DIE ANGST DER MITTE

Die Mittelschicht bröckelt, fühlt sich ausgeplündert und betrogen. Die Presse behandelt den Mittelstand wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Isabelle Bourgeois, Expertin für Wirtschafts- und Sozialpolitik, geht dem Zerfall der Mitte in Deutschland und Frankreich auf den Grund.

ARTE: Was ist überhaupt so schlimm daran, wenn die Mittelschicht ausstirbt?

ISABELLE BOURGEOIS: Nichts, denn genau genommen gibt es sie nicht.

 

ARTE: Aber wovon sprechen die Medien in den letzten Monaten unentwegt?

ISABELLE BOURGEOIS: Das ist eine Frage der Definition. In den Medien wird die Mittelschicht häufig anhand der Kriterien Einkommen, Bildungsstand, Konsumverhalten, Erwerbs- und Familienbiografien bestimmt. Aber die Zugehörigkeit zur Mittelschicht hat vor allem mit dem subjektiven Empfinden zu tun. Die Mitte der Gesellschaft definiert sich über Wählerverhalten und bürgerliche Werte.

 

ARTE: Gilt das für alle Länder gleichermaßen?

ISABELLE BOURGEOIS: Es gilt für alle europäischen Länder, wobei die Mittelschicht in Deutschland und Frankreich besonders stark ausgeprägt ist. Sie bezeichnet in beiden Ländern die Mehrheit der Gesellschaft, die in den Jahren des Aufbaus zwischen den 1950er und 70er Jahren einen wirtschaftlichen Aufstieg erlebte. Dieser Grundzug der Mittelschicht, der soziale Aufstieg, die Möglichkeit, durch Arbeit und Qualifikation die Karriereleiter hinaufzuklettern, scheint verloren zu gehen.

 

ARTE: Welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass heute oft von einem Auseinanderdriften der Mittelschicht die Rede ist?

ISABELLE BOURGEOIS: Zu den wichtigsten Gründen zählt der in den 1970er Jahren eingesetzte Wandel der Familienstrukturen, der dazu beiträgt, dass es die fest auf dem klassischen Familienmodell beruhende Mitte nicht mehr gibt. Heute findet man zum Beispiel viel mehr Singlehaushalte und eine immer größere Zahl an Alleinerziehenden. Diese Entwicklung hat in Frankreich früher begonnen und ist dort stärker ausgeprägt als in Deutschland. In Frankreich kommt ein weiteres Problem hinzu: die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, die zwischen 25 und 30 Prozent liegt. Der enorme Wandel der Erwerbsbiografien ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Es gibt ihn nicht mehr, den Angestellten bei Siemens, der von der Lehre bis zur Rente im selben Unternehmen arbeitet. Das erzeugt Unruhe und Angst. Die Problematik der schwindenden Mitte hat also viel mit dem subjektiven Gefühl zu tun.

 

ARTE: Ist diese Angst für Sie begründet?

ISABELLE BOURGEOIS: Natürlich. Und dieses Gefühl der Unsicherheit führt schließlich zu einer blockierten Gesellschaft. Aber objektiv betrachtet haben wir einen nie dagewesenen Lebensstandard: 90 Prozent der Haushalte besitzen ein Auto. Fernseher und Handy haben sowieso alle. Das Gefühl des Rückschritts rührt vielmehr daher, dass sich der Fortschritt verlangsamt. Vor allem die Entwicklung der Einkommen verlangsamt sich seit 2000 in Deutschland und in Frankreich enorm.

 

ARTE: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn ihre Mitte schwindet?

ISABELLE BOURGEOIS: Es bedeutet, dass die politischen Grundfesten ihren Halt verlieren. Das betrifft Deutschland mehr als Frankreich, denn eine politische Mitte wie in Deutschland gibt es in Frankreich nicht. Dort herrschen durch die rechtskonservative UMP und die sozialistische Partei PS bereits Extreme. Wir können derzeit beobachten, wie die deutschen Volksparteien CDU und SPD an Kraft verlieren. Besonders die SPD wird an ihren Extremen ausgehöhlt. Das führt dazu, dass es eine Konfliktgesellschaft und keine Konsensgesellschaft mehr gibt. Das betrifft auch das menschliche Miteinander. Wo Fatalismus herrscht, gibt es keine Dynamik mehr, dort vergisst man das Prinzip der solidarischen Eigenverantwortung.

 

ARTE: Welche Folgen hat das?

ISABELLE BOURGEOIS: Wenn man sich nicht mehr mit den staatlichen Institutionen identifiziert, führt das zu einer Rabaukengesellschaft, in der jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Das haben wir in Frankreich bereits – eine extrem konflikt-
haltige Misstrauensgesellschaft. Man denke nur an die monatelangen Streiks gegen die Rentenreform im vergangenen Jahr.

 

ARTE: Was sollte die bürgerliche Mitte aus ihrer Lage machen?

ISABELLE BOURGEOIS: Genau das Gegenteil von dem, was derzeit häufig passiert. Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, in der ein Schulleiter sagte: "Unsere Kinder haben eh keine andere Perspektive als Hartz-IV. Also zeigen wir ihnen wenigstens, wie man damit leben kann." Die Schule schiebt die Kinder nach unten, anstatt sie aus diesem Teufelskreis herauszuholen! Die Bildungspolitik muss an dieser Tendenz unbedingt etwas ändern. Bei der ganzen Problematik um die Mittelschicht muss man sich fragen: Worüber reden wir eigentlich? Und im Blick behalten, dass sich mit schwammigen Begriffen die seriösen Statistiken leicht instrumentalisieren lassen. Ängste kann man auch schüren.

  

INTERVIEW: STEPHANIE HESSE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE INTERVIEW

ISABELLE BOURGEOIS:
Studium der Deutschlandwissenschaften an der Universität Paris-IV-Sorbonne;
seit 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Centre d’information et de recherche sur l’Allemagne contemporaine (CIRAC);
führte u.a. Vergleichsstudien zu Deutschland und Frankreich in den Bereichen Wirtschafts- und Sozialpolitik durch.

ARTE PLUS

BUCH-TIPPS:
"Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte" (hrsg. von Peter A. Berger u. Nicole Burzan, Vs Verlag 2010);
"Armes Deutschland" (Ulrich Schneider, Westend 2010);
"Die Ausplünderung der Mittelschicht: Alternativen zur aktuellen Politik" (Marc Beise, Dt. Verl.-Anst. 2009);
"Wohlstandskonflikte: soziale Fragen, die aus der Mitte kommen" (Berthold Voel, Hamburger Ed. 2009);
"Zwischen Erosion und Erneuerung: die gesellschaftliche Mitte in Deutschland; ein Lagebericht" (hrsg. von Jörg Schulte-Altedorneburg, Societäts-Verl. 2007)

Kategorien: Februar 2011