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RÄTSELHAFTE RÄTSELWUT

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Das geflügelte Biest mit dem Frauenkopf war furios – und sein Ratespiel endete für die Beteiligten für gewöhnlich mit dem Tod. Die Ödipus-Sage der alten Griechen berichtet die Ereignisse so: Als die Sphinx die Stadt Theben belagerte, gab sie jedem Vorbeikommenden folgende Denksportaufgabe: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig“, und auch einen Tipp hatte die Kreatur noch parat: „Wenn das wundersame Geschöpf die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit am geringsten.“ Die Kandidaten bezahlten eine falsche Antwort mit dem Leben. Sie wurden auf einem Berg von dem Ungeheuer erwürgt und anschließend verspeist. Erst Ödipus konnte das Rätsel der Sphinx lösen: Es ist der Mensch! Er krabbelt als Baby, geht während der Blütezeit seines Lebens auf zwei Beinen und schleicht schließlich als Greis am Stock. Das Ungeheuer stürzte sich vor Wut über die richtige Antwort von einem Felsen und hauchte sein Leben aus. Diese Episode aus der griechischen Mythologie enthält eines der bekanntesten Rätsel der Weltgeschichte – und beweist, wie alt die menschliche Faszination für das Knobeln ist. Genau genommen findet sich schon in altägyptischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1650 vor Christus, dem sogenannten Papyrus Rhind, eine Rechenaufgabe, die manchen als Mutter aller Rätsel gilt. Das Knobeln und Grübeln und Sinnen beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden – und tut es bis heute. Die alten Germanen nannten das Entziffern und Deuten von Runen „rathen“. Das Wort hat bis heute überlebt.

 

 

Der kognitive Hunger des Menschen.

Die Menschheit, so sagt der Psychologe Joachim Funke von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, sei durch einen kognitiven Hunger vereint: „Wir wollen unser Erkenntnisstreben befriedigen.“ Gut ist es, wenn wir dabei zumindest eine vage Idee haben, wie die Lösung aussehen könnte. Vom Kindergartenkind bis zum Altenheimbewohner tüfteln wir an den verschiedensten Aufgaben – weil wir tief in unserem Inneren eine Begeisterung für Neues und Unbekanntes haben.

 

Die nachhaltige Neugier könnte sich mit der evolutionären Entwicklung des Menschen erklären lassen, glaubt die Anthropologin Dean Falk von der Florida State University in Tallahassee. Denn die für die Rätselei benötigten Hirnareale liegen vor allem im Bereich des sogenannten präfrontalen Kortex der Großhirnrinde – und genau dieses Areal hat sich im Laufe der menschlichen Entwicklung massiv vergrößert: „Dort spielen wir auch Reaktionsmöglichkeiten für zukünftige Probleme durch: Was würde zum Beispiel passieren, wenn ein Leopard um die nächste Biegung käme? So hat möglicherweise die menschliche Begeisterung für Rätsel begonnen“, erklärt Falk.

 

Heute verschafft uns die Beschäftigung mit kniffligen Aufgaben immer wieder schnelle Erfolge. Wer bei „Wer wird Millionär“ eine Frage errät, die den Kandidaten schwitzen lässt, der fühlt sich gut. Und wenn man beim TV-Krimi den Mörder vor dem Kommissar überführt, passiert dasselbe: Im Gehirn wird dann das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. „Das Bedürfnis nach kognitiven Erfahrungen wird unterschiedlich befriedigt“, sagt die Psychologin Petia Genkova von der Universität Passau. Dass Rätseln unserem Hirn guttut, steht weitgehend außer Frage. Forscher wie Fred Gage vom Salk Institute für Biologie in La Jolla, Kalifornien, haben in Versuchen mit Mäusen und Ratten gezeigt, dass sich durch geeignete Aktivität das alternde Gehirn verjüngen kann. Neuroplastizität nennen Mediziner dieses Phänomen, wenn sich die Hirnstruktur durch geistige Arbeit verändert. Tiere, die in einer stimulierenden Umgebung ihr Gehirn gezielt beschäftigen konnten, schnitten bei Lerntests schon nach wenigen Wochen besser ab. Die Nager fanden den Weg durch ein Labyrinth zum Beispiel schneller als Verwandte, die zuvor in einer tristen Behausung vor sich hin gedöst hatten. „Regelmäßiges Problemlösen könnte verhindern, dass die dazugehörige mentale Maschine Rost ansetzt“, erklärt Anthropologin Falk. Dieser Gefahr wollen offenbar viele Menschen gezielt begegnen, denn der Markt für die Hirnakrobatik boomt: „Es existieren 220 Rätseltitel in Deutschland, weit mehr als es Frauen- oder Autozeitschriften gibt“, sagt Stefan Heine. Als einer der gefragtesten Rätselautoren des Landes profitiert der Hamburger von der Knobel-Begeisterung der Massen. Er fertigt mehr als 100 verschiedene Arten von Rätseln an und beliefert damit rund 300 deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften.

 

Jede Rätselform hat ihre Zeit. Heine kennt immer die neuesten Rätseltrends – und weiß auch, dass sich der Geschmack des Publikums ändert. Verschiedene Rätselformen haben jeweils ihre Zeit. Das Rebus, ein elaboriertes Bilderrätsel, erlebte zum Beispiel im 18. und 19. Jahrhundert seine Blüte. Und während der farbige Zauberwürfel des Ungarn Ernö Rubik in den 1980er Jahren die Massen begeisterte, befassen sich mit ihm heute nur noch eingefleischte Fans. Das Gesellschaftsspiel „Trivial Pursuit“, von zwei Journalisten Anfang der 80er erfunden, hat seinen Zenit ebenfalls überschritten. Dagegen boomte das Zahlenrätsel Sudoku (japanisch für „die Zahl, die allein steht“) im gerade abgelaufenen Jahrzehnt. Vom Neuseeländer Wayne Gould im November 2004 an die britische „Times“ geliefert, eroberte das Spiel mit den 81 Zahlenfeldern die Herzen der Rätselfans im Sturm – vielleicht auch, weil man dafür wenig Vorwissen braucht. „Da ist die Hemmschwelle viel geringer, sich an das Rätsel zu setzen“, sagt Rätselautor Heine. Psychologie-Professor Funke gesteht schmunzelnd, dass er eine Sudoku-App auf seinem Smartphone hat. Der Rätselklassiker ist allerdings noch immer das Kreuzworträtsel. Das weltweit erste seiner Art erschien am 21. Dezember 1913 in der Zeitung „New York World“. Ausgedacht hatte sich das „Word-Cross-Puzzle“ der in England geborene Journalist Arthur Wynne. Er ließ seine Leser genau 31 Begriffe erraten, ein Wort war bereits vorgegeben: „Fun“. Und das Worteraten wurde zur weltweiten Erfolgsgeschichte. Das erste Kreuzworträtsel in Deutschland erschien im Jahr 1925 in der „Berliner Illustrirte Zeitung“. Mittlerweile sind Kreuzworträtsel Massenware – und werden normalerweise nicht mehr von Menschen, sondern von Computerprogrammen erstellt.

 

Der wohl größte Trend in der Rätselwelt der vergangenen Jahre war das Aufkommen sogenannter Gehirnjogging-Programme für PCs und tragbare Spielkonsolen, allen voran das Programm „Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging“ des Herstellers Nintendo. Allerdings streiten Neurowissenschaftler noch immer darüber, wie stark der positive Nutzen von solchem Computertraining tatsächlich ist. Forscher vom Medical Research Council for Cognition and Brain Sciences im britischen Cambridge haben bei Tests mit 11.500 Freiwilligen zeigen können, dass sich die Leistung der Probanden in Bezug auf die spezielle Aufgabe tatsächlich verbessert. Aber selbst bei sehr ähnlichen Tätigkeiten könnten die Rätselfans schon nicht mehr vom Trainingseffekt profitieren. Wer Sudokus besonders schnell löst, erinnert sich also trotzdem nicht besser, wo er sein Auto geparkt hat.

 

Doch noch einmal zurück zum Rätsel der Sphinx: Vom französischen Literaturnobelpreisträger André Gide ist der Ausspruch überliefert, er hätte der Sphinx auf jeden Fall mit „der Mensch“ geantwortet – egal wie die Frage gelautet hätte: „Denn es ist doch der Mensch, um den alle Rätsel sich ranken.“

CHRISTOPH SEIDLER

Kategorien: Januar 2011