FREIHEIT ZU VERKAUFEN

Ein letzter Blick zurück aufs Land mit seinen Städten und Straßen, Verboten und Vorschriften. Vor ihnen liegt die Freiheit – das Meer. Die Sonne brennt, die Gischt spritzt, und am Horizont treibt ein bizarres Gebilde: Seastead, ihr neues Zuhause, der Vorposten einer neuen Zivilisation. Sie werden die Wahl haben: nicht zwischen Politikern, sondern zwischen Tausenden von schwimmenden Plattformen. Ihre Pässe liegen schon auf dem Meeresgrund; sie sind keine Bürger mehr, sondern Kunden: die Internet-Pioniere.

Der Traum von einem anderen Leben führte sie im Oktober 2008 in einem Konferenzraum zu-sammen: die Cyber-Avantgarde aus dem Silicon Valley in Kalifornien, die ihr Geld bislang mit virtuellen Revolutionen verdiente. Doch warum sich mit dem Cyberspace begnügen, wo auch die reale Welt Platz für Utopien zu bieten hat? "In diesem Raum ist eine Menge guter Verrücktheit versammelt", rief der ehemalige Google-Ingenieur Patri Friedman ihnen zu. "Für eine neue Zivilisation ist das noch nicht genug. Aber es ist ein Anfang." Die kalifornischen Mittdreißiger wollen ausbrechen, doch sie wissen nicht, wohin. Der Wilde Wes-ten gehört 150 Jahre nach den ersten Siedlertrecks längst den Geflügelfarmern, und die Route 66 – einst Symbol grenzenloser Freiheit – den Seniorenreisegruppen. So wandert der Amerikanische Traum auf den Pazifik aus: 200 Seemeilen vor den Küsten beginnt nach UN-Recht jene Freihandelszone, von der sich die Menschen, die sich selbst "Seasteader" nennen, so viel versprechen: Los-sagung von staatlicher Kontrolle, Steuerabgaben und überkommenen Gesellschaftsmodellen.

Die Siedler der Zukunft
Die Freiheit ist zunächst einmal nur so groß wie ein Fußballfeld: Bis 2015 sollen 200 Siedler eine ein Hektar große Plattform in der San Francisco Bay beziehen und ihre eigenen Gesetze aufstellen. Das Festland wird nur noch als Handelspartner eine Rolle spielen; jede Seesiedlung hat ihre eigene Infrastruktur und ihre eigene Wirtschaft. Mit Standortvorteilen: von Aquafarming über Casinos bis zu Organhandel ist alles denkbar.

Die Idee, aufs Meer zu ziehen, ist so alt wie die Menschheit: In Südostasien leben bis heute staatenlose Seenomaden, die nur gelegentlich an Land gehen. Jüngere Versuche libertärer Exzentriker überlebten dagegen oft kaum die Jungfernfahrt und böten genug Stoff für James-Bond-Filme: das Hotelschiff "Operation Atlantis" etwa, das mit den Kanonenbooten des haitianischen Diktators "Papa Doc" Duvalier aneinander geriet und sank. Oder der Immobilienmogul aus Las Vegas, der 1971 die "Republik Minerva" auf Korallenriffen in der Südsee errichtete – und dem König von Tonga weichen musste.

Doch das Seasteading Institute, das Friedman 2008 gründete, ist kein derartiges Wolkenkuckucksheim. Der ehemalige Programmierer baut nicht auf Nullen und Einsen, sondern auf Stahl und Beton. Mit Juristen, Ingenieuren und Ökonomen arbeitet er an konkreten Problemlösungen. Wer die Seasteading-Bewegung verstehen will, muss erst einmal den Mann hinter ihr verstehen. Für einige ist Patri Friedman einfach ein Spinner, für andere der "sexiest geek alive". Der 34-Jährige lebt in einer polyamourösen Ehe und fährt mit einer Autoplakette durch San Francisco, auf der "FRRREAK" steht. Umso überraschender seine Zurückhaltung am Telefon. Friedman gibt sich einsilbig. Kritische Fragen tut er ab; er werde ja nicht der Boss aller Seasteads. Und ohnehin habe alles noch sehr viel Zeit. Im Seasteading Institute wiederum schlägt er einen anderen Ton an: Demokratie ist für ihn eine "romantische Idee", ein autokratisches System die bessere Alternative – "vorausgesetzt, man ist frei zu gehen". Für Inselromantik ist in seinem anarcho-kapitalistischen Denken kein Platz. Die Pioniere sind "Kunden", jeder Staat ein "Unternehmen", die schöne neue Welt bloß ein "Start-up". Das Träumen überlässt er anderen: zum Beispiel den Architekten der schwimmenden Plattformen …

Die Utopie im Meer
"Ich möchte segeln, nicht bloß treiben", sagt der Architekt Marko Järvela über sein Modell, das wie ein geflügelter Drache über dem Wasser schwebt. Für den Architekturwettbewerb des Seasteading Institute, bei dem er den Ästhetikpreis gewann, konzipierte er eine Insel – außen wetterfest, innen wohnlich: Auf drei Ebenen könnten hier bis zu 200 Menschen zusammen leben und arbeiten. Unter dem Glasdach wachsen üppige Pflanzen, die das Raumklima regulieren und die Bewohner mit Gemüse versorgen. Skandinavisches Design für den Amerikanischen Traum. Über der Seasteading-Bewegung schwebt die Ideologie des Libertarismus, einer Extremform des Liberalismus, die Friedman quasi geerbt hat: Sein Großvater, Nobelpreisträger Milton Friedman, wollte fast alle staatlichen Aufgaben privatisieren lassen; sein Vater David fantasierte über die Abschaffung des Staates zugunsten eines totalen Kapitalismus. "Die beiden schrieben", sagt Patri Friedman, "aber es ist ziemlich naiv zu glauben, dass man damit etwas erreicht. Ich will lieber etwas tun." Ihm zufolge sollte schon in diesem Jahr der erste Mensch aufs Meer hinausziehen, 2034 eine Großstadt und in 100 Jahren mindes-tens eine halbe Milliarde Menschen. "Google hat meine Maßstäbe dafür geprägt, wie schnell etwas wachsen sollte", erklärt Friedman. "Wenn wir eine Seastead bauen, ist auch Platz für tausend weitere." Nach den wohlhabenden Pionieren, die 2.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlen können, will Friedman auch Flüchtlinge aufnehmen, die legal auf den Seasteads leben und vor Ort in den Fabriken arbeiten könnten.

Moderne Piraten
Ozeankolonien als Lösung für die Krisen des 21. Jahrhunderts – die Idee klingt verlockend, zumal laut der Internationalen Organisation für Migration bis zur Jahrhundertmitte 200 Millionen Menschen allein durch den Klimawandel heimatlos werden. Doch die Menschheit lässt sich nicht verpacken und einschrumpfen wie Google-Server. Womit sollten die Migranten ihre Reise bezahlen? Und wer verhindert, dass sie auf den Plattformen versklavt werden? Jürgen Knirsch von Greenpeace ist alarmiert: "Ich halte das politische Gedankengut dieser Bewegung für überaus gefährlich. Für die Krisen unserer Zeit brauchen wir dringend weltweite Übereinkünfte, aber diese modernen Piraten wollen sich nur selbst die Rosinen herauspicken. Ihre technologische Gigantomanie würde den Klimawandel und die Ernährungskrise nur verschlimmern."
Doch vielleicht wird es dazu gar nicht kommen: Die meisten Seasteader sind Großstädter, die nie die Enge eines Dorfes erlebt haben. Selbst Patri Friedman will erst aufs Meer ziehen, wenn die Seesiedlungen groß genug sind – vorher würde seine Frau sich langweilen. Ein Kajak-Ausflug des Instituts fiel wegen heftigen Windes ins Wasser, ein Hausboot-Festival wegen der hohen Risiken – die Versicherung wollte nicht bürgen. Möglicherweise wird der pazifische Traum an einfachen Naturgesetzen zerschellen.

CHRISTINA FELSCHEN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

EASY RIDER:

1969 drehen Dennis Hopper und Peter Fonda das Roadmovie "Easy Rider". Es wird zum Symbol für eine Gegenkultur, die vom Glauben an eine bessere Welt beseelt ist: Zwei lässige Bikertypen lassen die verhassten bürgerlichen Normen hinter sich, um die grenzenlose Freiheit der USA zu erleben – und stoßen auf Spießertum und Intoleranz.

Die "Easy Rider" scheitern zwar im Film, doch ihre Vision von alternativen Gesellschaftsformen nimmt heute konkrete Gestalt an: So sind Idealstaaten wie die der Seasteads 40 Jahre nach "Easy Rider" keine Utopien mehr.

Kategorien: April 2011