DEM HIMMEL SO NAH

Am späten Abend schlendern nur noch wenige Menschen am Kölner Dom vorbei. Ein kalter Wind bläst über die gotischen Bögen und der Mond hüllt die dunklen Zwillingstürme der Kathedrale in ein blau-schwarzes Licht. Tagsüber strömen tausende Besucher durch das Gebäude, das erst 1880 fertig gestellt wurde. Der Domorganist Winfried Bönig genießt es dort vor allem, wenn keine Bahnhofshallenatmosphäre herrscht – nachts hat er genügend Zeit, um sich der Musik zu widmen. Dann probt der Professor für künstlerisches Orgelspiel und Improvisation auf zwei einzigartigen Instrumenten: der Quer- und Langhausorgel der Orgelmanufaktur Klais. Schon in der vierten Generation baut das Traditionsunternehmen Kirchen- und Konzertorgeln in aller Welt. Im Kölner Dom schuf der Bonner Betrieb zwei Orgeln, die zusammen gespielt werden können und damit ein außergewöhnliches Instrument bilden.

Eine Kathedrale erwacht zum Leben
"Jetzt sind wir drin im Walfisch", schmunzelt der hochgewachsene Winfried Bönig, der in dem 45 Meter hohen Kirchenschiff des Kölner Doms ganz klein wirkt. Architektur hat den gebürtigen Bayern schon als Kind fasziniert. Die aufwendig gestalteten Instrumente, die selbst die Ausmaße von Gebäuden besitzen, spielt der Musiker Bönig seit 2001.

"Als Ausgleich zur Musik brauche ich nur die Stille", sagt Bönig, als er sich an den Spieltisch setzt. Mit einem Tastendruck verwandelt der Organist den gotischen Kirchenbau in einen Klangkorpus. Das Podest der Querhausorgel vibriert. Der Kölner Dom erwacht zum Leben. Es fühlt sich an, als wäre man in den schwingenden Hohlkörper einer Geige gefallen. Die verschiedenen Register bringen immer neue Pfeifengruppen zum Klingen. Mit fließenden Bewegungen zieht der 51-Jährige an den kunstvoll beschrifteten Knöpfen: Trompete, Posaune oder die sogenannte Engelsstimme, mal mit gewaltigem Bass, der so tief schwingt, dass nur noch die Obertöne zu hören sind, dann wieder leise und klar wie ein Vogelgesang. Als Bönig seine Hände von den Tasten hebt, steht der warme Klang sekundenlang in der Kathedrale, ohne an Kraft zu verlieren. "Es ist, als ob man ein ganzes Orchester dirigiert", versucht er die gewaltige Klangvielfalt der Orgeln in Worte zu fassen.

Im Bann zweier Schwestern
Von der Empore neben dem Hochaltar und Chorgestühl kann Bönig beide Orgeln von einem einzigen Spieltisch steuern. Wenn der Organist mit der John-Lennon-Brille nicht auf Konzertreise in Russland, China oder Island unterwegs ist, untermalt er regelmäßig die Messe und hohe Feste mit "seinem" Orgelduo. Die Geschichte der beiden Schwestern ist die Geschichte eines Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg.Zunächst erweiterte Klais 1956 die ursprüngliche zur heutigen Querhausorgel mit 7.213 Pfeifen. Um den Raum voll ausschöpfen zu können, folgte 1998 die Langhausorgel: Wie ein Schwalbennest schmiegt sie sich in 20 Metern Höhe an die nördliche Wand des Kirchenschiffes. Die Akustik war für ihren Erbauer eine Herausforderung. Der Dom galt aufgrund seiner Größe als unbeschallbar. Eine Orgel, die gut zu sehen sei, könne man auch gut hören, so die einfache Lösung des Klais-Mitarbeiters Hans-Wolfgang Theobald. Das Deckengewölbe reflektiert den Klang der Orgel optimal. Mit Bönig baute Theobald das Instrument damals auf. Heute sorgen beide Instrumente gemeinsam für einen besonders vollen Klang, der sich in dem 144 Meter langen Hauptschiff frei entfalten kann.

Um die Schwalbennestorgel zu erreichen, schlängelt sich der Musiker durch verwinkelte Gänge und über eine enge Wendeltreppe. Immer wieder verschwindet er fast vollständig in der Dunkelheit. Gibt es kein Licht, zählt er die Stufen laut mit, schiebt seinen Kopf unter gotischen Torbögen durch. Als er schließlich vor der Schwalbennest-orgel steht, scheint er noch immer fasziniert: "Man merkt es von unten kaum, aber die längste Pfeife ist zwölf Meter lang." Die Pfeifen der Orgel sind direkt hinter und über dem Organisten angebracht, der auf diese Weise nah am Klang spielen kann und trotz des großen Nachhalls die Kontrolle behält. Dunkles Holz sowie rötlich-goldene Verzierungen lassen das Instrument wie eine elegante Dame aussehen. Die schlanke Orgel wirkt an den frei tragenden Stahlseilen, als ob sie leicht in der Luft schweben würde. Dabei lasten 30 Tonnen auf der Konstruktion.
Wenn Winfried Bönig im Dom bei den renom-mierten "Orgelfeierstunden" spielt, ist er in Hochform. Von Juni bis September entlocken Organisten aus der ganzen Welt den gigantischen Instrumenten mitreißende Klänge. Bönigs Zuhörer sitzen oft mit geschlossenen Augen auf den Kirchenbänken. "Dass es Musik gibt, ist der Beweis dafür, dass man nicht alles mit Sprache ausdrücken kann. Musik hat ihre ganz eigenen Mittel." Dabei versucht der unauffällige Mann hinter den Orgeln immer der besonderen Aura des Doms gerecht zu werden. "Meine Aufgabe ist es, dass Menschen den Dom mit einem besseren Gefühl verlassen, als sie ihn betreten haben. Das ist das Schönste", sagt Bönig, als er das Gebläse seiner Orgel schließlich abstellt und im Dom wieder Stille einkehrt.

ROBIN ROTHWEILER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

DIE ORGELFEIER-STUNDEN

Die Orgelkonzerte finden vom 21. Juni bis zum 6. September 2011 jeden Dienstag um 20 Uhr im Kölner Dom statt. Weitere Informationen unter: www.koelner-dommusik.de

TERMINE

  • 21.6. Domorganist Winfried Bönig
  • 28.6. Ben van Oosten, Den Haag (NL)
  • 5.7. Daniel Beckmann, Mainz
  • 12.7. Andreas Jost, Zürich (CH)
  • 19.7. Domorganist Winfried Bönig
  • 26.7. Martin Baker, London (GB)
  • 2.8. Roman Perucki, Danzig (PL)
  • 9.8. Andreas Sieling, Berlin
  • 16.8. Hördur Askelsson (IS)
  • 23.8. Elisabeth Zawadke, Luzern (CH)
  • 30.8. Martin Lücker, Frankfurt
  • 6.9. Domorganist Winfried Bönig

Kategorien: April 2011