ICH SCHUF ARTE

Frédéric Langel

Frédéric Langel

Ein Wörterbuch macht noch keine gute Übersetzung: Vokabeln allein reichen nicht aus, um einen Text von einer Gedankenwelt in eine andere zu übertragen. Man vergleiche bloß den deutschen und den französischen Wikipedia-Eintrag zu Jérôme Clément. Der deutschsprachige Artikel hat gewiss die Absicht, verständliche Auskunft über den Mann zu geben, der 20 Jahre lang an der Spitze von ARTE stand und den Sender wie kein anderer prägte. Die Begriffswelten sind aber so verschieden, dass die deutsche Version einen ganz anderen Menschen zu beschreiben scheint als das französische Original.

 

Fangen wir mit dem Beruf an: „Jurist“ und „Politikwissenschaftler“ – formal korrekt, und doch fast komisch, wenn man Jérôme Clément kennt. Der Franzose ist kein Jurist und noch weniger Politikwissenschaftler im deutschen Sinne. Beides wäre unter französischen Vorzeichen auch nicht so erstrebenswert, weniger jedenfalls als die Ausbildungswege, die sich dahinter verbergen.

 

Jérôme Clément hat das Institut d’Etudes Politiques in Paris, heute Sciences Po, absolviert, eine Hochschule, die nach der Niederlage von 1870 geschaffen wurde, um geistig mobile Eliten heranzuziehen, die neue, vergleichbare Desaster von Frankreich abwenden könnten. So viel zum Politikwissenschaftler. Mit dem Juristen ist es ähnlich: Jérôme Clément hat eine zweite Elite-Hochschule besucht, die sich zwar dem Namen nach mit dem Staatsapparat beschäftigt (Ecole nationale d’Administration, ENA), ihre Eleven tatsächlich seit 1945 aber vor allem in die Mechanismen der Macht einweist. Unmittelbar nach Studienabschluss übernehmen die Absolventen Führungsposten in der Verwaltung, mehrere Jahre härtesten Konkurrenzkampf in den Knochen. Das fördert strategisches Denken, politisches Gespür und eine Führungskultur mit wenig Sinn für Verhandlungen und Abstimmungen. Man kann sich denken, wie befremdlich die föderalen Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland auf Clément und seine französischen Weggefährten in den Anfangsjahren von ARTE gewirkt haben müssen.

Ein erstaunliches Charisma

Die Legende will es, dass Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident François Mitterrand bei der Gründung von ARTE ein visionäres Projekt vor Augen hatten. Die bescheidenere Wirklichkeit verband die finanziellen Interessen der deutschen Fernsehfürsten mit der innerfranzösischen Notwendigkeit, einen prestigereichen Sender für die einflussreiche Kaste der intellektuellen Filmemacher zu schaffen. Eine heikle Aufgabe: Den öffentlichen Anspruch eines großen deutsch-französischen Projekts im Gestrüpp der komplizierten deutsch-französischen Realität umzusetzen und einen Fernsehsender aufzubauen.

 

Jérôme Clément war von Anfang an dabei. „J’ai créé ARTE“, ich habe ARTE geschaffen, sagt Clément heute nicht zu Unrecht. Ohne die prägenden Jahre im Umfeld von François Mitterrand, die politischen Freundschaften und Erfahrungen in unmittelbarer Nähe zum ersten Staatspräsidenten der französischen Linken, wäre ihm das vielleicht nicht gelungen. In seinem Wesen ist Jérôme Clément bis heute zutiefst „mitterrandien“ – ein Begriff, der wenig mit Dogma, viel hingegen mit Habitus und Stil zu tun hat. Ins Deutsche lässt er sich nur durch Umschreibungen übersetzen: ein ausgeprägtes Machtbewusstsein, ein hochentwickelter politischer Instinkt, ein immenses Netzwerk und eine gewisse Undurchdringlichkeit. „Jérôme hat ein erstaunliches Charisma“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter, „wenn er das Sitzungszimmer betritt, spürt man eine rätselhafte Präsenz.“ Manchmal überfällt ihn der unwiderstehliche Impuls, den bürokratischen Zwängen des Amts zu entkommen und zwei Stunden lang in einem Antiquariat zu stöbern. Zum Schrecken seiner Mitarbeiter ist er, genau wie Mitterrand, immer wieder seinem Fluchtinstinkt gefolgt, hat beim Spazierengehen anregende Unterhaltungen gesucht und danach seine Entscheidungen getroffen. Nein, ein zupackender Manager amerikanischen Stils ist Jérôme Clément ebenso wenig wie ein braver Staatsdiener, sondern ein archetypischer französischer Intellektueller, der sich mehr aus Notwendigkeit denn aus Neigung die technokratischen Kenntnisse angeeignet hat, die zum Broterwerb leider notwendig sind. Paradoxe Nebenwirkung: Wenn man Clément in einem Saal voller Menschen begegnet, sieht es oft so aus, als ob er lieber woanders wäre. Der ehemalige Präsident und heutige Vizepräsident von ARTE ist eine Gestalt des öffentlichen Lebens mit einem gebrochenen Verhältnis zur Öffentlichkeit. Die kühle Fassade dient der Abwehr von Zudringlichkeiten. Sie kaschiert eine menschliche Sensibilität, die er in seinen Büchern offenlegt. „Les femmes et l’amour“ zum Beispiel, ein Gesprächsband über die Liebe, ist geprägt von Intimität und Feinfühligkeit, frei von der tiefen Skepsis, die Clément in größerem Kreis so leicht vermittelt. Noch persönlicher ist das Erinnerungsbuch an seine Mutter, das er vor fünf Jahren veröffentlicht hat. „Plus tard, tu comprendras“ (Später wirst du verstehen), der bewegende Rückblick des erwachsenen Sohns auf die Zerrissenheit seiner Familie, hier die katholisch-kleinbürgerliche Prägung des Vaters, dort das russisch-jüdische Milieu der Mutter, die ihr Judentum absichtlich nicht an ihn weitergegeben hat. Dass die Großeltern mütterlicherseits in Auschwitz umgekommen sind, sei ihm über lange Zeit nicht richtig bewusst gewesen.

 

Nach dem Tod der Mutter hat ausgerechnet der reservierte Jérôme Clément seine Familiengeschichte mit vielen Einzelheiten in die Öffentlichkeit getragen. Seiner Arbeit in dem deutsch-französischen Sender hat er damit eine Dimension verliehen, von der die wenigsten etwas geahnt haben. Etwa zur gleichen Zeit hat er auch nach einem intellektuell herausgehobenen Platz in der deutschen Geisteswelt gesucht und im Senat der von Helmut Schmidt gegründeten Deutschen Nationalstiftung gefunden. Das ist wieder sehr „mitterrandien“.

JACQUELINE HENARD FÜR DAS ARTE MAGAZIN. UNSERE GASTAUTORIN WAR LANGJÄHRIGE KORRESPONDENTIN DER „FAZ“ UND DER „ZEIT“ UND ERHIELT FÜR IHREN ARTIKEL ZUM ZEHNJÄHRIGEN BESTEHEN VON ARTE (2001) DEN SONDERPREIS DES DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN KULTURRATS

 

ARTE PLUS

KURZBIOGRAFIE JEROME CLEMENT:
geb. am 18.5.1945;

Angestellter des französischen Kulturministeriums;

1980-81 Berater der französischen Botschaft in Ägypten;
1984-89 Generaldirektor des Centre National de la Cinématographie;
seit Januar 1989 Präsident von ARTE France;

1991-2010 Präsident und Vizepräsident von ARTE;

u.a. Buchautor, Träger verschiedener französischer Ritterorden;

Bundesverdienstkreuz der BRD;
Clément hat vier Kinder und lebt in der Nähe von Paris

Kategorien: Dezember 2010