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DIE TREUE SEELE

NDR/Adrian Stangl

NDR/Adrian Stangl

Seit über 50 Jahren ist Siegfried Lenz der verlässliche Chronist der Innenseiten des deutschen Bürgertums. Zu dieser Kontinuität gehört auch seine Treue zu ein- und demselben Verlag, dem Hamburger Verlagshaus Hoffmann und Campe. Über den charismatischen Menschenfänger Lenz, das Geheimnis seines Erfolgs und das Autoren-Verleger-Verhältnis spricht Verlagsleiter Günter Berg.

 

ARTE: Herr Berg, seit über 50 Jahren ist Siegfried Lenz bei Hoffmann und Campe – woher rührt diese Treue des Autoren?
GÜNTER BERG: Siegfried Lenz ist eine treue Seele und diesem Verlag und der Verlegerfamilie Ganske sehr verbunden. Wenn man sich seit 50 Jahren zu Weihnachten sieht, ist das eine lange Zeit. Das kann man sich in Konzernverlagen nicht vorstellen. Es haben sich einfach zwei gefunden: der norddeutsche Verlag und sein norddeutscher Autor.

ARTE: Wie pflegt man diese Beziehung zwischen Autor und Verlag?
GÜNTER BERG: Indem man den Autor vorbehaltlos respektiert, was bei Siegfried Lenz leicht ist. Indem man seinen Eigenheiten vorbehaltlos folgt und gleichzeitig alles tut, damit er so erfolgreich wie möglich ist. Denn nichts stabilisiert die Beziehung zwischen Autor und Verlag nachhaltiger als der Erfolg. Bei Siegfried Lenz hat sich diese Verpflichtung dem Autor gegenüber in ein persönliches, enges Verhältnis verwandelt.

ARTE: Was macht Siegfried Lenz zum Volksautor?
GÜNTER BERG: Lenz hat einen wunderbaren Humor, die Menschen finden sich in seinen Büchern wieder. Das Volkstümliche, das Masurische in seinen Texten ist so etwas wie ein Gütesiegel geworden. Tiefe Wahrheiten über die menschliche Seele dürfen liebevoll erzählt werden! Er ist ein Mensch, der nicht sucht, sondern der gefunden wird.

ARTE: Brauchen die Leser diese liebevolle Art?
GÜNTER BERG: Sie brauchen die Schlichtheit der Geschichten. Lenz erzählt von Menschen, es geht immer um den Ausdruck tiefer zwischenmenschlicher Beziehungen und nicht um individuelle Befindlichkeiten. Heute wird anders geschrieben; es geht mehr um das Autoren-Individuum. Lenz  hingegen setzt seine Figuren einander ins Verhältnis. Das ist ein großer Unterschied.

ARTE: Wurde er deshalb 2008 mit seinem Roman „Schweigeminute“ von der jungen Generation wiederentdeckt?
GÜNTER BERG: Nicht wiederentdeckt, neu entdeckt! Denn die jungen Leute kriegen immer nur „So zärtlich war Suleyken“ oder „Deutschstunde“ zu lesen. Über die „Deutschstunde“ erzählt Lenz ja selbst: Wenn er irgendwo ins Krankenhaus geht, kommt immer ein junger Arzt, der sagt „Ach, Sie sind das, ich habe in der Schule ,Deutschstunde‘ gelesen“. Dann zuckt Lenz innerlich zusammen und denkt „Oh Gott, hoffentlich musste er nicht, sondern hat mein Buch freiwillig gelesen“.

ARTE: Warum hatte gerade „Deutschstunde“ solch einen internationalen Erfolg?
GÜNTER BERG: Mit diesem Buch ist Lenz in die Welt der 68er hineingerutscht, obwohl es damit eigentlich nichts zu tun hatte. Aber da kam dieser Autor aus der Kriegsgeneration mit einem für die junge Generation verständlichen Text. Das war ein Versöhnungsangebot, das es nachfolgenden Generationen möglich machte, überhaupt zu begreifen, was damals geschehen ist. Genauso war es auch ein Versöhnungsangebot an das Ausland.

ARTE: Sie sprechen in der ARTE-Dokumentation von der „Endgültigkeit des Schreibens“ bei Siegfried Lenz. Er verfasst seine Manuskripte ohne Streichungen, ohne Notizen. Ist das außergewöhnlich?
GÜNTER BERG: Es gibt mindestens zwei Typen von Schriftstellern: Die einen schreiben, ändern, verwerfen und überarbeiten. Die anderen überprüfen ihre Texte im Geist und dann erst schreiben sie sie nieder. Lenz‘ Manuskripte – im Wortsinn, denn er schreibt jede Zeile mit der Hand –  zeugen von dieser Geordnetheit der Texte bereits vor der Niederschrift.

ARTE: Lenz gehört zu einer schwindenden Generation von Autoren, gemeinsam mit Günter Grass oder Martin Walser. Was verliert Deutschland, wenn diese Menschen nicht mehr sind?
GÜNTER BERG: Spannend zu sehen ist ja, dass die genannten Autoren es geschafft haben, über Jahrzehnte Gemeinden von Lesern zu binden. Das gelingt jüngeren Autoren aufgrund der heutigen Vielfalt des literarischen Angebots nicht mehr, weil das Publikum wesentlich ausdifferenzierter ist. Das Gemeindestiftende wird gewiss verloren gehen. Es war ja die Kriegserfahrung, die diese Autoren zusammengeschweißt hat.

ARTE: Siegfried Lenz und seine Pfeife – untrennbar?
GÜNTER BERG: Ja! Die Pfeife geht nicht aus. Wenn ich Lenz besuche, lautet die erste Frage immer: „Du erlaubst doch?“ Und dann zündet er sich seine Pfeife an. Zum 80. Geburtstag habe ich ihm eine geschenkt, und die raucht er nun immer, wenn ich komme. Siegfried Lenz braucht dieses Pfeifchen wie Helmut Schmidt seine Zigarette.

INTERVIEW: CORINNA DAUS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

GÜNTER BERG:
Günter Berg, 51, ist seit 2004 Geschäftsführer des traditionsreichen Hamburger Publikumsverlags Hoffmann und Campe. Davor war er Verlagsleiter und Geschäftsführer bei Suhrkamp.

SIEGFRIED LENZ ZUM LESEN:

  • „Schweigeminute“ (2008)
  • „Zaungast“ (2004), „Die Auflehnung“ (1994)
  • „Exerzierplatz“(1985)
  • „Heimatmuseum“ (1978)
  • „Deutschstunde“ (1968)
  • „Das Feuerschiff“ (1960)
  • „Der Mann im Strom“ (1957)
  • „So zärtlich war Suleyken“(1955)
  • „Es waren Habichte in der Luft“ (1951)

Kategorien: März 2011