ELINA GARANCA: DIE RIVALIN

Gabo/DG

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Die Augen einer Katze, die Bühnenpräsenz einer Schauspielerin und eine Stimme, die betört: Elina Garanča ist der neue Star unter den Mezzosopranis-tinnen. Sie selbst, die 2007 und 2009 den ECHO-Klassik-Award gewann und in den großen Opernhäusern der Welt zu Hause ist, bezeichnet sich nüchtern als „Hard Worker“. Geboren 1976 in Riga als Kind zweier Musiker, studierte sie an der Lettischen Musikakademie Gesang. Spät entschied sie sich für das Opernfach – ihren Erfolg weiß sie umso mehr zu schätzen. Das ARTE Magazin sprach mit ihr über die Anfänge, ihre Traumrolle und ihren Part als Giovanna Seymour in „Anna Bolena“.

 

ARTE: Frau Garanča, vor Ihrem ersten Auftritt als Giovanna Seymour 1998 hatten Sie zehn Tage Zeit, um sich vorzubereiten. Waren Sie sehr aufgeregt?

 

ELINA GARANČA: Es ging alles so schnell, dass gar kein Lampenfieber aufkam. Damals war ich noch Studentin, es war meine erste professionelle Bühnenrolle. Meine Lehrerin rief mich an und fragte, ob ich in Bukarest und Athen einspringen könnte. Ich sagte spontan zu, obwohl ich nicht einmal den Klavierauszug kannte. Meine einzige Sorge war, ob ich mir so rasch den Text merken könnte. Mit 22 Jahren ist man doch recht unbefangen.

ARTE: Was reizt Sie an der Rolle der Giovanna, die Sie jetzt an der Wiener Staatsoper verkörpern?

 

ELINA GARANČA: Mich interessiert das Verhältnis, in dem die drei Figuren zueinander stehen. Das beeinflusst nicht nur meine gesangliche Interpretation, sondern auch die Körpersprache. Als angehende Königin, die mit einer Königin kommuniziert, bewegt man sich auf eine bestimmte Weise. Und es ist wichtig, mit wem ich auftrete. Anna Netrebko singt die Bolena anders als Edita Gruberová.

 

ARTE: Mit Anna Netrebko traten Sie schon als Romeo und Julia in Bellinis „I Capuleti e i Mon-tecchi“ auf. Da waren Sie ein Liebespaar, jetzt sind Sie Rivalinnen …

 

ELINA GARANČA: Endlich können uns die Journalisten als Rivalinnen darstellen! (lacht) Nein, im Ernst: Anna und ich verstehen uns ausgezeichnet. Wir sind beide in der Sowjetunion aufgewachsen, können über dieselben Filme aus Kindertagen lachen und sprechen Russisch miteinander. Das schafft eine gewisse Intimität zwischen uns.

ARTE: Als Romeo hatten Sie auf der Bühne die Hosen an. Fällt es Ihnen leicht, sich in einen Mann zu verwandeln?

 

ELINA GARANČA: Auf der Bühne macht es für mich keinen Unterschied, welches Geschlecht ich verkörpere. Ich glaube ohnehin, dass jeder von uns eine doppelte Sexualität in sich trägt. Frauen haben auch männliche und Männer weibliche Seiten. Wenn ich also als Romeo oder als Octavian im „Rosenkavalier“ auftrete, ist das ein reizvolles Spiel. Bei den Vorbereitungen auf meine ersten „Hosenrollen“ habe ich Männer beobachtet. Inzwischen ist mir das in Fleisch und Blut übergegangen.

ARTE: Waren Sie schon immer eine so gute Beobachterin?

 

ELINA GARANČA: Meine Mutter ist auch Sängerin. Schon als Kind habe ich ihr nicht nur aufmerksam zugehört, sondern auch zugeschaut. Mich interessierte es sehr, wie man auf hohen Absätzen läuft und sich mit langer Schleppe fortbewegt.

ARTE: Sie verkörpern gern dunkle Charaktere. Wie dunkel ist Giovanna Seymour?

 

ELINA GARANČA: Ich sehe sie als stolze Person. Als sie hört, dass Anna Bolena geköpft werden soll, fleht sie Heinrich um Gnade an – vergeblich. Andererseits lockt sie der Ruhm, und sie wird zum Instrument des Königs.

ARTE: „Anna Bolena“ ist eine Belcanto-Oper. Wann haben Sie Ihre Nähe zu dieser Gesangstechnik entdeckt?

 

ELINA GARANČA: Als Studentin kannte ich natürlich Bellinis „Norma“ und habe zu Hause die Arie „Casta Diva“ mitgesungen. Richtig vertraut wurde ich mit dem Belcanto aber erst später. Viele Arien sind sehr hoch für eine Mezzo-Stimme und werden häufig von Sopranistinnen gesungen. Ich komme aber mit Partien in höheren Lagen sehr gut zurecht. Der Reiz liegt darin, die Stimme gleichmäßig in allen Registern zu beherrschen. Mit 34 Jahren habe ich genügend Erfahrung gesammelt, insofern ist der Auftritt in „Anna Bolena“ ideal. Ich will mich allerdings nicht auf diese Stilrichtung festlegen. Ich mag es, meine Stimme beweglich zu halten.

ARTE: Was verbinden Sie mit der Wiener Staatsoper, die zu den Meilensteinen Ihrer Karriere zählt?

 

ELINA GARANČA: Ich habe viele Erinnerungen an das Haus, zum Beispiel an mein Debüt als Lola in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“. Der Erwartungsdruck machte mir ziemlich weiche Knie. Das Wiener Publikum ist sehr anspruchsvoll.

ARTE: Gibt es für Sie eine Traumrolle?

 

ELINA GARANČA: Die Amneris aus Verdis „Aida“! Im Moment bin ich zu jung für die Partie. Meine Stimme hat noch nicht die natürliche Dramatik, die erforderlich ist. Mit jedem Jahr komme ich diesem Ziel aber näher. Ich brauche einfach noch ein bisschen Geduld

INTERVIEW: CORINA KOLBE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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DIE OPER „ANNA BOLENA“

 

Ihre Uraufführung 1830 in Mailand war ein Triumph, dem Komponisten Gaetano Donizetti brachte sie den internationalen Durchbruch: die Belcanto-Oper „Anna Bolena“, eine Dreiecksgeschichte in zwei Akten. Sie ist angelehnt an das Schicksal der historischen Anne Boleyn, der zweiten Frau des englischen Königs Henry VIII. Er ließ Anne 1536 enthaupten, um elf Tage später ihre Gesellschafterin Jane Seymour zu heiraten. In Donizettis Liebestragödie stehen sich beide Frauen als Anna (Sopran) und Giovanna (Mezzosopran) gegenüber.

 

ZUM HÖREN (Auswahl)

 

Elina Garanča: „Carmen“ (2010), „Habanera“ (2010), „Bel Canto“ (2009). Elina Garanča und Anna Netrebko: „Bellini. I Capuleti e i Montecchi“ (2009) – alle CDs: Deutsche Grammophon

Kategorien: April 2011