DIE ANGST SITZT NEBEN DIR

ARD/Degeto

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Seitdem 1896 eine Fledermaus in Georges Méliès’ Kurzfilm „Das Teufelsschloss“ flatterte und sich per Stopptrick in Mephistopheles verwandelte, hat sich das Horror-Genre selbst zahlreichen Metamorphosen unterworfen. Denn die größte Leidenschaft des Horrorregisseurs galt immer der zeitnahen Verarbeitung kollektiver Ängste in bizarre Albträume, die gleichzeitig Quelle unsagbarer Faszination und schauerlicher Angst- und Schockzustände waren.

 

Psychoanalytisch betrachtet gilt der Horrorfilm als Spiegel seelischer Störungen. Darin ist er dem Märchen verwandt, auch wenn die modernen Gruselstoffe nur noch in Ausnahmefällen märchenhafte Vorbilder zitieren, etwa das Hänsel-und Gretel-Motiv in der Romanverfilmung „Die Nacht des Jägers“ (1955) mit Robert Mitchum als meuchelndem Wanderprediger. Der Zweite Weltkrieg hatte der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) Tür und Tor geöffnet. Das Böse waren nicht mehr nur transsilvanische Vampire, sondern es wohnte direkt nebenan. Es hatte seine romantischen Züge verloren. Gelegentlich trat es im frommen Gewand auf wie Robert Mitchum. Manchmal saß es wie ein Virus schon in der eigenen Familie. In „Der Exorzist“ (1973) und „Das Omen“ (1976) war der Nachwuchs besessen, in Stanley Kubricks „Shining“ (1977) war es der Familienvater.

 

Horrorfilm gegen Biedermann
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der sogenannte Exploitation-Film die Allzweckwaffe kleiner Filmgesellschaften gegen das eher biedere Fernsehen und seine Anhänger. Die billig produzierten Streifen waren mit reißerischen Elementen wie Sex, Gewalt oder eben Horror angereichert, um auch durch möglichst hohe Zuschauerzahlen die Kassen klingeln zu lassen. Denn während die Fernsehfamilie – vor und auf dem Bildschirm – noch weitgehend intakt war, fuhren die Teenager ins Autokino, wo Horrorfilme mit so absonderlichen Titeln wie „I was a Teenage Werewolf“ oder „I was a Teenage Frankenstein“ liefen. Hergestellt wurden viele dieser B- und C-Movies von Upstart-Unternehmen wie Hammer Films aus Großbritannien, die mit Christopher Lee einen Superstar des Gruselgenres hervorbrachten. Die Gewinne waren bei verschwindend geringen Budgets oft höher als bei teuren Hollywood-Produktionen. Das fiel auch Alfred Hitchcock auf. Anonym erwarb er die Filmrechte eines Gruselromans, von denen  Autor Robert Bloch, nach Abzug der Anwaltskos-ten, gerade mal 5.000 Dollar erhielt: Bloch, ein Protegé von Horror- und Science-Fiction-Autor H. P. Lovecraft, lebte damals in Weyauwega, Wisconsin, 39 Meilen vom gottesfürchtigen Ort Plainfield entfernt, dem Tatort des „Schlächters“ Ed Gein, der 1957 für schockierende Schlagzeilen sorgte. Gein interessierte sich für Frauenleichen, die er ausgrub und untersuchte. Als diese knapp wurden, begann er zu morden. Gliedmaßen und Geschlechtsteile benutzte er, um sich sexuell zu befriedigen und um das Haus zu dekorieren. Der Sonderling lebte allein auf einer heruntergewirtschafteten Farm. Nur das Zimmer der toten Mutter war picobello aufgeräumt. Aus Ed Gein wurde Norman Bates – der Rest ist Filmgeschichte: „Psycho“ (1960) spielte im ersten Verleihjahr allein in den USA 15 Millionen Dollar ein, zu einer Zeit, als die Eintrittskarte nur 70 Cent kostete.

 

Zombies aus Vietnam
Die in den 1970er Jahren einsetzende Slasher- (deutsch: Schlitzer) und Zombiewelle war sicherlich keine direkte Folge des Vietnam-Krieges, andererseits wäre dieses Subgenre des Horrorfilms ohne Vietnam und Jugendproteste nicht denkbar gewesen. An der Entstehung feilte unter anderem auch Tom Savini. Bereits mit zwölf interessierte er sich für die realgetreue Darstellung von Verwundungen und „entstellte“ sich zu Trainingszwecken selbst vor dem Spiegel. Nach seiner Rückkehr aus Vietnam, wo er als Kriegsfotograf arbeitete, konnte er als Maskenspezialist der Darstellung des lebenden Leichnams eine überzeugend realistische Note verleihen. Dies bewies Savini in George Romeros „Zombie“ (1978) – der nach dem aussichtslosen Vietnamkrieg mehr als kurzweiliger Trash war. Die Zombie-Filme dieser Zeit ließen in die Abgründe der Seelen einer ganzen Generation blicken.  Aus Hitchcocks „Psycho“, der noch subtil mit der Angst des Zuschauers spielte, wurde „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974), das zur derben Gewaltschau einlud. Der Altmeister und Dracula-Darsteller Christopher Lee war angesichts des vordergründigen Realismus entsetzt: „Die Filme, die ich gemacht habe, waren reale Fantasien. Heute sind sie nur noch realistisch. Grässlich im Detail. Alles wird gezeigt: wie Menschen gefressen werden, ihnen der Magen aufgerissen wird, wie Köpfe rollen und Augen ausgekratzt werden.“ Damit meinte er vor allem italienische Kannibalenfilme wie „Lebendig gefressen“ (1980) und „Nackt und zerfleischt“ (1980). Die besseren Beispiele des Genres dagegen beschreiben die Erfahrungen einer Generation von Jugendlichen, die sich ganz und gar allein gelassen fühlen musste. Filmkritiker Georg Seeßlen schreibt: „Slasher Movies – das war nicht nur der ultimative Kick, sondern auch das genaueste und gemeinste Bild vom Leben junger Menschen der unteren weißen Mittelsschicht, das auf dem Filmmarkt zu bekommen war.“ Die kleinbürgerliche Barbie-Welt wurde als Fassade enttarnt.

 

Mit dem „Twilight“-Motiv schuf die Autorin Stephenie Meyer 2005 einen romantischen Teenage-Horror-Stoff, der in Buchserien und in einer Kino-Trilogie zu den größten Erfolgen des vergangenen Jahrzehnts wurde. Allein in Deutschland besuchten mehr als drei Millionen Zuschauer die Folgen der Saga. Der Vampir aus der „Bis(s)“-Buchserie der US-Autorin lebt in einem lichtdurchfluteten Designerhaus, Särge hat er nicht im Keller und Blut ist ihm zuwider. „Wir haben gelernt, unseren Durst zu kontrollieren“, sagt der blasse Beau über seine Sippe. „Wir bezeichnen uns als Vegetarier.“

 

Horror aus dem Internet

In der Zwischenzeit werden die Karten in der Medienwelt neu gemischt: viel Raum und jede Menge Nischen für Quereinsteiger. Früher hatten sie meist als Schmalfilmer begonnen. So auch Zombie-Regisseur George Romero, der schon mit 14 Jahren erste Filme drehte. Heute bedienen sich Newcomer nicht mehr der Super 8-, sondern der Digitalkamera. Die Filmemacher Daniel Myrick und Eduardo Sanchez hatten 60.000 Dollar zur Verfügung und machten aus der Not eine Tugend. Die Bilder ihres „Blair Witch Project“ (1999) waren bewusst unscharf und verwackelt und glichen Amateuraufnahmen. Trotzdem wurde das Projekt zum Kulterfolg. Zuvor hatten die Filmemacher eine Website mit wöchentlichen Updates und Links zum Film erstellt, die sich mit der Legende der Hexe von Blair befasste. Sanchez: „Viele Leute erzählten uns, dass sie stundenlang mit der Erforschung der magischen Welt verbrachten, die wir um und über die Hexe von Blair zusammengetragen hatten.“

 

Gegen die internationalen Großanbieter hätten die meisten dieser kleinen Exploitation-Filme kaum eine Chance, wäre das System des viralen Marketings mit Twitter, YouTube und Facebook inzwischen nicht geradezu kultiviert. Filme wie „Paranormal Activity“ (2007) wären ohne Blogs und Foren unbekannt. So aber spielte der 15.000-Dollar-Film von Oren Peli Millionen ein. Was als Werbegag begann,
definiert die Medienwelt heute neu. Inzwischen gibt es mit „Last Call“ (2010) den ersten interaktiven Nervenkitzel im Kino: Ein Zufallsgenerator wählt Handynummern von Zuschauern aus, die die verzweifelte Protagonistin anruft und bei der zu erwartenden Splatter-Orgie um Hilfe bittet. Durch Spracherkennung bekommen die Besucher so ihre ganz eigene Horrorfilm-Rolle …

 

ARTE-GASTAUTOR: FILMWISSENSCHAFTLER ROLF GIESEN IST FÜHRENDER SPEZIALIST FÜR HORRORFILM UND PRÄSIDENT EINES MUSEUMS AM „JILIN ANIMATION INSTITUTE“ IN CHINA. DEN ARTIKEL SCHRIEB ER FÜR DAS ARTE MAGAZIN.

Kategorien: März 2011