STING ROYAL

Olaf Heine

Olaf Heine

Es war nicht verwunderlich, als Gordon Sumner alias Sting im letzten Sommer ein Album mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra veröffentlichte. Der klassische Klangkörper reizt viele Songwriter höheren Alters – wegen der musikalischen Möglichkeiten, aber auch, weil solche Kooperationen einer Adelung gleichkommen. Bei Sting ist Weiterentwicklung zudem Programm, die Sinfonie gewissermaßen der Zielpunkt des eigenen Werkes. „In einer Rockband arbeitet man oft nur mit drei, vier Grundfarben“, erklärt Sting, „bei einem Orchester steht dir die ganze Palette zur Verfügung, ein vollständiges Spektrum aus Licht und Schatten. Die eigenen Lieder in einem solchen Zusammenhang zu hören, ist für einen Songwriter ein königliches Geschenk.“

 

 

 

Vom Post-Punk zur Hochkultur

Veränderung ist eine Konstante im Werk des britischen Sängers. Schon bei seiner ersten Band The Police wollte der heute 59-Jährige höher hinaus und brachte dem ungehobelten Post-Punk sukzessive Manieren bei. In den folgenden Solojahren ging es vor allem um kultivierten Pop mit Jazz-Einflüssen und regelmäßigen Ausflügen in stilis-tische Nachbarländer. Harmonisch klug, rhythmisch komplex, lyrisch souverän – Sting ist ein Liedschreiber, der das künstlerisch Anspruchsvolle mit großen Melodien verbindet. Das ist die zweite Konstante in seinem Werk, das mit weltweit knapp 100 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten im Popgeschäft gehört.

 

Seit ungefähr zehn Jahren befindet sich Sting in der Kür seiner Karriere. Die regulären Alben sind nicht mehr wirklich regulär, der Musiker probiert sich aus. Englische Folklore, Gastauftritte als Interpret und Kollaborateur, zwischendurch eine Reunion mit The Police – den nächsten großen Hit hat Sting wohl nicht mehr im Sinn, eher die private Stimulierung. Bereits 2008 führte der Brite einige seiner Songs zunächst mit dem Chicago Symphony Orchestra und dann mit dem Philadelphia Orchestra auf – da war der Wunsch geweckt, das eigene Werk als musikalische Hochkultur neu zu erleben. Er kooperierte mit einer Reihe von renommierten Arrangeuren und trug die Ergebnisse zu den Londoner Royal Philharmonics. „Diese zum Teil dreißig Jahre alten Lieder in orchestrale Gewänder zu kleiden, hat ihnen neues Leben eingehaucht“, sagt Sting, „außerdem hat es Spaß gemacht, das Orchester zu bitten, Rock’n’Roll mit derselben rhythmischen Intensität zu spielen wie ‚Le Sacre de Printemps‘ von Strawinsky.“

An Englishman in Berlin

Bei dem Berliner Konzert der „Symphonicity“-Tour im September 2010 – auf ARTE am 16. Dezember zu sehen – erlebte man, was Sting an seiner neuesten musikalischen Liaison schätzt. Gut fünfzig Musiker stehen da auf der Bühne der O2-Arena in Friedrichshain und erweitern das Werk des Englishman um viele Facetten und neue Klänge. Der alte Gassenhauer „Roxanne“, einst wild und hormongesteuert, wird zur väterlichen Mahnung, das Antikriegslied „Russians“ kann seinen sinfonischen Klang endlich voll entfalten. Sting singt gewohnt tadellos, seine vierköpfige Band baut mit reduzierten Klängen die Brücke zwischen Orchester und Pop. Der erste Teil des Abends ist dabei eher Greatest-Hits-Show als musikalisches Abenteuer: Das Orchester unter der Leitung von Steven Mercurio erweitert das harmonische Material, interpretiert es aber nur gelegentlich neu. Erst nach der Pause entfaltet es sein volles Klangspektrum.

 

Jetzt spielen Sting und Mercurio die Großartigkeit der Royal Philharmonics aus und flechten schwindelerregend komplexe Harmonien in die bekannten Lieder ein. Die Geschichten stehen im Vordergrund. Sting erzählt von zwei Füchsen am Ende ihres wilden Banditenlebens in „End Of The Game“ und leiht seine Stimme in „Tomorrow We’ll See“ einem Transvestiten, der von der Tragik des Rotlichtmilieus berichtet. Ein Höhepunkt ist „Bourbon Street“, für das Sting in einen alten Mantel schlüpft – der Sänger läuft jetzt durchs nächtliche New Orleans, auf der Flucht vor Vampiren und Meuchelmördern. Die Musik wirkt bedrohlich wie in einem alten Stummfilm, auf der Leinwand erscheint die knöchrige Krähenhand Nosferatus. Schaurig ist das – und musikalisch brillant. Die letzte halbe Stunde gehört dann wieder den Evergreens. Bei „King Of Pain“ steht das Orchester auf und wiegt sich im Takt der Musik.

 

Das finale „Every Breath You Take“ gewinnt nichts durch das neue Arrangement, ist aber in jedem Gewand ein großes Lied. Dann die Zugaben: „Desert Rose“ verwandelt den Saal in einen orientalischen Basar, Band und Orchester erreichen den dynamischen Zenit. Am Schluss steht „Fragile“, dessen lateinamerikanische Akkorde lange ein Symbol für Stings musikalischen Wissensdurst waren. Der Moment ist fabelhaft, weil Sting ein bisschen mit dem Gitarrespielen kämpft und ganz kurz seine sonst vollkommene Souveränität verliert. Perfektion, das ist die dritte Konstante in diesem Werk. „Mein Antrieb ist meine Neugier – und der Wunsch, als Musiker besser zu werden“, sagt Sting, „meine Strategie war immer, mit Musikern zu spielen, die mir voraus sind, um meine Möglichkeiten zu vergrößern. Stillstand ist keine Option.“

 

JÖRN SCHLÜTER

 

 

ARTE PLUS

 

KURZBIOGRAFIE:

Gordon Sumner, geboren 1951 in Wallsend, England, als Sohn eines Milchmanns. Von 1971 bis 1974 ließ er sich zum Lehrer für Englisch und Musik ausbilden. Ein wespenartig gestreifter Pullover brachte ihm den Spitznamen „Sting“ ein. 1977 gründete er mit Freunden The Police. Seine Solokarriere
begann der Sänger 1985.

 

DISKOGRAFIE (neueste Alben):
„Symphonicities“ (2010);
„If On A Winter’s Night …“ (2009);
„Songs From The Labyrinth“ (2006);
„My Funny Valentine“ (2005);
„Songs Of Love“ (2003)

Kategorien: Dezember 2010