aurore.schaller@arte.tv

WO DIE WELT ZU ENDE GEHT

NDR/Naturfilm/Uwe Anders

NDR/Naturfilm/Uwe Anders

„Zieh das an, du wirst sonst erfrieren.“ Paulus warf mir das dicke Bündel direkt vor die Füße. Ich sah nur Haare. Einen Haufen borstiger, langer Haare. Was, um Himmels willen, war das? Er sah mich aus schmalen Schlitzen prüfend an. Ich kannte diesen Blick. Er war mir vertraut, obwohl ich Paulus erst einmal begegnet war. Alle Jäger in Grönland schauten so, wenn sie diese unglaublichen Landschaften absuchten, dieses weite, weiße Nichts, in dem kein Baum, kein Strauch mehr Gelegenheit boten, um sich wenigstens für einen Moment daran festzuhalten. Trotzdem fand dieser Blick die Beute fast immer: die Schneehühner, die Polarfüchse, die Eisbären, alle Teil dieser großen, weißen Einsamkeit, in der manchmal nichts mehr zu hören war außer dem eigenen Atem. Stille, die so absolut war, dass Menschen, die sie erlebten, schon die nackte Panik befallen hat, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben so allein waren. „Wir haben einen Sinn für Bewegung in der Stille“, sagten die Jäger dann, wenn sie jemandem aus der großen Stadt erklären wollten, wie es möglich war, in diesem Nichts die Beute dennoch aufzuspüren. Als ich Mitte Februar nach Nordgrönland reiste, war auch ich auf der Jagd. Auf der Jagd nach Bildern.

 

 

Extreme Verhältnisse

Vier Monate dauerte die Polarnacht so hoch im Norden, und während es weiter südlich wenigstens mittags für ein paar Stunden heller wurde, lag Siorapaluk, das Ziel unserer Reise, wochenlang in absoluter Dunkelheit – selbst für grönländische Verhältnisse extrem. Und extrem kalt. Deshalb auch die Hose mit den vielen Haaren. Deshalb auch der Blick, der mir bedeuten sollte, was die beiden Jäger Paulus und sein Cousin Tobias von meiner europäischen Hightech-Kleidung hielten: nichts. Was Paulus mir vor die Füße geworfen hatte, war nichts anderes als eine Hose aus dem Fell eines Eisbären, den er irgendwann erlegt hatte. Sechs Stunden brauchte seine Frau, um daraus eine wasserdichte, warme Hose zu nähen. Sogar Schuhe hatte sie aus dem Fell gemacht. Selbstverständlich weigerte ich mich, das Zeug anzuziehen, Artenschutz und so. Paulus grinste.

 

Als wir wenig später aufbrachen, zeigte das Thermometer minus 28 Grad. Ein besonderer Tag! Zum ersten Mal seit fast vier Monaten schaffte es die Sonne wieder über den Horizont und tauchte alles in ein atemberaubendes Licht. Menschen, Hunde, Berge – alles leuchtete und dampfte. Sonnenuntergänge in der Arktis, ich wusste das, dauerten oft viele Stunden. Immer wieder färbte sich der Himmel dann neu, erst orange, dann rosa, schließlich tiefviolett. Gleich würde die Nacht hereinbrechen. Doch wo waren wir? Keine Spuren, keine Wegweiser, nur weiße Weite. Hatten Hunde ein Navigationssystem? Auf geheimnisvolle Weise erahnten sie den Weg und trieben die Schlitten mit ungeheurer Energie übers Eis. Längst hatte sich um ihre Mäuler eine Kruste aus gefrierendem Atem gelegt. Wie kalt es wohl sein mochte? Minus 30 Grad vielleicht, oder noch kälter? Ich fror erbärmlich. Immer wieder sprang ich vom Schlitten und lief eine Weile hinterher, um mich aufzuwärmen. Nur Paulus in seiner Bärenhose blieb stoisch sitzen, rauchte und hatte sich offenbar entschlossen, lieber mit seinem Leithund zu sprechen als mit mir, was kaum einen Unterschied machte: Von beiden war keine Antwort zu erwarten. Denn Paulus sprach nur Grönländisch und gab mir auf jede meiner Fragen immer nur eine Antwort: „leh“. Das heißt Ja.

 

Tiefe Nacht. Immer wieder ließen Paulus und Tobias die Tiere anhalten. Dann legten sie sich hin, rollten sich zu kleinen Haufen zusammen und schliefen augenblicklich ein. Die Jäger horchten in die Nacht hinein. Welche Geräusche machte das Eis? Woher kam der Wind? Vor allem in der Nähe von Eisbergen war das Eis oft brüchig, wer nicht aufpasste, verschwand in der Tiefe. Wann würden wir unser Ziel erreichen? 

 

Willkommen in der Eiszeit

Kälte und Feuchtigkeit krochen langsam durch meine Daunenjacke, die zweilagige Thermounterwäsche. Ich war so weit. „Pants“, fragte ich Paulus kleinlaut und deutete auf meine Beine. Er verstand. Wortlos reichte er mir das haarige Bündel: Hosen und Schuhe aus dem Fell eines Bären, die Jacke aus dem Fell eines Karibus – willkommen in der Eiszeit. Ja, ich hatte schon eleganter ausgesehen. Aber hatte ich schon jemals in gemütlicherer Kleidung gesteckt? Was für ein Erlebnis! Nur meine Füße wurden nicht warm. Paulus sah mich an: „Socks“, sagte er plötzlich. Die Socken? „Ja, ausziehen!“ Er lachte laut. Ich lachte mit. Ein kleiner Scherz, der wenigstens die Seele wärmte – dachte ich. Er meinte es ernst. Wenig später steckte ich barfuß in dem steinzeitlichen Schuhwerk, und während die Hunde wieder losstürmten, verabschiedete ich mich gedanklich bereits von meinen ersten Zehen. Doch plötzlich wurde mir warm, herrlich warm! Ich war verblüfft, wie überlegen die natürlichen Materialien waren. Das Geheimnis warmer Füße war offenbar nicht die perfekte Isolation, sondern das genaue Gegenteil davon! Es ging darum, die entstehende Feuchtigkeit sofort wieder loszuwerden. Offenbar war die dünne Robbensohle der Bärenschuhe problemlos in der Lage, den enormen Unterschied von mehr als 70 Grad zwischen Körper und Außentemperatur auszugleichen. Ich war beeindruckt von dem Pakt, den Natur und Mensch hier oben geschlossen hatten.

 

Lebenswichtige Fähigkeiten

Die Jagdgründe um Siorapaluk waren legendär. Und alt. Unglaublich alt. Seit mehr als 2.500 Jahren galt das Gebiet als dauerhaft bewohnt – eine Meisterleistung in der Kunst des Überlebens! Denn als sich das Klima in der Kleinen Eiszeit spürbar verschlechterte und das Packeis immer dichter wurde, verschwand fast alles Leben aus der Welt jenseits des Polarkreises. Nur die 200 Polarinuit im Nordwesten Grönlands hatten Fähigkeiten entwickelt, die sie am Leben hielten.

 

Wir zogen seit vielen Stunden übers Eis. Es war schon nach Mitternacht, als in der Ferne endlich Lichter auftauchten: die Laternen von Siorapaluk. Ich wusste von früheren Reisen, dass Grönländern Licht unendlich viel bedeutet. Die wahre Herausforderung eines grönländischen Winters ist nicht die Kälte, sondern die Dunkelheit. Wenig später erreichten wir ein kleines Haus am Rande der Siedlung. Paulus, der sonst so viel schwieg und vieles einfach weglachte, erzählte mir mit ernster Miene, dass auch er aus Siorapaluk stammte, dass sie ihn sogar zu einer Art Dorfvorsteher gemacht hatten, so lange, bis er über diese Tätigkeit ganz trübsinnig geworden war und sie schließlich an den Nagel gehängt hatte, um nur noch das zu sein, was er mit ganzem Herzen immer sein wollte: ein Jäger.

AUSZÜGE AUS DEM BILDBAND „GRÖNLAND – MEINE REISE ANS ANDERE ENDE DER WELT“ (NATIONAL GEOGRAPHIC, 20109 VON MARKUS LANZ, AUTOR UND TV-MODERATOR, FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

GRÖNLAND:

Grönland (Kalaalit Nunaat) ist die größte Insel der Erde, hat rund 58.000 Bewohner und liegt zu 81 Prozent unter einer bis zu 3,4 Kilometer dicken Eisschicht. 2009 unterzeichnete die ehemalige Kolonialmacht Dänemark einen Vertrag, der Grönland weitgehende Unabhängigkeit zusichert. Nur die Außen- und Verteidigungspolitik unterliegen noch den Dänen, die vor 300 Jahren das erste Kolonialschiff in die Polarregion entsandten.

MARKUS LANZ:

Lanz wurde 1969 in Bruneck in Südtirol geboren; nach einem Volontariat bei Radio Hamburg arbeitete er ab 1995 für RTL, 2008 wechselte er zum ZDF; mit seiner Talkshow „Markus Lanz“ und „Lanz kocht“ ist er dort regelmäßig zu sehen; seine Faszination für die Arktis entdeckte Lanz 1995 bei seiner ersten Reise nach Grönland; auf Skiern wanderte er 2003 zum Nordpol.

Kategorien: Februar 2011