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VERSTRAHLT UND VERGESSEN

Crescendo Films

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Die Geschichte der Familie Torgajbekow ist eine von vielen: Ein Förster heiratete eine schöne junge Frau, und beide wünschten sich in den 1990er Jahren nichts sehnlicher als ein Kind. Als Wali Khan 2002 endlich auf die Welt kam, lautete die Diagnose: Der Junge leidet an Osteogenesis imperfecta, der Glasknochenkrankheit.

 

Das Tschernobyl der Steppe.
Wali Khan wurde mehr als zehn Jahre nach den letzten Atomwaffentests geboren, durchgeführt zur Sowjetzeit auf dem Gelände in der Steppe von Semipalatinsk im Nordosten Kasachstans. Hier leben die Torgajbekows. Der radioaktive Niederschlag war Ursache für zahlreiche Krankheiten, von denen mittlerweile rund zehn Prozent der 16 Millionen Einwohner des zentralasiatischen Landes betroffen sind.

Die Symptome ähneln denen in Tschernobyl. Aber im Gegensatz zu dem Reaktorunfall in der ukrainischen Stadt ist das Testgebiet von Semipalatinsk außerhalb Kasachstans so gut wie unbe-kannt – obwohl es das erste und eines der wichtigsten der Sowjetzeit war.

 

 

„In den westlichen Medien ist Semipalatinsk kaum ein Thema, obwohl bis heute mehr als 1,3 Millionen Menschen an den Folgen der Atom-Ex-plosionen leiden“, sagt Dmitri Kalmikow vom Ökologischen Museum Karandinsk in der Region von Semipalatinsk. Die radioaktive Verseuchung erstreckt sich über eine Fläche von 18.000 km² – sie ist so groß wie Sachsen. Die erste Atombombe wurde 1949 gezündet, als die Sowjetunion nach dem Zwei-ten Weltkrieg ins nukleare Wettrüsten mit den Amerikanern einstieg. 40 Jahre lang testeten die Sow-jets regelmäßig Atomwaffen und zündeten knapp 500 Uran- und Wasserstoffbomben im Testgebiet Semipalatinsk. Die Sprengkraft der Testbomben war zu jener Zeit bereits 2.500 Mal so stark wie die der Hiroshima-Bombe. Die verheerendsten Folgen hatten die 160 Freiluftsprengungen, die bis 1963 stattfanden – dem Jahr, als die UdSSR, die USA und Großbritannien den Moskauer Vertrag unterzeichneten. Ab diesem Zeitpunkt waren erstmals Atomwaffentests in der Atmosphäre, im Meer und im Weltraum verboten. Unterirdisch setzten die Sow-jets jedoch die Versuche bis 1989 fort, bis zur Unabhängigkeit Kasachstans. Während der Sowjetzeit waren die Aktivitäten auf dem Testgelände streng geheim. Die Bevölkerung wusste weder etwas vom radioaktiven Niederschlag noch von dessen Auswirkungen. Erst nach der Auflösung der UdSSR 1991 erklärte man das Testgebiet zur Sperrzone.

Ein erschütterndes Ausmaß.
Wie in Tschernobyl sind auch hier die Schäden für die Bewohner enorm. Das Ackerland ist völlig unbrauchbar geworden, und die Liste der Krankheiten lang. Aigerim Tschinbergen zum Beispiel, die vier Jahre nach den letzten Atomwaffentests geboren wurde, klagt: „Es fällt mir schwer, lange zu laufen, ich kann noch nicht einmal Hausarbeit verrichten.“ Semipalatinsk ist heute weltweit das einzige Gebiet um ein ehemaliges Atomwaffentestgelände, auf dem die Menschen trotz der starken Verstrahlung von bis zu 20.000 Mikroröntgen pro Stunde – der Normwert liegt bei 13 bis 16 – weiterleben. Während der Atomwaffentests und bis heute wurde kein einziges Dorf der Region evakuiert. Die Gefahr einer Krebserkrankung schwebt weiterhin über den Bewohnern dieser Gegend wie ein Damoklesschwert. Ihre Rate ist bei Erwachsenen und Kindern doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Zahlreiche Kinder kommen mit Missbildungen zur Welt und werden von ihren Eltern vor Waisenhäusern ausgesetzt. Zudem ist die Selbstmordrate der Region hoch.

 

Versuch einer Wiedergutmachung.
Den Opfern stehen zwar Invalidenrenten zu, die sie aber erst nach einem langen Papierkrieg bekommen – Schika-nen gehören zum Alltag. Irina zum Beispiel, eine Mittsechzigerin mit Kehlkopfkrebs, lehnte es ab, sich ein drittes Mal operieren zu lassen. Daraufhin wurde ihr der offizielle „Opfer“-Status entzogen. Als Kind hatte sie das schaurige Spektakel der gen Himmel steigenden Atompilze bewundert.

 

Anders als in Tschernobyl griff die Völkergemeinschaft spät ein: Erst 1997 bestätigte die Internationale Atomenergiebehörde, dass der Standort Semipalatinsk schwere Gesundheitsrisiken birgt. Trotzdem gibt es bis zum heutigen Tag kein verlässliches Zugangsverbot zum ehemaligen Atomwaffentestgelände. „Dutzende von Stollen sind immer noch offen. Die Menschen dringen in die gefährlichsten Zonen vor, um Metallstücke und andere radioaktiv verseuchte Teile zu sammeln“, stellt die Umweltschützerin Larissa Ptitskaja fest. Und die Beute wird weiterverkauft: „Es ist unmöglich zu wissen, wohin diese verstrahlten Metallteile letztlich gelangen“, sagt Ptitskaja. Die Zukunft der Betroffenen? Schwierig. Der neunjährige Wali Khan bleibt sein Leben lang Invalide, aber sein Zustand ist immerhin stabil.

 

ARTE-GASTAUTORIN: DANA RISMUKHAMEDOWA IST FREIE JOURNALISTIN IN KASACHSTAN.

 

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Atomwaffentests weltweit:
Bis heute haben weltweit acht Staaten über 2.000 Kernwaffentests durchgeführt. 85 Prozent davon gehen auf das Konto der USA und der ehemaligen Sowjetunion. Danach folgen Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan und Nordkorea. Russland testete zuletzt 1990, Großbritannien 1991. Seit 1992 halten die USA ein Atomtest-Moratorium ein. Frankreich führte eine letzte Serie 1995 durch, China 1996, 1998 folgten Indien und Pakistan. Nordkoreas Tests 2006 und 2009 sind vorerst die letzten.

Kategorien: April 2011