KREUZ UND QUEER

pierre et gilles/teddy award 2011

pierre et gilles/teddy award 2011

Den großen Traumfabriken des Kinos war es lange Zeit mehr oder weniger strikt verboten, von schwulen und lesbischen Beziehungen zu erzählen. So kam, in aller Regel, das Homosexuelle im Film bis in die 1960er Jahre vor allem in zwei Formen vor: als das Bedrohliche und als das Komische. Und nur selten, aber immerhin, wie in Leontine Sagans „Mädchen in Uniform“ (1931), auch als das Tragische.

 

 

Die Traumfabriken von Hollywood, Bavaria oder Cinecittà funktionierten in erster Linie als Maschinen zur Produktion des guten, heterosexuellen Familiengründungspaares. Aber zugleich entfalteten sich in den Parallelreichen der verschiedenen Genres höchst sonderbare Bilder. Rangen Maciste und Herkules wirklich nur aus sportlichen Gründen halbnackt miteinander? Warum schliefen Laurel und Hardy immer in einem Bett? Die Fähigkeit des Kinos, ganz unschuldig von verbotenen Beziehungen zu sprechen, nennt man Subtext oder, in Martin Scorseses Worten, „Schmuggelware“. Das betraf nicht allein das Vergnügen liberaler oder rebellischer Filmemacher, eben gerade von dem zu erzählen, was verboten war. Jetzt dürfen  wir es auch ganz offiziell wissen: Sexuelle Subtexte im Kino verdanken wir auch schwulen und lesbischen Autoren, Regisseuren und Schauspielern.

 

Lust im Verborgenen.

Das schwule und lesbische Begehren war im Subtext der Filme vergleichsweise gut aufgehoben. Weil es nämlich so gut verborgen war, durfte es sich auch zur Lust bekennen. Das genaue Gegenteil indes ereignete sich, als die liberaleren Studios der Traumfabriken in der Nachkriegszeit Homosexualität als Thema entdeckten. Denn genau dort, wo die Dinge wieder beim Namen genannt wurden, konnte die Zensur eingreifen. Und sie tat es, oft verheerend genug, etwa bei William Wylers erster Verfilmung von Lilian Helmanns Theaterstück „The Children’s Hour“, in der 1936 noch jeder Hinweis auf die lesbische Liebe der Hauptfiguren getilgt wurde. 25 Jahre später, 1961, unternahm Wyler einen zweiten Anlauf. Der Film, der bei uns unter dem Titel „Infam“ herauskam, erzählt von einem zehnjährigen Mädchen, das aus Bosheit zwei Lehrerinnen der gleichgeschlechtlichen Liebe bezichtigt, woraufhin die gute Gesellschaft in eine wahre Pogromstimmung verfällt. Aber noch immer musste das Thema der lesbischen Liebe mit so spitzen Fingern angefasst werden, dass die Dreharbeiten für Shirley MacLaine zu den unerfreulichsten Erfahrungen ihrer Karriere wurden: „Spielen, als ob man nicht wüsste, was man spielt.“

 

In den 60er Jahren änderte sich einiges, auch im Kino. Und das geschah in sehr unterschiedlichen Bilderkulturen. Zum einen öffneten sich die gegen die Macht der Traumfabriken gerichteten Filme der Neuen Wellen dem Thema so unbefangen wie möglich und so politisch wie nötig. Endlich gab es Filmemacherinnen und Filmemacher, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten. Homosexuelle Menschen wurden Protagonisten in Filmen von Claude Chabrol, Bernardo Bertolucci, Marguerite Duras. In „Teorema“ ließ Pier Paolo Pasolini von der Geschlechterordnung keinen Stein auf dem anderen. Zum anderen entfaltete sich zwischen Kunst, Agitation, Subkultur und Pop ein Underground Cinema mit ganz eigenen Erzählweisen und Strukturen. Pop, als Musik wie als Bewegung, war angetreten, auch sexuelle Grenzen zu überschreiten. Androgyn war das Zauberwort; mit androgynen Erscheinungen wie dem Fotomodell Twiggy, den geschminkten Sängern wie Mick Jagger oder filmischen Drogentrips wie Roger Vadims „Barbarella“ konnte man die gute Gesellschaft provozieren, ohne sich allzu eindeutig festzulegen. Die sexuelle Revolution brachte in der Folge eine Lockerung der Pornografie-Gesetze mit sich; Toleranz, Neugier und Zeitgeist öffneten auch in diesem Subkino allerlei Türen, die vorher strikt geschlossen waren.

 

Nicht der Homosexuelle ist pervers.

Schwule und Lesben begannen sich ab den 1970ern auch politisch zu organisieren. Ein neues Selbstbewusstsein verlangte danach, die Bilder nicht nur im Untergrund oder im Subtext zu ändern, sondern auch in der Gesellschaft. Ein Schlüssel dafür ist der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim von 1971. Mit Frank Ripplohs Komödie „Taxi zum Klo“ (1980) oder Rainer Werner Fassbinders „Querelle“ (1982) führte von da an ein Weg zum offenen, selbstbewussten Schwulenfilm, der auch ein heterosexuelles Publikum anspricht. Homosexuelle Abenteuer flimmerten unverblümt mit Komik und Selbstironie über die Leinwand, und Filme wie „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985) von Stephen Frears machten endgültig klar, dass schwule Geschichten im Kino kein Minderheitenprogramm oder gar Kassengift sein mussten. Homosexuelle Menschen konnten sich durchaus auch zärtlich begegnen, im Kino jedenfalls, und in der Solidarität gegen die Gewalt, die den Außenseitern immer noch angetan wird. Die 70er waren die Zeit für queere Bilder, auch im teuren Mainstream-Kino. Erstaunlicherweise sah man gerade die Geschichte des europäischen Bürgertums und seines Untergangs in Faschismus und Krieg durch die queere Brille wie in „Cabaret“ (1972) von Bob Fosse am genauesten.

 

Homosexualität und, allgemeiner, ein Genderdiskurs, der die eindeutig binäre Geschlechterordnung in Frage stellte, war zu Beginn der 80er Jahre, den Einsatz der richtigen Schauspieler vorausgesetzt, sogar Blockbuster-fähig. Von Dustin Hoffman in „Tootsie“ bis Robin Williams in „Ms. Doubtfire“ wimmelte es auf der Leinwand von sympathischen Menschen, die zumindest phänotypisch das Geschlecht wechselten, ohne sogleich in die „Charley’s Tante“-Klamotte zu rutschen. Sie ließen den Zuschauer entdecken, wie sehr das Geschlecht eines Menschen gesellschaftlich „gemacht“ wird.

 

Aids änderte alles.

Eigentlich hätte die Situation im Reich der Kino-Bilder entspannt sein können. Doch dann kam Aids. Und wieder eine mittlerweile schon gewohnte Abfolge von Verschweigen, Verdrängen, Denunzieren und schließlich Tolerieren und Mitleiden. Erst Filme wie „An Early Frost“ aus dem Jahr 1985 erweckten mit ihren Coming-Outs Verständnis und Mitgefühl. Dass der Film „Parting Glances“ (Abschiedsblicke), der den Tod zum tragenden erzählerischen Element machte, über alle Betroffenheit hinaus wirkte, zeigt, dass man nach Aids völlig anders mit dem Thema Homosexualität umging. Die Zeit der Skandalisierungen war vorbei: Nun ging es nicht mehr um sexuelle Identitäten, sondern um Einzelschicksale. Um homosexuelle Künstler wie „Caravaggio“ (1986) von Derek Jarman, um Literaten wie „Capote“ (2005) von Bennett Miller, um Politiker und Aktivisten wie Harvey Milk in Gus Van Sants „Milk“ (2008) oder um ganz normale Leute. Homosexualität ist heute in der amerikanischen und europäischen Mainstream-Kultur so normal, dass man, um dramatisches Potenzial zu finden, schon in die Vergangenheit reisen muss. So finden wir in „Aimée und Jaguar“, der Geschichte einer unmöglichen Liebe zwischen der Ehefrau eines Nazis und einer Jüdin im Widerstand, die Erinnerung daran, dass es so lange nicht her ist, als die falsche Art zu lieben lebensgefährlich war. Ang Lee fand den Stoff für seinen Oscar-Gewinner „Brokeback Mountain“ in der amerikanischen Provinz der 60er. Er erzählte ganz anders als die Filme vorher, die um Verständnis warben. Ang Lee hielt es, wie es Erich Fried in seinem berühmten Gedicht beschreibt: „Es ist wie es ist, sagt die Liebe“.

 

Mit sexuellen Identitäten spielen.

Während schwule und lesbische Paare hierzulande akzeptierte Lebensentwürfe sind, vor allem dann, wenn sie sich zu einem bürgerlichen Lebensstil bekennen, sind andere Wanderungen zwischen den Geschlechtern, vom Transvestismus bis zur Transsexualität noch immer ein Durcheinander, das sich nicht so leicht und familiär ordnen lässt. Der argentinische Film „XXY“ von Lucia Puenzo beschreibt die Geschichte der 15-jährigen intersexuellen Alex als eine Odyssee. Eine Suche nach einem raren Gut in einem Körper, der darauf keine Antwort gibt: Identität. Eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, in metrosexueller Inszenierung in Mode und Kosmetik mit dieser Geschlechterordnung zu spielen, reagiert dennoch verstört. Und noch einmal muss auch das Kino seinen Anteil am Kampf um die Menschenwürde leisten. Eine Errungenschaft der postmodernen Bilderkultur sind queere visuelle Parallelwelten, in die jedermann und jedefrau eintauchen kann, ohne Furcht, dort festgelegt zu werden. So kreist Pedro Almodóvar zum Beispiel in seinem Film „Das Gesetz der Begierde“ um die sexuellen Identitäten und setzt ein Spiel von Homosexualität, Transsexualität und Inzest in Gang. Vielleicht ist das Geschlecht nicht von der Natur gegeben, sondern von der Gesellschaft erzeugt. Vielleicht – fügen Filme von Almodóvar hinzu – sind sie aber auch nicht nur von der Gesellschaft erzeugt, sondern auch erfunden, erträumt, als Kunst erschaffen. b

 

ARTE-GASTAUTOR: GEORG SEESSLEN IST AUTOR, FEUILLETONIST UND FILMKRITIKER UND SCHREIBT U.A. FÜR „DIE ZEIT“, „TAZ“ und „FREITAG“.

 

ARTE PLUS

KLEINES GLOSSAR:

 

Drag Queen: (engl.: to drag – abschleppen) Travestiestars – mit aufwendigen Outfits werden Männer in Frauenkleidern zu schillernden Diven. Ihr Gegenpart heißt Drag King.

 

Queer: (engl.: sonderbar, seltsam, schwul); Oberbegriff für alle Formen nicht heterosexueller Sexual- und Lebensausrichtungen

 

Transsexualität: Empfinden, dass das biologische Geschlecht nicht mit der subjektiv wahrgenommenen Geschlechtszugehörigkeit übereinstimmt

 

Intersexualität: (auch Hermaphroditismus); Zwischengeschlechtlichkeit ohne klare Geschlechtszuordnung

 

Pansexualität: Neuer Begriff der sexuellen Orientierung, bei der die Partnerwahl unabhängig vom Geschlecht erfolgt

Kategorien: Februar 2011