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ZU BESUCH BEI BUDDENBROOKS

WDR © Bavaria Pictures/Stefan Falke

WDR © Bavaria Pictures/Stefan Falke

Heinrich Breloer hat ein ganz besonderes Verhältnis zu Lübeck. Immer wieder hat es ihn hierher gezogen. Zu den Lübeckern Willy Brandt und Björn Engholm zum Beispiel, die er in seinen Filmen porträtierte. Vor allem aber zu einem: Thomas Mann. Der Regisseur hat hier dessen Klassiker „Buddenbrooks“ verfilmt. Mit viel Aufwand, über tausend Komparsen und für 17,6 Millionen Euro. Gedreht wurde die WDR/ARTE-Koproduktion größtenteils an den Originalschauplätzen. Armin Mueller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl, Mark Waschke und Iris Berben spielen die Hauptrollen. Breloer nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die historischen Gassen und zu den Schauplätzen des Films. „Ein ambulantes Interview“, sagt der Autor und Regisseur, „so etwas habe ich auch noch nie gemacht.“ Wir treffen uns an einem Tag, an dem es einfach nicht aufhören will zu regnen. Aber für zwei Stunden reißt dann doch noch der Himmel auf und zeigt das von rotem Backstein geprägte Stadtbild Lübecks im schönsten Licht.

 

„Buddenbrooks“, der 1900 fertiggestellte Debütroman des 25-jährigen Thomas Mann über den Zerfall einer Patrizierfamilie, spielt eindeutig in Lübeck, obwohl der Autor die Stadt nicht explizit erwähnt. Nach Anfangsschwierigkeiten wurde das Buch zum Bestseller und Klassiker. Heute hat es sich mehr als neun Millionen Mal verkauft und ist in über 30 Sprachen übersetzt worden. Auch Breloers Film erweist sich als Exportschlager. Er wurde bisher in rund 80 Ländern gezeigt. „Ein Geschäft von einiger Größe“ heißt der Film im Untertitel. Auf die Produktion des Films bezogen, klingt das wie ein Euphemismus, denn der Aufwand, das aktuelle Erscheinungsbild der Hansestadt wieder auf alt zu trimmen, war enorm. Breloer erinnert sich an die Dreharbeiten: „Unser Bautrupp schuf vor uns das 19. Jahrhundert und hat hinter uns das 21. wieder angeschweißt.“

 

Die Manns als Dauerbrenner

Mit seiner Verfilmung des Romanstoffs feierte der heute 68-jährige Filmemacher vor zwei Jahren ein relativ spätes Kinodebüt. Bis dahin war er bereits ein vielfach preisgekrönter TV-Regisseur, er gilt als Miterfinder des Genres Dokudrama, der Mischung aus gespielten und dokumentarischen Szenen. In Filmen wie „Todesspiel“ über den Deutschen Herbst 1977, „Einmal Macht und zurück – Engholms Fall“ oder „Kampfname: Willy Brandt“ hat er die ers-ten Höhepunkte dieses Genres geschaffen. Die Familie Mann aber ist ein Dauerbrenner in seiner Filmografie. Breloer drehte das ebenfalls im ARTE Weihnachtsprogramm angekündigte Dokudrama „Die Manns – ein Jahrhundertroman“, aber auch „Unterwegs zur Familie Mann“ und „Treffpunkt im Unendlichen. Die Lebensreise des Klaus Mann“. Und jetzt diese Romanverfilmung. Für die Produktionsfirma Bavaria war es der größte Film seit Wolfgang Petersens U-Boot-Drama „Das Boot“.

 

„Acht Jahre habe ich der Familie Buddenbrook gern geopfert“, sagt der Filmemacher und erinnert sich an die lange Vorbereitungszeit. Manchmal vermischen sich beim Erzählen die Ebenen. Gerade noch hat Breloer euphorisch über die Buddenbrooks geredet, schon wechselt er nahtlos zur Familie Mann. Armin Mueller-Stahl ist von dem Autor übrigens weniger begeistert, obwohl er ihn zunächst in „Die Manns“ so überzeugend spielte und nun dessen Romanfigur, den Konsul Buddenbrook, in den „Buddenbrooks“ verkörpert. „Ein Fan von Thomas Mann bin ich eher nicht“, hat er der Filmzeitschrift „epd-film“ gesagt. „Aber ich mag Breloer. Er brennt, wenn er etwas macht.“

 

Wir gehen an den Salzspeichern vorbei, die schon im Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ aus dem Jahr 1922 als Kulisse gedient haben, und biegen an der Musikhochschule ab in die Große Petersgrube. Die Straße steigt steil an, wie so viele, die von der Trave in die Stadtmitte führen. „Die Schildkröte“ nennt Breloer die Hansestadt wegen dieser hügeligen Topografie. Er ist ein temperamentvoller Erzähler, stellt immer wieder Szenen nach, gestikuliert, schlüpft in die Rollen seiner Schauspieler.

 

Für die Umsetzung der Geschichte haben sich Breloer und sein Kameramann Gernot Roll folgendes Konzept überlegt: „Wir wollten Filmbilder für die poetischen Wahrheiten des Romans finden, glaubhaft sein, den Menschen so nahe wie möglich kommen. Am Ende haben wir uns für Bilder in einer Art magischem Realismus entschieden.“ Breloer hält einen Moment inne, als wir auf einer Brücke im Stadtviertel Malerwinkel stehen, von dem aus man einen der schönsten Blicke auf die Altstadt hat. Hier fahren im Film Pferdekutschen, ganz in der Nähe wird der junge Hanno, der Stammhalter der Buddenbrooks, bei einer Bootstour ins Wasser stürzen und an den Folgen sterben.

 

Was macht den historischen Stoff heute noch erzählenswert? „Das Thema ist doch ganz modern“, sagt Breloer. „Es geht um Marktwirtschaft, den Zwang zum Erfolg und den Untergang eines Handelshauses. Man ordnet sich den Formen und den Interessen des Kapitals unter. Das persönliche Glück muss dafür geopfert werden. ‚Du gehörst dir nicht allein‘, sagt der Konsul zu seiner Tochter Tony. ‚Wir sind Glieder einer Kette.‘ Tony konnte noch keinen Ausgleich finden zwischen den Ansprüchen ihrer Eltern und den eigenen Bedürfnissen.“

Von Vätern und Söhnen

Auf dem Weg zur Mengstraße, in der das Buddenbrookhaus steht, erzählt Breloer, wie aus dem Kaufmannssohn Thomas Mann der Schriftsteller wurde. Sein Vater Thomas Johann Heinrich war Getreidehändler und starb, als sein Sohn, der sich nicht für das Geschäft interessierte, erst 16 Jahre alt war. Eine ähnliche Konstellation findet man in den „Buddenbrooks“ zwischen Vater Thomas und Sohn Hanno. Die unvereinbaren Lebensauffassungen von Kaufleuten und Künstlern sind in diesem Roman und vielen Werken Manns ein Thema. Sie betreffen auch Breloer: „Mein Vater war Mehlgroßhändler und wollte, dass ich sein Nachfolger und Firmenchef werde“, erzählt er auf unserem Spaziergang. „Er wollte mir vorschreiben, mit Härte im Geschäft erfolgreich zu sein. Aber das wollte ich nicht. Man kann auch auf andere Weise Autorität ausüben.“ Thomas Mann hat geschrieben: „Wir sind doch
das, was unsere Väter waren. Nur auf andere Weise noch einmal.“ Breloer stimmt zu. „In meinem Vater steckte auch ein bisschen ein Künstler. Er ist früh gestorben und hat leider nicht gesehen, was sein Sohn fürs Kino macht. Das hätte ihn sicher gefreut.“ Pause. „Vielleicht hätten wir uns auch gestritten, weil ich das falsche Fach studierte und in die Literatur abgewandert bin.“

 

Auf der Überholspur

Wie alt war Breloer eigentlich, als sein Vater starb? „Zwölf“, sagt er und schlägt wieder den Bogen. „Hanno Buddenbrook war 14.“ Er gibt zu, dass in seinem Kopf manchmal die Familiengeschichten etwas durcheinander geraten. Das ging aber auch den Beteiligten so. Thomas Manns Sohn Golo Mann hat gesagt: „Wenn ich am Grab der Manns stehe, denke ich manchmal, da unten liegen die Buddenbrooks.“ Auch andere verwechseln manchmal Fiktion und Realität. Im Januar kam ein Brief von Kabel Deutschland im Buddenbrookhaus an. Adressiert an: Antonie Buddenbrook, Mengstraße 4. Der Text begann: „Sehr geehrte Frau Buddenbrook, surfen Sie schon bald auf der Überholspur.“ Das frühere Wohnhaus der Familie ist heute ein Mann-Museum und eine Touristenattraktion. Das Innere, in dem große Teile des Films spielen, wurde im Studio in Köln nachgebaut, der Stadt, in der Breloer lebt.

 

Der stille Teil der Tour liegt jetzt hinter uns. Wir kommen auf die Breite Straße. In der Fußgängerzone herrscht Gewusel, Menschen schleppen Einkäufe. Hier liegt auch das Rathaus, wo Szenen der Revolution von 1848 angesiedelt sind. Breloer geht schnurstracks zum Pförtner und sagt: „Ich will nur mal kurz zeigen, wo wir gedreht haben.“ Der Pförtner nickt. Man kennt sich.

 

Auf dem Rathausmarkt erklärt der Regisseur am Schluss noch eine nächtliche Szene mit Tony und Thomas. Die Geschwister blicken über die Zinnen des Rathauses zum Sternbild des Großen Wagens hinauf. Tony gratuliert ihrem Bruder zu seinem Erfolg und findet, er stehe glänzend da. Thomas aber ahnt schon das kommende Unheil und antwortet: „Strahlend. Wie dieser Stern da oben am Himmel. Aber du weißt nicht, ob er nicht gerade am Erlöschen ist, wenn er am hellsten leuchtet.“ Breloer hält einen Moment inne und wird beinahe andächtig. „Wunderbar“, sagt er. „Das trifft einen heute noch.“

 

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THOMAS MANN UND SEIN LÜBECK:
Am 6. Juni 1875 wird Thomas Mann in Lübeck in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren; 1891 stirbt der Vater, das Familienunternehmen wird verkauft, auch das Haus der Großeltern in der Mengstraße 4; hier siedelt Mann später die „Buddenbrooks“ an; als er 14 ist, zieht die Familie nach München; 1901 erscheint sein erster Roman „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ (Literaturnobelpreis 1929), infolge dessen ihn die Lübecker als Nestbeschmutzer beschimpfen; er verteidigt sich in dem Essay „Bilse und ich“ (1906), in dem er die Freiheit des Schriftstellers verteidigt; heute gehört das Buddenbrookhaus zu den Attraktionen Lübecks.

Kategorien: Dezember 2010