MAHLER – PSYCHOGRAMM EINES GENIES

Wenige Begebenheiten in der Musikgeschichte haben die Forschung so sehr interessiert wie der vierstündige Spaziergang, den Gustav Mahler 1910 mit Sigmund Freud unternimmt. Obwohl beide in Wien zu Hause sind, treffen sie sich ein Jahr vor Mahlers Tod im niederländischen Seebad Leiden, wo Freud mit seiner Familie Urlaub macht. Der 50-jährige Mahler ist als Dirigent an der Wiener Hofoper und als Leiter der New Yorker Philharmoniker auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Privat jedoch steht er vor den Trümmern seiner Ehe. Seine 19 Jahre jüngere Frau Alma hat ihn mit dem jungen Architekten Walter Gropius betrogen. Mahler erfährt davon, weil Gropius einen Liebesbrief irrtümlich, gewissermaßen als Freudsche Fehlleistung, an Gustav Mahler adressiert. Die Nachricht stürzt den Betrogenen in bittere Verzweiflung. Er, der gerade an seiner "10. Symphonie" arbeitet, kann keine Note mehr zu Papier bringen.

Der Neurotiker. Mahler, der skeptisch gegenüber Freuds Methoden ist und das Treffen dreimal verschiebt, ist von Alma schließlich doch zu einer Sitzung zu bewegen. Eine Tagesreise nimmt er auf sich, um gerade einmal vier Stunden mit Freud zu sprechen. Der zwingt Mahler zur Auseinandersetzung mit seinen psychischen Problemen, die er als Ursache für die Ehekrise ausmacht. Der Komponist hatte von seiner Frau stets totale Hingabe und den Verzicht auf ihr eigenes Komponieren gefordert. "Du hast von nun an nur einen Beruf", schreibt er ihr, "mich glücklich zu machen!"

Mahler ist ein Workaholic, der einem streng geregelten Lebensrhythmus folgt und sich in den Ferien in ein Komponierhäuschen zurückzieht. Seine vielgerühmte Geistigkeit, die Alma so stark anzog, zeigt bald ihre Schattenseiten. Sie hat den Eindruck, er wolle ihr, der jungen, lebensfrohen Frau, alles Weltliche ungenießbar machen. Nach fünfjähriger Ehe trifft ein Schicksalsschlag das Paar: Maria, die ältere ihrer beiden Töchter, stirbt an Scharlachdiphterie. Mahler ist tief getroffen. Da fast gleichzeitig ein schwerer Herzfehler bei ihm diagnostiziert wird, muss sich Alma nach dem Tod des Kindes um ihn kümmern.

Krankheit und Tod prägten Gustav Mahlers Leben. Als Kind einer jüdischen Familie wird er 1860 im böhmischen Kalischt geboren. Sechs seiner 13 Geschwister sterben früh. Er ist erst 13, als er tagelang am Sterbebett seines Lieblingsbruders Ernst sitzt. 1895 setzt Mahlers 22-jähriger Bruder Otto, den er für äußerst begabt hält, seinem Leben ein Ende. Als Kind muss er mit ansehen, wie der Vater die Mutter derart schlägt, dass sie einen Gehschaden davonträgt – ein Trauma, das der Musiker bei seinem Treffen mit Freud zur Sprache bringt.

Der diagnostiziert eine Besessenheit von der eigenen Mutter: Wie sie leidet er unter krankhaften Angstzuständen und imitiert ihren humpelnden Gang. "Mahler hat in jeder Frau den Typus seiner Mutter gesucht", erwähnt Freud. "Sie war vergrämt und leidend, und dies wollte er unterbewusst auch von seiner Frau." Die Beziehungsprobleme rühren Freud zufolge also von den traumatischen Kindheitserinnerungen her, die zu einem Mutter-Komplex führten. Mahlers Orientierung an Marie, der eigenen Mutter, ging so weit, dass er eine Frau mit gleichem Namen wählte – Alma hieß eigentlich Anna-Marie – und seine Tochter auf den Namen Maria taufte. Freud ist derart fasziniert, dass er den "Marien-Komplex" nach Mahlers Krankheitsbild benennt.

Für Freud steht die Frage im Vordergrund, wie Erinnerungen die künstlerische Arbeit prägen. Bei Mahlers Musik findet er erstaunliche Zusammenhänge: so etwa in den trauermarschartigen Fanfaren zu Beginn der "5. Symphonie", die an die Soldatenkappelle seiner Heimatstadt erinnern. Auf der Flucht vor der häuslichen Gewalt läuft Mahler als kleiner Junge oft weg und lauscht auf der Straße Volksliedern oder Marschmusik des vorbeiziehenden Militärs. Von da an, so konstatiert Freud, ist für Mahler das Traurige untrennbar mit dem Schönen verbunden. Diese unterbewusste Assoziation überträgt er auf seine Melodien, die zwischen Heiterkeit und Bedrückung schwanken. Über seine Analyse an diesem Nachmittag schreibt Freud später, er habe in einem einmaligen Experiment bewiesen, dass man einen so außerordentlichen Mann wie Gustav Mahler in kurzer Zeit analysieren könne: "Es war, wie wenn man einen tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde."

Mit sich im Reinen? So verheerend Almas Ehebruch für den gesundheitlich angeschlagenen Mahler ist, er bewirkt doch eine innere Klärung. Zwar bleibt Mahler bis zum Tod zwangsneurotischen Mustern verhaftet, akzeptiert aber seine Krankheit und erkennt die Schuld an Almas Untreue. Er widmet ihr die "8. Symphonie", die sein größter Triumph wird. Nachdem Mahler ständig zwischen Europa und New York hin- und herreist, kommt er kurz vor seinem Tod nach Wien zurück, in die Stadt, die er immer als Heimat bezeichnete.
Die gefeierte Schönheit Alma und der weltfremde Asket Mahler passen gut in das Wien der Jahrhundertwende, das sich im Aufbruch in die Moderne befindet. Das gemütliche Wien mit seinen Bällen und Kaffeehaus-Literaten verändert sich – mit den ersten Straßenbahnen und Kinematografen. Ein Jahr nach der Begegnung mit Freud bricht der schwer kranke Mahler zusammen und stirbt am 18. Mai 1911. Freuds Honorar hat er nie beglichen.

SIMONE SCHELLHAMMER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: Mai 2011