MONTY PYTHONS UNSINN DES LEBENS

Monty Python kennt jeder – wirklich? Wer waren die sechs Komiker, für die ein Beatle sein Haus verpfändete, deren Comedystil es als "pythonesque" ins Lexikon schaffte und die Alfred Biolek nach Deutschland holte?

Lord Delfont war "not amused". Der Boss des mächtigen Unterhaltungskonzerns EMI beschäftigte sich eigentlich nicht mit dem Tagesgeschäft, aber jetzt, im Februar 1978, hatte er es doch getan: Er hatte ein Drehbuch gelesen. Das Drehbuch zu einem Film, den seine Firma im Begriff war zu produzieren. Kulissen waren gebaut, Flugtickets für Schauspieler und Crew gebucht. Nur das Drehbuch war ein Problem, zumindest für Lord Delfont: Es sei obszön, ja blasphemisch, ließ er wissen, und es sei daher gar nicht im Sinne der EMI, mit dieser Sorte Film in Verbindung gebracht zu werden. Zwei Tage vor Drehbeginn zog er die Finanzierung zurück.

Der obszöne Film war Monty Pythons "Das Leben des Brian". Sein Retter erschien in Gestalt von Beatle George Harrison. Er stemmte die Finanzierung im Alleingang, und der Satz von der wohl teuersten Kinokarte der Filmgeschichte machte die Runde. Lord Delfont aber verewigten die Pythons am Ende von "Das Leben des Brian" – im berühmtesten Monty-Python-Song "Always Look on the Bright Side of Life". Doch dazu später.

In dem Jahr, als der erste Mensch den Mond betrat, begannen vier Engländer, ein Waliser und ein Amerikaner mit einer für die damalige Zeit völlig neuen Art von Fernsehhumor. Am 5. Oktober 1969 ging eine BBC-Show auf Sendung, deren Name so albern wie sinnfrei war: "Monty Python’s Flying Circus". Am Anfang mussten sich die sechs Mitglieder der Truppe in Interviews die Frage gefallen lassen, wer von ihnen denn nun "dieser Monty" sei. Tatsächlich war der Name, wie die Show selbst, nichts als zusammengesetzter Nonsens. Das Prinzip der Serie war, dass es keins zu geben schien, aber natürlich unterlagen auch die knapp halbstündigen Blödeleien gewissen Gesetzmäßigkeiten. Neu und besonders machte "Monty Python’s Flying Circus" eine Mischung aus Sketchen, Einspielfilmen und Parodien von Talk- oder Quizshows.

Und nun zu etwas völlig anderem …
"And now for something completely different": Mit diesen Worten leitete John Cleese, korrekt an einem Schreibtisch sitzend, in "Monty Python’s Flying Circus" zum nächsten Sketch oder Filmsegment über. Der Kniff war genial: Passte etwas nicht zusammen, verknüpfte man es durch die Ansagen von Cleese oder die irrwitzigen Tricksequenzen des Cartoonisten Terry Gilliam. Die Pythons, wie sie bald nur noch hießen, waren Individualisten und sich anfangs gar nicht grün – der Egozentriker John Cleese, der versöhnliche Michael Palin, der impulsive Terry Jones, der versponnene Eric Idle, der konfrontative Terry Gilliam und der charmant-unzuverlässige Graham Chapman. Sie kannten sich vom Studium in Oxford und Cambridge und von anderen Fernseh-Arbeiten. Schon damals waren die Pythons vor allem auch Konkurrenten, und das sollte so bleiben – John Cleese erklärte später, man wünsche den anderen jeden Erfolg, aber bitte nicht mehr, als man selbst hat …

Witze ohne Pointe
Den Stellenwert, den der britische Humor heute weltweit einnimmt, hat er zu einem nicht unwesentlichen Teil Monty Python zu verdanken. Ende der 1960er Jahre war es revolutionär, Sketche einfach abzubrechen – mit dem Hinweis, das sei nun wirklich zu albern. Die Erwartungshaltung des Pub-likums, dass ein Witz aus Exposition und Pointe zu bestehen hatte, unterliefen die Pythons ständig.Stattdessen konnte ein Sketch aus 44 Sorten Käse bestehen. Tabus kannten die Pythons nicht, selbst das Königshaus war Zielscheibe ihres Spottes. Sie gehörten zu der Generation, die sich, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, mit jeder Form von Autorität sehr schwertat – und sie gnadenlos vorführte. Der Python-Humor hatte seine Wurzeln in britischer Radio-Comedy, vor allem aber im Intellekt seiner Mitglieder: Im "Flying Circus" ließ man Proust im Kanon singen und interpretierte Emily Brontë mit Signalflaggen. Monty Python war elitärer Witz, absurde Albernheit mit doppeltem Boden, auch klassischer Kotzhumor mit der Brechstange – aber nie Mainstream. Das brachte den Pythons vehemente Gegner und ebensolche Fans ein, auch prominente wie Elvis Presley. Der Einfluss war nachhaltig: Nur so erklärt sich, dass der Sketch "Spam" (1970) über das fiese amerikanische Büchsenfleisch Spiced Ham die Bezeichnung "Spam-Mail" für massenweise versandte elektronische Post prägen konnte – Jahrzehnte nach dem "Spam"-Sketch.

Alfred Biolek holte sie nach Deutschland
Das deutsche Fernsehpublikum war mehr als irritiert, als der WDR Anfang 1972 eine deutsche Folge von "Monty Pythons Fliegender Zirkus" sendete: Alfred Biolek, damals Produzent bei der Bavaria, hatte die Truppe nach Deutschland geholt. Aber Deutschland war nicht reif für Monty Python. Dabei konnte man Biolek kaum mangelnden Einsatz vorwerfen: Tagelang fuhr er mit der Truppe durch Bayern, vom Schloss Neuschwanstein bis zum Hofbräuhaus, um auf Ideen für Sketche zu kommen. Als er sich einen Abend ausklinken wollte, warfen die Pythons so lange Steinchen gegen sein Fenster, bis er rauskam und mit ihnen loszog. Heikel wurde es beim Besuch des KZ Dachau: Die Gedenkstätte war im Begriff zu schließen, man wollte die Gruppe nicht mehr hineinlassen. Graham Chapman rief: "Sagt ihnen, dass wir Juden sind". Der Besuch fand statt. Chapman entschuldigte sich später für seinen Satz. In England lief der "Flying Circus" von 1969 bis 1974, insgesamt gab es 45 Folgen. 1974 entstand der erste richtige Kinofilm, die King-Arthur-Komödie "Die Ritter der Kokosnuss". Nicht ohne Probleme: Am ersten Drehtag ging die Kamera kaputt, Terry Jones und Terry Gilliam wollten unbedingt beide Regie führen, und Arthur-Darsteller Chapman litt unter Alkoholentzug.

Kokosnüsse und falsche Propheten
Das Geld kam von Rockbands wie Led Zeppelin und Pink Floyd, üppig war das Budget trotzdem nicht. Da man kein Geld für Pferde hatte, klapperte man mit Kokosnusshälften. Pure Improvisation und einer der schönsten Gags des Films. 1980 folgte "Das Leben des Brian", der bis heute beste Python-Kinofilm mit seiner berühmten Schlusssequenz, dem Chor der Gekreuzigten: Der Film richtete sich nicht gegen Gott, Jesus oder Religion, sondern gegen falsche Propheten und blinde Gefolgschaft. 1983 kam "Der Sinn des Lebens" ins Kino, ein teils geschmackloser Episodenfilm über – ja, den Sinn oder Unsinn des Lebens. Danach war Schluss: Alle Pythons machten Solokarrieren.
Das wahre Ende von Monty Python kam einen Tag vor dem 20. Jubiläum, am 4. Oktober 1989, mit dem Tod von Graham Chapman. Zu offiziellen Anlässen tauchten die fünf Überlebenden auch mal mit Chapmans Asche in einer Urne auf.

2009 standen vier der fünf Pythons in der Royal Albert Hall noch einmal auf der Bühne. Man sang auch den Hit "Always Look on the Bright Side of Life", in dem es am Ende ironisch heißt, die Brian-Macher würden ihr Geld nie wieder reinholen: "Bernie, I said, they’ll never make their money back." Mit "Bernie" war Lord Bernard Delfont gemeint. Jahre später saß er mit George Harrison im selben Flugzeug. Der konnte es sich nicht verkneifen, "Bernie" eine Dankesnotiz zukommen zu lassen. Lord Delfont war "not amused".

FÜR DAS ARTE MAGAZIN: VOLKER BLEECK, AUTOR VON "KOMMEN WIR NUN ZU ETWAS VÖLLIG ANDEREM – 40 JAHRE MONTY PYTHON" (SCHÜREN VERLAG)

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Monty Python

In nicht einmal 15 Jahren schuf die Komikertruppe ein Gesamtwerk, das die Welt der Komik revolutionierte. Darunter der „Papageien“-Sketch und das „Holzfäller-Lied“, eine TV-Serie, vier Kinofilme, ein Konzertfilm, Bücher und Platten.

Die Kinofilme

„Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“ (1971), „Die Ritter der Kokosnuss“ (1974), „Das Leben des Brian (1979), Monty Python Live at the Hollywood Bowl“ (1982), „Der Sinn des Lebens“ (1983)

Kategorien: Mai 2011