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ARTE IN NEUEM KLEID

Detlef Overmann

Detlef Overmann

„Für ARTE ist das Senderdesign so wichtig wie das Programm – wir wollen hier innovativ und wegweisend sein“, Christoph Hauser, Programmdirektor bei ARTE, zeigt sich begeistert: Nach einem Jahr kreativer Diskussionen geht ARTE am 28. Februar mit neuem Design auf Sendung. Im Zentrum stehen die Grundwerte von ARTE: Dynamik, Inspiration und Kreativität. Art-Direktorin Ulli Krieg verrät: „Aus dem ARTE-Logo haben wir eine 3D-Skulptur entwickelt, die sich in immer neuen Facetten öffnet. Auch die poetischen Identity-Spots des belgischen Regisseurs Joe Vanhoutteghem, die dem Sender ein Gesicht geben und gleichzeitig Raum für Assoziationen lassen, entstehen aus dieser ARTE-Skulptur.“

ARTE: Herr Vanhoutteghem, was hat Sie daran gereizt, die Identity-Filme für ARTE zu drehen?
JOE VANHOUTTEGHEM: Der größte Anreiz war ARTE selbst. Seit wann gibt es den Sender? Seit 20 Jahren? Ich bin 44 und war beim Start des Senders die perfekte Zielgruppe. Ich hatte gerade mein Design-Studium beendet. Meine Freunde und ich sind mit dem Sender aufgewachsen.

ARTE: Wie sind Sie das Projekt angegangen?
JOE VANHOUTTEGHEM:Identity-Spots werden jeden Tag mehrmals ausgestrahlt, sie sind das Gesicht eines Fernsehsenders! Mich interessierte es nicht, Spots zu entwickeln, die denen anderer Sender ähneln. Ich brauche mehr, ich will Geschichten erzählen. Daher suchte ich nach einem neuartigen Ansatz. So kam die Idee, einen Kurzfilm zu drehen, dessen einzelne Szenen nun als Identity-Spots auf dem Sender laufen. Der Film selbst ist nur auf der ARTE-Website zu sehen.

ARTE: Gab es Vorgaben von ARTE?
JOE VANHOUTTEGHEM: Ich bekam ein eher kulturelles Briefing: Deutsche sind mehr von Spektakulärem angezogen, während Franzosen die Dinge in ihrer Symbolhaftigkeit sehen. Das wollte ich zusammenbringen. Für einen Werbefilm hatte ich einmal einen Effekt eingesetzt, den ich wieder ausprobierte: Ich arbeitete mit Kostümen, die aus zwei unterschiedlichen, in der Mitte zusammengenähten Teilen bestanden. Die Schauspieler sind vorne beispielsweise im Anzug gekleidet, dann drehen sie sich um und sehen völlig anders aus – zum Beispiel sind sie plötzlich Frauen. All das passiert ohne Kameraeffekt, ohne Postproduktion.

ARTE: Im Film geht es viel um Wandlungen, von Mann zu Frau, von jung zu alt – das Hauptthema?
JOE VANHOUTTEGHEM: All diese Wandlungen führen zu überraschenden Wendungen. Einmal sieht man eine alte Frau, die sich verjüngt, als sie einen jungen Mann küsst, der wiederum plötzlich alt ist. Die Szene vermittelt ein Gefühl, ohne welches der Film ein anderer wäre. Der Film folgt keiner Handlung, er erzählt eher von Begegnungen. Es gibt auch keinen Anfang und kein Ende.

ARTE: Ist das zeitgemäßes Erzählen?
JOE VANHOUTTEGHEM: Die Geschichte hat sich einfach so entwickelt. Ich hatte verschiedene Szenen im Kopf, die ich im Film symbolhaft verknüpft habe. Alles scheint zur selben Zeit zu passieren. Gleichzeitig stimmt das nicht, denn manchmal ist es Nacht, dann plötzlich wieder Tag. Es ist verwirrend. Gerade das finde ich interessant. Die Geschichte ist wie ein Kaleidoskop.

ARTE: Sie drehten mit über 30 Darstellern. Wie gingen Sie beim Casting vor?
JOE VANHOUTTEGHEM: Mir war daran gelegen, Darsteller zu finden, denen man auf der Straße begegnen könnte. Das klingt sehr nach Klischee, aber ich habe in den letzten Jahren immer darauf gedrängt, mehr von der Straße zu casten. Laiendarsteller wachsen vor der Kamera oft über sich hinaus. Das mitzuerleben, ist sehr bewegend. So haben wir in Slowenien, wo die Dreharbeiten stattfanden, auf der Straße gecastet. Auch Eva Brvar Ravnikar, die Hauptdarstellerin, haben wir so entdeckt.

ARTE: Was ist das Besondere an ihr?
JOE VANHOUTTEGHEM: Eben dass sie keine Schauspielerin ist. Ich wollte tanzähnliche Bewegungen in die Szenen einbauen, ohne jedoch einen Tanzfilm zu drehen. Eva war perfekt dafür, ihre Bewegungen sind von großer Schönheit und Kraft, ihr Blick ausdrucksstark. Auch die männliche Hauptfigur, Radomir Milosevic, ist großartig. Eigentlich kommt er aus einer ganz anderen Branche, er arbeitet für eine Bank.

ARTE: Sie haben sich einen Namen als Werbefilmer gemacht – ist auch ein Spielfilm geplant?
JOE VANHOUTTEGHEM: Nein. Sicher würde ich gerne, und es gab auch Angebote. Aber in dem Land, in dem ich lebe, ist es nicht immer einfach: Wir haben in Flandern eine spezielle Sprache und eine spezielle, kleine Kultur, es ist schwierig auszubrechen. Es gibt zwar gute Filme aus Belgien, aber die kommen immer aus dem französischsprachigen Teil.

ARTE: Wie würden Sie Ihre Herangehensweise als Filmemacher beschreiben?
JOE VANHOUTTEGHEM: Vieles entsteht einfach aus dem Bauch heraus. Es ist nie so, dass ich bereits zu Beginn genaue Vorstellungen habe.

ARTE: Und Ihr Stil? Ist er abgründig? Märchen-haft? Surreal?
JOE VANHOUTTEGHEM: Mit dem Wort „surreal“ kann ich leben. Abgründig zu sein, nehme ich mir zwar nie bewusst vor, aber am Ende läuft es immer darauf hinaus. „Märchenhaft“ scheint mir ein altertümliches Wort zu sein, das mir nicht so zusagt.

ARTE: Worauf einigen wir uns?
JOE VANHOUTTEGHEM: Surreal. Und belgisch! 

ARTE: Warum nun ein neues Senderdesign?
JOE VANHOUTTEGHEM: Diese Frage sollte wirklich nicht mir gestellt werden, denn mit Wandel komme ich nicht immer gut zurecht.

ARTE: Deshalb setzen Sie ihn so gerne in Ihren Filmen ein!
JOE VANHOUTTEGHEM: (lacht) Um ehrlich zu sein, hat es mich immer gestört, wenn Fernsehsender ihr Design erneuern. Da überkommt mich eine Art Unbehagen und Verlustgefühl. Obwohl sich die Veränderungen meist als gut erweisen. Sonst würde alles immer noch wie in den 50ern aussehen. Was noch nicht einmal das Schlechteste wäre, die 50er waren ziemlich gut …

 

INTERVIEW: CORINNA DAUS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

JOE VANHOUTTEGHEM:

Der belgische Regisseur (44) realisierte für ARTE die Identity-Spots. Er hat sich mit Spots für Randstad, VW oder Amnesty International als Werbefilmer einen Namen gemacht

 

ARTE PLUS

 

  • AUF DEM SENDER:

Identity-Spots sind kleine, filmische Szenen, die zwischen den Sendungen eingespielt werden und dem TV-Sender durch ihre Anmutung ein ganz eigenes, unverwechsel-bares Gesicht geben. 

 

  • IM NETZ:

Der gesamte Kurzfilm, aus dem die Identity-Spots für ARTE entstanden, kann im Internet unter www.arte.tv/univers angesehen werden. Rund um eine Landkarte, die Joe Vanhoutteghem als Basis für die Drehar-beiten in Slowenien diente, sind dort außerdem Interviews mit dem Regisseur, dem Kameramann, der Crew und den Darstellern sowie ein Making-of zu finden.

Kategorien: März 2011