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ABENTEUER SEIDENSTRASSE

SWR/Rolf Lambert

SWR/Rolf Lambert

 

Sie trotzten der sengenden Sonne der Takla Makan, der größten Salzwüste der Erde im Nordwesten Chinas. Sie erfroren fast bei der Überquerung des Pamir-Gebirges. Sie kämpften gegen die Überfälle räuberischer Nomaden, gegen Hunger, Durst und Krankheiten. Und oft genug verloren sie – im schlimmsten Fall ihr Leben. Doch ohne die Händler und ihre Karawanen, die rund anderthalb Jahrtausende über die Seidenstraße gen Westen zogen, sähe unser modernes Europa anders aus.

 

Schätze aus dem Morgenland.

Dieses Magazin, beispielsweise, gäbe es womöglich gar nicht. Denn das Papier und die Kunst des Buchdrucks sind nur zwei der wesentlichen Erfindungen, die auf dem gefahrvollen Wege von China über Zentral-asien und Persien nach Europa gelangten. Wann genau das erste Blatt in Europa ankam, ist nicht belegt. Der Transportweg begann zumeist im chinesischen Xi’an, der früheren Kaiserstadt Chang’aan. Er führte unter anderem über heutige Länder wie China, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, den Irak oder Syrien nach Europa. Jedoch nie auf direktem Wege: Die Seidenstraße war ein Geflecht von Handelsrouten, ein kommerzielles Wegenetz. Eine halbe Erdumrundung und Monate, manchmal Jahre, waren die Frachten unterwegs.

 

Beladen waren die Karawanen mit Säcken und Fässern voller Schätze: Gewürze und Tees, Porzellan, feinste Keramik und natürlich Seide. Dazu die Samen exotischer Pflanzen wie Orangen, Pfirsiche oder Weintrauben. In langen Schläuchen gluckerte der Wein besonderer Reben, in kleinen Flakons das Parfüm teuerster Essenzen. Gold, pur oder von den größten Meistern asiatischer Feinschmiedekunst zu Geschmeiden verarbeitet, ging auf die Reise. In den Preziosen glänzten Rubine, Saphire, Smaragde, oftmals auch der angeblich mystische Kräfte besitzende Jade. Auch Glas war darunter, das dem finsteren europäischen Mittelalter zumindest etwas mehr Licht verschaffte. Schwer vorstellbar, wie das zerbrechliche Gut heil in Europa ankommen konnte. Denn nicht nur, dass es buchstäblich über Stock und Stein ging – die Kamele als bevorzugte Lasttiere zeigten sich zudem wenig zimperlich mit ihrer Bürde. Die Zweihöckrigen waren weitaus widerstandsfähiger als ihre Kameraden mit nur einem Buckel obenauf. Sie konnten bis zu 150 Kilogramm tragen, auf Tagesstrecken, die um die 50 Kilometer maßen. Mit ihrem langen Fell ertrugen sie zudem die immensen Temperaturschwankungen von etwa 50 Grad Celsius im Tarimbecken, der zweitgrößten Depression der Erde im äußersten Westen Chinas, und bis zu minus 30 Grad in den Höhen des Pamirs. In den Hochebenen der Gebirge kamen aber auch Yaks, Pferde und Maultiere zum Einsatz. Bis zu 1.000 Tiere waren es am Ende, die samt Treibern, Händlern, Kaufleuten und – so man es sich leisten konnte – bewaffnetem Schutz den Weg in Angriff nahmen.

 

Mit dem Papier kamen die Geldscheine.

Irgendwann fand auch der erste Packen Papier Platz auf einem der Kamele und es entwickelten sich Stätten der Papierproduktion außerhalb Chinas. In Samarkand etwa, wo im 8. Jahrhundert ein nach Rosenwasser duftendes Papier hergestellt wurde. Mit dem Papier kam die Drucktechnik nach Europa – und bald auch die ersten Geldscheine. Politische, religiöse und gesellschaftliche Ideen fanden ebenfalls ihren Platz in den Karawanen, etwa der Buddhismus oder der Konfuzianismus. Getauscht wurde diese Art Gedankengut in den Oasen. Hunderte zogen sich entlang des Wegenetzes. Sie waren Märkte, auf denen die Ladungen von den chinesischen Händlern etwa an die Perser, weiter an die Syrer bis zu den Römern übergingen. Dieser Zwischenhandel verteuerte die kostbaren Güter um ein Vielfaches. Manches allerdings wurde heimlich weitergegeben. Wie die Samen des Maulbeerbaumes: Angeblich waren es Mönche, die sie unter ihrer Kutte in den Westen schmuggelten. Aus der Rinde dieser Bäume wurde das erste Papier gemacht. Doch Maulbeerbäume sind zugleich Nahrung und Heimstatt der Seidenraupe. Deren feinfädriger Kokon ist Grundlage für die Herstellung von Seide. Auch Kokons gehörten darum, einer Legende zufolge, zur Konterbande der Mönche. Da war die Seide schon einige Jahrhunderte wichtigstes Exportgut auf der Seidenstraße.

 

Bereits im 14. Jahrhundert hatte der verstärkte Handel über die Küsten Asiens der Seidenstraße den Rang abgesegelt – zu jener Zeit, als sich der wohl berühmteste Reisende auf der Seidenstraße bewegte. Von Venedig bis zur Ostküste des chinesischen Riesenreiches war der Venezianer Marco Polo unterwegs. Seine Aufzeichnungen im „Buch von den Wundern der Welt“ machten ihn legendär. Doch vieles, was er erlebt haben will, ist höchst umstritten. So erwähnt Polo nie die Große Mauer, die allgegenwärtigen Essstäbchen oder den Kompass. Auch der Buchdruck ist ihm keine Zeile wert. Immerhin sind die Handschriften seiner Berichte auf Papier veröffentlicht. Einem der vielen wunderbaren Dinge, die via Seidenstraße zu uns gelangten.

 

 

ARTE-GASTAUTOR MAIK BRANDENBURG IST FREIER JOURNALIS U.A. FÜR „GEO“, „MERIAN“, „MARE“; 2007 REISTE ER FÜR EIN „GEO“-SPECIAL ENTLANG DER SEIDENSTRASSE

Kategorien: Januar 2011