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AUF IN DIE OPER!

Catherine Ashmore/The Royal Opera

Catherine Ashmore/The Royal Opera

Die Welt der Oper ist am 7. Mai bei ARTE zu Gast. Anlass sind die Europäischen Operntage, die seit 2007 jedes Jahr um den 9. Mai, den Europatag, gefeiert werden. Isabel Joly, Direktorin von RESEO („Europäisches Netzwerk für Opern- und Tanzvermittlung“), über die Chance und Herausforderung, die Oper für ein breites Publikum zu öffnen.

 

 

ARTE: Frau Joly, was hat die Oper mit Europa zu tun?

ISABEL JOLY: Musik ist eine Universalsprache, sie überwindet Länder- und Sprachgrenzen. Selbst wer nie in der Oper war, kennt einige Melodien. Die Oper ist Teil eines kollektiven Gedächtnisses, sie gehört einfach zu unserer europäischen Kultur dazu.

ARTE: Wie wurde die Idee der Operntage geboren?

ISABEL JOLY: 2007, auf Initiative der beiden Organisationen „Opera Europa“ und „RESEO“, entstand ein Pilotprojekt. Vorbild war der sehr erfolgreiche französische Tag des offenen Denkmals. Seit 1984 öffnet er einmal jährlich besondere Orte für Besucher. Wir wollten ausprobieren, ob die Idee auch für die Oper trägt. Und der Andrang war gewaltig!

ARTE: Wie erklären Sie sich das Interesse? Was bieten die Europäischen Operntage, was die Oper das ganze Jahr über nicht vermittelt?

ISABEL JOLY: Unmittelbares Erleben. Wenn jemand an einem Gesangsworkshop teilnimmt und eine Stunde lang mit einem Opernsänger arbeitet, wäre es schön, wenn er hinterher sagt: „Klasse, ich kann auch singen!“ Dadurch werden Berührungsängste abgebaut, der Opernsänger bekommt etwas Erreichbares. Es ist ein Austausch. Uns geht es nicht darum, jedem einzubläuen, dass Oper fantastisch ist. Wir wollen ein Publikum, das seinen eigenen Standpunkt hat und den auch begründen kann.

ARTE: Wie wichtig ist die Kunst für jeden von uns?

ISABEL JOLY: Kunst ist das Fundament der Demokratie. Ein Menschenrecht, das unser Selbstverständnis prägt. Ich finde es auch wichtig, dass öffentliche Gelder zu den Bürgern zurückkehren, so- dass Oper nicht ein Privileg einiger weniger bleibt.

ARTE: Aber genau das ist das Image der Oper: Kunst für eine elitäre Minderheit.

ISABEL JOLY: Das Bild hält sich hartnäckig. Und das, obwohl die Oper sich öffnet, sich ständig neu erfindet. Die modernen Opern haben wenig gemein mit denen des 19. Jahrhunderts oder denen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heutige Komponisten beziehen oft elektronische Musik mit ein, die Themen sind brandaktuell. 2004 führte Péter Eötvös im Pariser Théâtre du Châtelet eine Oper nach Tony Kushners Theaterstück „Angels in America“ auf, das sich mit AIDS auseinandersetzt. Die Komische Oper in Berlin präsentierte zum Mozartjahr 2006 eine Version von „Così fan tutte“, die sich getreu an Mozarts Libretto hielt, aber gleichzeitig mit Hip-Hop-Sequenzen arbeitete: Es entstand ein Dialog zwischen den Genres, der Mozart erlebbar machte. Und im Mai dieses Jahres zeigt die English National Opera „Fausts Verdammnis“, inszeniert von Terry Gilliam, dem Regisseur und Mitglied der Komikertruppe „Monty Python“.

ARTE: An wen richtet sich also die Oper heute?

ISABEL JOLY: Die Oper vereint alle Künste: Musik, Gesang, Theater, bildende Kunst, Tanz. Und weil sie das tut, wendet sie sich an jeden. Sie bleibt in der Gesellschaft verankert. Wenn die Menschen nicht in die Oper kommen, kommt die Oper zu ihnen – es gibt zum Beispiel zahlreiche Projekte in Haftanstalten und Krankenhäusern. Oder in Belgrad läuft zu den Operntagen ein Angebot für Kinder mit Down-Syndrom: Werkstatt-Veranstaltungen und eine Aufführung von Rossinis „Signor Bruschino“.

ARTE: „Junge Ohren“ ist das Thema der Operntage 2011. Ein Motto nur für den Nachwuchs?

ISABEL JOLY: Mit jungen Ohren sind nicht nur Kinderohren gemeint, sondern unser aller Ohren. Ein junges Ohr ist ein vorurteilsfreies Ohr. Das Gehör entwickelt sich als erster unserer fünf Sinne. Trotzdem muss es gefördert, entwickelt, stimuliert werden. Hören will gelernt sein. Und daran arbeiten wir, im Rahmen der Europäischen Operntage und darüber hinaus, kontinuierlich, mit vielen Veranstaltungen und Partnern.

ARTE: Warum beschränken sich die Operntage auf Europa? Ihre Ideale sind weltweit gültig.

ISABEL JOLY: Im letzten Jahr nahm Südafrika teil, im nächsten wird eine Oper in Syrien dabei sein. Das Projekt Operntage ist noch jung. Wir wollen Grenzen öffnen. Das ist vor allem eine Frage der Logistik. Und der Zeit.

ARTE: Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Wunsch für die Oper der Zukunft frei – welcher wäre das?

ISABEL JOLY: Wenn junge Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit sagen würden „Ich gehe in die Oper“, wie sie sagen: „Ich gehe ins Kino“. Das wäre wunderbar.

 

INTERVIEW: KATJA ERNST

 

ARTE PLUS

 

EUROPÄISCHE OPERNTAGE 2011

Von Moskau bis Malaga, von Oslo bis Athen: 104 Spielstätten aus 24 Ländern öffnen am 7./8.5. ihre Türen. Sie bieten Inszenierungen, Workshops, Diskussionen, Führungen u.v.m. Motto 2011: „Junge Ohren“ www.operadays.eu

 

AUF DEUTSCHEN BÜHNEN

 

BREMEN

„Drei alte Männer wollten nicht sterben“,
ab 6 Jahren,
www.theater-bremen.de

DÜSSELDORF

„Der gestiefelte Kater“,
ab 6 Jahren,
www.rheinoper.de

KARLSRUHE

Opernball auf allen
Bühnen des Hauses,
www.staatstheater.
karlsruhe.de

MAGDEBURG

Öffentliche Probe von
Carl Maria von Webers „Freischütz“,
www.theater-magdeburg.de

STUTTGART

Sitzkissenkonzerte
für Vier- bis Achtjährige,
www.staatstheater.
stuttgart.de

 

(Programmauswahl)

Kategorien: Mai 2011