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EINE WIE TAG UND NACHT

SWR/Florian Braun

SWR/Florian Braun

Peng! Die kleine Rebecca drückt ab. Gitti presst einen Schrei aus ihrer Kehle. Ein schockierter Blick, ein letzter Griff ans Herz, bevor sie mit aufgerissenem Mund ins Wasser fällt.

 

Nicht zuletzt für diese fulminant vorgetäuschte Sterbeszene aus „Alle Anderen“ prämierte die Jury der Berlinale 2009 Birgit Minichmayr mit dem Silbernen Bären – für sie der erste Filmpreis überhaupt. Mit großer Intellektuellenbrille saß sie während der Preisverleihung im Berlinale-Palast und konnte ihr Glück nicht fassen. Auf der Bühne zupfte sie sich nervös am Kleid. Heute sitzt die zierliche Österreicherin mit der Reibeisenstimme gelassen in einem Café in Berlin-Kreuzberg, mit derselben Brille, aber in Jeans und Pulli. Es läuft Louis Armstrongs „Summertime“ und Minichmayr erinnert sich an die drei warmen Monate, die sie 2008 mit dem Drehteam von „Alle Anderen“ auf Sardinien verbrachte. Dass die Schauspielerin vom Theater kommt, verraten ihre Gesten: Andächtig hält sie die Arme, wenn sie spricht. Ob sie nach den Jahren, die vergangen sind, noch Kontakt zu Maren Ade, der Regisseurin von „Alle Anderen“, hat? „Natürlich!“, sagt sie mit Nachdruck, denn bis heute verbindet beide ein freundschaftliches Verhältnis. Birgit Minichmayr weiß, was sie will. Von Maren Ade war sie so beeindruckt, dass sie in „Alle Anderen“ unbedingt mitspielen wollte: „Ich war durch Marens Erstlingsfilm ,Der Wald vor lauter Bäumen‘ sehr neugierig. Ich schätze sie und ihre Arbeit als Filmemacherin sehr, ihren genauen und eigenwilligen Blick auf das Leben.“

 

Minichmayr und die Anderen
Maren Ade erzählt in „Alle Anderen“ die Geschichte des ungleichen Paars Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger), dessen Beziehung an einem Scheideweg steht. Er: ein verkannter Architekt, schlaksig und hadernd mit sich und der Welt. Sie: PR-Frau bei einem Musiklabel, zuweilen albern, manchmal kindisch, immer direkt. Während eines Urlaubs auf Sardinien beginnen beide, den anderen und sich selbst zu hinterfragen: Ist er männlich genug? Warum nimmt sie nichts ernst? Bin ich das, was der andere will? Fragen, die Maren Ade am Ende ihres Films unbeantwortet lässt; ebenso wie die entscheidende Frage nach Trennung oder Neuanfang: „Es war Maren wichtig, dass es keinen Urteilsspruch gibt.“ Und wie, meint Minichmayr, nimmt die Geschichte ihren Lauf? „Ich glaube nicht, dass sie sich nach dem Urlaub sofort trennen. Allerdings würde ich ebensowenig davon ausgehen, dass die beiden für immer zusammenbleiben.“

 

Sie verschwendet sich
Seit Minichmayrs Erfolg mit „Alle Anderen“ ist ihr Leben in Bewegung: In Wolfgang Murnbergers „Der Knochenmann“ wird sie 2009 als Küchenchefin einer österreichischen Backhendlstation in Mordfälle verwickelt. Auf der Bühne gibt Minichmayr 2010 die jedes Jahr viel beachtete Buhlschaft in Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Auch das nächste Projekt ist in Planung: In Frank Wedekinds „Lulu“ ist sie ab Mai in Wien zu sehen.

 

Je nachdem, wie es die Rolle verlangt, performt Minichmayr mit Wiener Schmäh oder gibt die Berliner Schnauze – eine „Zweisprachigkeit“, die ihr Werdegang mit sich bringt. 1977 kommt Minichmayr im oberösterreichischen Linz zur Welt. Von der Schule weg wird sie am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien aufgenommen, wo Klaus-Maria Brandauer ihr Mentor ist. Seit Beginn ihrer Theaterlaufbahn 1999 war sie in über 20 Rollen am Wiener Burgtheater und an der Berliner Schaubühne zu sehen. „Birgit verschwendet sich“, beschrieb Monica Bleibtreu einst Minichmayrs Art zu spielen. Brandauer sagt heute über ihre Entwicklung: „Zur Intensität des Anfangs ist Birgits Lebenserfahrung gekommen. Mittlerweile sehe ich in ihren Figuren eine Gelassenheit, die mir neu ist.“ Mit ihrer Stimmgewalt und ihrer Ausdruckskraft vereint Minichmayr punkige Göre und klassisches Schauspiel, eine Vielfalt, die sie zu den gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands und Österreichs macht. Mit ihr wird das Publikum zur Dirne und zur Lady Macbeth, zum Narren oder zur verlotterten Marktfrau – letztere spielte sie 2006 in Tom Tykwers Verfilmung des Bestsellers „Das Parfum“: Auf einem stinkenden Fischmarkt des 17. Jahrhunderts gebiert sie Jean-Baptiste Grenouille, der zum Held der Geschichte und zum Frauenmörder wird.

 

Ein Blick aus dem Fenster des Berliner Cafés verrät, wie klirrend kalt es draußen ist. Für Minichmayr nicht der Rede wert: Eben hat sie im norwegischen Hammerfest gedreht – bei sibirischen Temperaturen am Polarmeer. Mit Jürgen Vogel steht sie aktuell für Matthias Glasners Drama „Gnade“ vor der Kamera. Darin spielt sie eine düstere Rolle: Das Ehepaar Nils und Maria wagt einen Neuanfang in Norwegen. Als Maria einen Unfall verursacht, finden sie neu zueinander – auf verschwörerische Weise. „Bei minus 30 Grad geht es für Birgit weniger ums Schauspiel als ums Überleben“, kommentiert Glasner die Dreharbeiten. „Das führt zu einer besonderen Art zu spielen. Birgits Rolle passt nicht zu ihrer eigentlichen Person, was Ergebnisse bringt, die man nicht erwartet.“ Und sie passt perfekt zu Jürgen Vogel: „Die beiden spielen wie zwei Straßenköter, die man am Bahnhof aufgesammelt hat.“

 

Für Minichmayr war das Drehbuch eine Herausforderung: „Ich habe einen Crashkurs in Norwegisch genommen und gelernt, wie ich richtig betone.“ Beeindruckt von der archaischen Landschaft und den schwierigen Lichtverhältnissen bei partieller Polarnacht ist sie versucht, an die Drehtage auf Sardinien zurückzudenken: „Das ist wie Tag und Nacht: auf Sardinien diese ständige Wärme, dieses ständige Draußensein. Bei minus 30 Grad in Hammerfest überlegt man sich zweimal, ob man spazieren geht.“ Wer hätte diese Rollen besser meistern können, als eine Frau, die auch im Schauspiel an ihre Grenzen geht?

 

STEPHANIE HESSE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

IM DUETT:

2008 sang Birgit Minichmayr mit Die-Toten-Hosen-Frontmann Campino das romantische Duett „Auflösen“. Es ist auf dem Album „In aller Stille“ (Jkp) zu hören.

 

FILMOGRAFIE (Auswahl):

  • „Gnade“ (im Dreh)
  • „Das weiße Band“ (2009)
  • „Alle Anderen“ (2009)
  • „Der Knochenmann“ (2009), „Kirschblüten – Hanami“ (2008)
  • „Das Parfum – Geschichte eines Mörders“ (2006)
  • „Der Untergang“ (2004)
  • „Taking Sides – Der Fall Furtwängler“ (2001)
  • „Abschied – Brechts letzter Sommer“ (2000)

 

Kategorien: April 2011