um 31 Angestellte und über 80 Tierarten. Elf Gorillas beherbergt er im Park.

 

Heiße Schokolade zum Frühstück. Doch nur mit einem lebt er zusammen: Digit. Es ist eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch. Am 27. Oktober 1998 kommt Digit in Saint-Martin-La-Plaine zur Welt, doch ihre Mutter säugt sie nicht. Pierre und Eliane nehmen sie bei sich auf, geben ihr alle drei Stunden die Flasche. Als Digit mit knapp zwei Jahren am Bauch operiert werden muss, weichen die Thivillons nicht von ihrer Seite. „Als wir dann wieder bei uns schlafen wollten, nahm uns Digit bei der Hand und zog uns wieder zurück. Da haben wir uns gesagt: Gut, wir bleiben noch eine Nacht – das war vor elf Jahren!“

Der Alltag mit seiner „Tochter“ läuft für Pierre immer gleich ab. Morgens gegen halb sieben wacht Digit auf, räkelt sich im Bett und wartet darauf, dass Pierre oder Eliane das Frühstück bringen. Das ist natürlich französisch: heiße Schokolade und Gebäck zum Eintunken. Während die Thivillons tagsüber im Zoo arbeiten, ist Digit in ihrem Gehege, damit sie ein möglichst artgerechtes Leben hat. Doch bevor sie morgens durch das hochgelassene Gitter geht, will sie gestreichelt werden – damit der Abschied nicht so schwerfällt. Abends zurück im Zimmer, wird noch in ein paar Zeitschriften geblättert, geküsst und das Fell gebürstet, bevor es ab ins Bett geht – und zwar für alle: „Wenn Digit um halb zehn schlafen geht, dann müssen wir auch um halb zehn schlafen.“ Die verwöhnte Gorilladame lässt einen fast vergessen, dass sie 150 Kilogramm wiegt und mit wenigen Hieben töten könnte. Für einige Zeit lebte auch Digits Gorilla-Bruder bei den Thivillons – bis er zu dominant wurde.
Zu Digit haben Pierre und Eliane ein weltweit einzigartiges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Dass die Gorilladame Teil der Familie wurde, stand für das kinderlose Paar fest: „Eliane hat das Leben mit Digit nie in Frage gestellt, im Gegenteil, sie ist noch ein wenig verrückter als ich“, sagt Pierre schmunzelnd. Wenn er über seine französischen Kollegen aus anderen Tierparks spricht, ist er verhaltener. Das Zusammenleben mit einem Gorilla hat Pierre Thivillon beruflich etwas isoliert. Doch sein Park besitzt eines der größten Gorillagehege Europas, und das respektieren auch die Kollegen.

 

Zwischen Vaterrolle und Freiheit. Was Digits Zukunft angeht, ist Pierre hin- und hergerissen zwischen seinen Vatergefühlen und Digits Freiheit. Ihm fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Digit irgendwann nicht mehr bei ihm lebt. Doch er weiß, dass der Moment kommen wird, kommen muss: „Wenn ich nur einmal ins Krankenhaus müsste, dann hätten wir ein enormes Problem“, sagt Pierre, der nicht mehr der Jüngste ist. Bald soll Digit mit zwei Gorilla-Weibchen und einem Männchen ein Gehege teilen – und frei wählen, ob sie bei Pierre und Eliane übernachtet oder lieber bei ihresgleichen. „Das Schönste wäre, wenn Digit ein Baby haben könnte“, sagt Pierre und seine Augen leuchten. Doch seine Frau sieht das kritisch: „Wer sollte sich denn um die beiden kümmern, wenn wir einmal nicht mehr sind?“ Die fast normalen Ängste von – Eltern eben.

 

DIANA AUST FÜR DAS MAGAZIN

 

Kategorien: Juni 2011