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SENTA BERGER UNGEZÄHMT

Bayerischer Rundfunk/ Edition M

Bayerischer Rundfunk/ Edition M

Mit 16 Jahren spielte sie ihre erste Filmrolle und prägte von da an die deutsche Film- und Fernsehlandschaft. Mit großen Theaterrollen und erfolgreichen TV-Produktionen wie „Kir Royal“ oder „Die schnelle Gerdi“ avancierte Senta Berger zum Publikumsliebling. Zu ihrem 70. Geburtstag sprach ARTE exklusiv mit der Schauspielerin über ihre Rollen, ihren Erfolg und ihre langjährige Ehe mit dem Regisseur und Produzenten Michael Verhoeven.

ARTE: Frau Berger, Sie sind eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands – wie fühlt sich das an?

SENTA BERGER: Ich denke nicht über mich in diesen Kategorien nach. Es ist einfach schön, wenn ich die Wärme und Zuwendung eines Publikums nach einer Lesung spüre. Aber dieses Gefühl trägt nicht lange. Am nächsten Tag muss ich mich wieder auf mich verlassen, auf meine beruflichen und privaten Entscheidungen.

ARTE: 50 Jahre Schauspielerei – das schaffen nicht viele. Was macht Ihren Erfolg aus?

SENTA BERGER: Im Großen und Ganzen habe ich Glück gehabt. Mein Vertrauen in mich ist gewachsen. Sicherlich gibt es für freischaffende Künstler immer Notwendigkeiten, die eine ungezwungene Entscheidung für Rollen schwierig machen. Zum Beispiel muss – wie bei jedem anderen auch – am Monatsende die Miete bezahlt werden. Doch konnte ich Rollen ausprobieren, Rollenfächer wechseln und auch Fehler machen, ohne meine Glaubwürdigkeit zu verlieren. So scheint es mir.

ARTE: Die Rolle als impulsive Taxifahrerin in „Die schnelle Gerdi“ machte Sie zum Publikumsliebling. Wie viel Gerdi steckt in Ihnen?

SENTA BERGER: Die Figur der Gerdi ist mir die liebste Rolle unter den vielen, die ich gespielt habe. Vielleicht, weil ich als Gerdi noch einmal ungebremst die Senta von früher sein durfte. Das Vorstadtmädel: spontan, unvorsichtig, ungeduldig – eben ungezähmt.

ARTE: Sie waren in den 1960er Jahren ein Hollywoodstar, drehten mit Kirk Douglas. Haben Sie je bereut, Hollywood den Rücken gekehrt zu haben?

SENTA BERGER: Ich hatte in den amerikanischen Filmen wichtige Stars an meiner Seite. Das macht aber nicht immer auch einen guten Film. Die amerikanische Gesellschaft war tief durch den Vietnam-Krieg gespalten. Nach und nach spielten der Krieg und seine Folgen in den Filmen eine Rolle. Eine junge Filmemacher-Generation trat an – mit eigenen, amerikanischen Themen. Ich hatte einen kontinentalen Akzent und konnte zwar den amerikanischen Akzent imitieren, diese Herkunft aber nicht wirklich verkörpern. Das verwehrte mir den Zugang zu den interessanten Rollen. Daher wollte ich zurück nach Europa. Mein Mann und ich hatten mittlerweile auch eine kleine, unabhängige Produktionsfirma in München gegründet.

ARTE: Sie kämpften in den 70ern für Abtreibung, sind bis heute politisch engagiert. Was treibt Sie an?

SENTA BERGER: Die Zurücksetzung der Frau auf allen beruflichen Gebieten, die Kriminalisierung von Frauen, die sich gegen ein Kind entscheiden, oftmals von ihren Männern dazu gezwungen – dies alles war meiner Generation ein selbstverständliches Anliegen. Der Paragraph der Abtreibung ist neu geregelt. Aber es ist falsch, mein politisches Engagement nur daran festmachen zu wollen.

ARTE: Ist Ihr politisches Engagement typisch für Ihre Schauspielgeneration?

SENTA BERGER: Ja, das denke ich. Jeder hatte eine Meinung und teilte sie auch mit. Und natürlich auch die Schauspieler.

ARTE: Sie sind seit 44 Jahren glücklich mit Michael Verhoeven verheiratet und haben eine gemeinsame Produktionsfirma. Was ist Ihr Geheimrezept?

SENTA BERGER: Wenn ich es wüsste, würde ich ein Buch schreiben, „Geheimrezept einer Ehe“ oder so. Es würde ein Bestseller werden. Aber nein, ich würde es doch nicht schreiben. Es gibt kein Geheimnis. Wir waren zwei sehr unterschiedliche Menschen, die sich fast noch als Kinder kennengelernt haben und miteinander erwachsen geworden sind. Die alles miteinander teilen, die Höhenflüge und die Niederlagen, die erkennen, welches Glück sie haben.

ARTE: Aktuell drehen Sie den Kinofilm „Ruhm“ nach dem Buch von Daniel Kehlmann. Gibt es eine Rolle, die Sie noch einmal spielen wollen?

SENTA BERGER: Nein. Es gibt den großen Wunsch nach guten Konditionen, in denen gute Geschichten in packenden Dialogen erzählt werden können. Oftmals ist dieser Wunsch auch in Erfüllung gegangen. Wie bei „Unter Verdacht“ und zuletzt „Ruhm“.

ARTE: Sie feiern am 13. Mai Ihren Geburtstag – welche Bilanz ziehen Sie?

SENTA BERGER: Zieht man die Bilanz nicht nach einem abgeschlossenen Rechnungsvorgang? Ich bin aber erst bei der Zwischenrechnung.

ARTE: In einem Interview haben Sie Ihren Mann aufgefordert, Sie zum Geburtstag nach Venedig einzuladen. Hat sich der Wunsch erfüllt?

SENTA BERGER: Aber natürlich!

INTERVIEW: CLAIRE ISAMBERT

 

 

Die vier Karrieren der Senta Berger

 

Am 13. Mai feiert Senta Berger ihren 70. Geburtstag. ARTE gratuliert – und verneigt sich vor einer der modernsten Frauen des deutschen Films

 

Während der Filmfestspiele gleicht das Foyer des Berliner Hyatt Hotels einem Hauptbahnhof in der Rush Hour. Die Menschen rufen, rempeln, verbreiten Hektik. Ausgerechnet hier Senta Berger zu treffen, scheint ein schwieriges Unterfangen. Doch sie sitzt ganz unscheinbar in einer Ecke und wartet. Ihr Lächeln bei der Begrüßung ist zauberhaft. Dann steht sie auf und es ist, als habe sie ein Licht angeknipst. Unbewusst drehen sich die Menschen nach ihr um, die eben noch unscheinbare Frau hat sich in eine Filmdiva verwandelt. Diese Frau ist ein Ereignis.

 

Die junge Senta Berger

Andere Schauspielerinnen mögen attraktiv, hübsch, sexy oder lasziv sein. Die junge Senta Berger ist wunderschön. Schon als Kind interessiert sich die Tochter eines Wiener Musikers für die Schauspielerei. Besucht die Ballettschule, liebt es, sich zu verkleiden, verschlingt jede Ausgabe der populären Zeitschrift „Film und Frau“. Sie wird bei Max Reinhardts renommierter Wiener Schauspielschule angenommen und steht schon mit 14 Jahren vor einer Kamera. Es sind Heimatfilme mit Titeln wie „Die Lindenwirtin vom Donaustrand“ (1957), die ihre erste Karriere kennzeichnen. Damals habe sie, so Senta Berger, „gestaunt und gelernt“. Die Göre erkundigt sich bei den Filmtechnikern, was der Unterschied zwischen Teleobjektiv und Weitwinkel ist, wie man welche Stimmung durch Licht erzeugt und wieso Kameraschienen kurz oder lang gelegt werden. Für die Crew, die zu jener Zeit nur aus Männern besteht, amüsant und irritierend zugleich.

Westernstar Richard Widmark sitzt eines Abends bei den Bergers in der Küche, um Senta für den amerikanischen Wien-Thriller „Geheime Wege“ (1959) zu engagieren. Der Vater unterschreibt den Vertrag für seine minderjährige Tochter. Bald kommen auch Rollenangebote aus Deutschland, doch nonstop Filme drehen wie „Meine Frau, das Callgirl“ (1961) wirkt auf die schauspielwütige Senta eher lusthemmend.

 

Hollywood

Zu ihrem Glück sprechen sich ihre Schönheit und ihr Talent bis nach Hollywood herum. Sie ergreift die Chance zur zweiten Karriere – und sitzt mit einem Herz voller Heimweh am Set des Westerns „Sierra Chariba“ (1964). „Die Kollegen waren eine verschworene Machogemeinschaft“, erinnert sie sich ungern. Trotzdem bleibt sie in den Staaten. Und dreht. Und dreht. Zum Beispiel mit John Wayne, Charlton Heston, Kirk Douglas, Dean Martin oder Frank Sinatra. Das Columbia Studio nimmt sie für fünf Jahre unter Vertrag. Besser geht’s nicht. Doch Senta Berger findet die Einstellung zum Krieg bei vielen Amerikanern bedrückend. Als die Nachrichten aus Vietnam immer schockierendere Ausmaße annehmen, kündigt sie den Vertrag, geht Ende der 1960er Jahre nach Italien – und erlebt mit dem Start ihrer dritten Karriere „einen wunderbaren Kulturschock“.

 

Star in Europa

Das Essen, die Sonne, der italienische Charme und Erfolge wie die Komödie „Einsame Herzen“ (1969) verführen sie sogar zu freizügigeren Rollen. Nur mit einem Fell bekleidet krabbelt sie durch die Klamotte „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ (1970) – bis heute ein Klassiker für Trashfans. Doch wie selbstverständlich steht sie nach derlei Flachsinn für anspruchsvolle Literaturverfilmungen à la „Der scharlachrote Buchstabe“ (1973) vor der Kamera.

 

Senta Berger genießt den Ruf eines europäischen Superstars, spielt mit Alain Delon in Frankreich, Giuliano Gemma in Italien, Mario Adorf in Deutschland – und erlebt Ende der 1970er Jahre das Einknicken der europäischen Filmindustrie vor Hollywoods neuem Popcorn-Kino. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Regisseur Michael Verhoeven, hält sie ihre Visionen von gutem Kino dagegen: Sie produziert unter anderem 1982 den Film „Die weiße Rose“ über den Widerstand der Geschwister Scholl gegen den Nationalsozialismus, er gewinnt den Deutschen Filmpreis. 1990 folgt „Das schreckliche Mädchen“, der mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet wird.

 

Publikumsliebling und Produzentin in Deutschland

Und sie entdeckt für ihre vierte Karriere das deutsche Fernsehen. Als großherzige Münchner Taxifahrerin „Die schnelle Gerdi“ (1989–2003) avanciert sie zum Publikumsliebling. Für ihre Rolle einer lebensklugen Kriminalrätin in der Serie „Unter Verdacht“ (ab 2002) erhält sie bereits 2003 den renommierten Grimme-Preis. 2010 kommt für das Fernsehspiel „Frau Böhm sagt Nein“ ein weiterer Grimme-Preis hinzu. Nicht weniger als sechs Filme hat Senta Berger während der vergangenen anderthalb Jahre gedreht, darunter zuletzt „Ruhm“, die Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Daniel Kehlmann.

 

Senta Berger heute

Heute ist Senta Berger eine Frau, die den Begriff der „70-Jährigen“ außer Kraft setzt. Weil sie ihr früheres Image von der schönen Schauspielerin nicht mitnimmt, sondern ein modernes Frauenbild verkörpert. Während andere in ihrem Alter es ruhiger angehen lassen, stürzt sie sich in jeden neuen Tag. Steht pro Jahr für mindestens drei Filme vor der Kamera, bereitet in ihrer Münchner Produktionsfirma Sentana Film neue Projekte vor, hält Vorträge, engagiert sich, zum Beispiel für die Tierschutzorganisation Pro Wildlife. In Talkshows schwärmt sie nicht von früher, sondern setzt sich mit der Gegenwart auseinander. Zum Beispiel mit dem heiklen Thema, inwieweit die Würde des Menschen mit einem Freitod vereinbar ist. „Satte Farben vor Schwarz“, ihr jüngster Kinofilm von 2010, beschäftigt sich auf bewegende Weise damit. Weiblichkeit und Stärke, Verletzlichkeit und Mut, Schönheit und Klugheit, Warmherzigkeit und Entschlossenheit – das ist Senta Berger.

ls großherzige Münchner Taxifahrerin „Die schnelle Gerdi“ (1989–2003) avanciert sie zum Publikumsliebling. Für ihre Rolle einer lebensklugen Kriminalrätin in der Serie „Unter Verdacht“ (ab 2002) erhält sie bereits 2003 den renommierten Grimme-Preis. 2010 kommt für das Fernsehspiel „Frau Böhm sagt Nein“ ein weiterer Grimme-Preis hinzu. Nicht weniger als sechs Filme hat Senta Berger während der vergangenen anderthalb Jahre gedreht, darunter zuletzt „Ruhm“, die Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Daniel Kehlmann.

 

JOCHEN SCHÜTZE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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SENTA BERGER:

Senta Berger, 1941 in Wien geboren, beteiligte sich 1971 an der von Alice Schwarzer iniierten Aktion „Wie haben abgetrieben!“. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich zudem als Botschafterin für die Tierschutzorganisation Pro Wildlife und für die José Carreras Leukämie-Stiftung.

 

„Ruhm“ (2011), „Schlaflos“ (2009), „Unter Verdacht“ (ab 2002), „Das schreckliche Mädchen“ (1989), „Die schnelle Gerdi“ (1988-1989 und 2003, TV-Serie), „Kir-Royal“ (1984-1986, TV-Serie), „Die weiße Rose“ (1982), „Wer im Glashaus liebt“ (1971), „Der Schatten des Giganten“ (1966), „das Testament des Dr. Mabuse“ (1962), „Der brave Soldat Schwejk“ (1960), „Die Reise“ (1958)

Kategorien: Mai 2011