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SIGOURNEY WEAVER – ERSTKLASSIG

ARD/Degeto

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Wie ein Wesen vom anderen Stern ragt die über 1,80 Meter große Sigourney Weaver aus dem Mainstream hervor. Bezeichnend ihr rötliches Haar und die spitze Nase, der schmale Mund und die kleinen Falten, wenn sie lacht. Sie wirkt oft androgyn, ist kaum geschminkt … und lässt dennoch die Stars auf dem roten Teppich hinter sich. Sigourney Weaver ist einfach anders. Die 61-Jährige zählt zu den wenigen, die auch mit zunehmendem Alter tolle Angebote erhalten. „Ich habe schon immer Frauen gespielt, die ein wenig seltsam waren – und dafür gibt es keine Altersgrenze“, verriet Weaver der „FAZ“ im Interview. Die New Yorkerin mag keine Rollen, in denen sie nur zur Ausstattung des männlichen Helden gehört. Sie spielt viel lieber kantige Figuren, herbe Schönheiten, starke und intelligente Frauen. In Ridley Scotts „Alien“ hat Weaver als erster weiblicher Actionheld Filmgeschichte geschrieben. Mit der Rolle der Ellen Ripley schuf sie einen neuen Archetyp der Science-Fiction, die Blaupause der starken Heldin, auf der Angelina Jolie später ihre Karriere aufbaute. Weaver spielte Weltraumoffiziere, die dämonische Verführerin der „Ghostbusters“ und in James Camerons „Avatar“ eine Forscherin, die sich mit den blauhäutigen Bewohnern vom Planeten Pandora verbündet. Die Rolle der Anderen ist ihr auf den Leib geschrieben.

 

 

Von Cinderella zu Alien
Sigourney Weaver ist ein Hippie. Sie lebte nach ihrer Schulausbildung im israelischen Kibbuz und – um im Einklang mit der Natur zu sein – während des Englischstudiums als Elfe verkleidet in einem Baumhaus. Aber sie ist auch die verwöhnte Tochter aus gutem Hause. Ihr Vater Sylvester „Pat“ Weaver gehört zu den einflussreichsten Männern der New Yorker Gesellschaft. Er war der erste Programmdirektor von NBC und verhalf dem Fernsehen aus den Kinderschuhen; er gilt als Vater von Late-Night-Show und Frühstücksfernsehen. Sigourney Weavers Mutter Elizabeth Inglis stammt aus England und spielte dort auf allen großen Theaterbühnen. Stars wie Jessica Tandy – bekannt aus Hitchcocks „Die Vögel“ – flimmerten bei den Weavers nicht nur über den heimischen Bildschirm, sie gingen bei ihnen ein und aus. Als Kind führte Weaver „Moby Dick“, „Cinderella“ und Co. als Theaterstücke auf. Mit 14 änderte sie ihren Namen von Susan Alexandra zu Sigourney – nach einer Figur aus F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“. 1972 beschloss sie, an der renommierten Schauspielschule in Yale zu studieren. Eine harte Zeit, denn ihre Lehrer beurteilten sie als völlig talentfrei und aufgrund ihrer Größe wurden ihr die meisten weiblichen Hauptrollen versagt. 

Drei Jahre nach Ende ihres Studiums erkämpft sich Weaver mit einem Sechs-Sekunden-Auftritt in Woody Allens „Der Stadtneurotiker“ 1977 ihr Kino-Debüt. Mit 29 Jahren dann der Durchbruch: Ridley Scott fragt sie für „Alien“ an. Obwohl die Rolle ursprünglich für einen männlichen Helden ausgelegt ist, passt Weaver perfekt: Als Weltraumoffizierin ist nicht Glamour gefragt, sondern Zähigkeit und Durchhaltevermögen.

Ein Jahr unter Autisten
Intensiv bereitet sich Weaver auf ihre Rollen vor. Für „Snow Cake“ (am 27.1. bei ARTE) begibt sie sich auf eine psychologische Reise: Sie spielt die Autistin Linda, die den Tod ihrer Tochter erleidet. „Ich habe zur Vorbereitung ein Jahr mit Autisten verbracht“, sagt Weaver. „Aus ihrer Sicht verbringen wir verdammt viel Zeit damit, uns zu verstellen. Es war eine Erleichterung, jemanden wie Linda zu spielen, der es egal ist, was andere von ihr denken.“

Denkt Sigourney Weaver mit 61 Jahren nicht langsam daran, sich von der Leinwand zu verabschieden? Mitnichten! „Avatar“ bedeutet 2009 ein Wiedersehen mit James Cameron, mit dem Weaver vor 25 Jahren bereits für die Fortsetzung von „Alien“ drehte. „Wir sind wie ein altes Ehepaar“, sagt die Schauspielerin dem „Freitag“, „ich bin Perfektionis-
tin, deshalb liebe ich es, mit James zu arbeiten, denn er bleibt mit Sicherheit länger am Set als ich.“ „Avatar“ ist der erfolgreichste Film aller Zeiten, für Sigourney Weaver berührt er aber noch mehr, nämlich ihr Engagement für den Erhalt der Natur. Sie tritt bei Naturschutzveranstaltungen auf und versucht, Politiker für das Thema Ökologie zu gewinnen: „Wir zerstören die Ozeane, die Regenwälder, verdrängen Ureinwohner. Die Arroganz der Menschen,
die glauben, sich den Planeten untertan machen zu können, ist schockierend.“

Außerdem engagiert sich die Mutter einer 21-jährigen Tochter in unabhängigen Theaterproduktionen. Häufig steht sie auf der Bühne des Flea Theaters in New York, dessen Intendant Jim Simp-son ist, Weavers Mann. Nach über 30 Jahren im Showbusiness und mehr als 40 Kinofilmen flaut die Lust am Schauspielen nicht ab. Auch eine Rückkehr zur Science-Fiction schließt sie nicht aus, James Camerons Ruf, ihn bei „Avatar 2“ zu unterstützen, ist verlockend. „Eine kleine Rolle hat er sicher“, lacht sie, „und sei’s nur als Baum.“

STEPHANIE HESSE

 

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WEAVERS ROLLEN:
Sigourney Weaver liebt die Rolle der starken Frau. Hier eine kleine Auswahl:

„Alien 1-4“(1979-1997): Die mutige Weltraumoffizie-rin Ellen Ripley bekämpft extraterrestrische Wesen 

„Der Augenzeuge“(1981): Reporterin Tony Sokolov riskiert ihr Leben, als sie Nachforschungen zu einem Mordfall anstellt 

„Ghostbusters – Die Geisterjäger“ (1984): Die von Dämonen besessene Dana Barrett verliebt sich in Geisterjäger Peter Venkman

„Gorillas im Nebel“(1988): Forscherin Dian Fossey lebt bei wilden Gorillas 

„Avatar – Aufbruch nach Pandora“(2009): Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine verteidigt das Volk der Na’vi gegen einen Raubbau betreiben-den Großkonzern

Kategorien: Januar 2011