HIMMEL & HÖLLE

Seppia/ARTE/ORF 2010

Seppia/ARTE/ORF 2010

In den Tod gehen alle gleich – das hatten die Forscher lange geglaubt: erst ein dunkler Tunnel, dann Heraustreten- aus dem Körper, das Leben als Kurzfilm, zum Schluss gleißendes Licht. So hatten es Menschen, die dem Tod nahe und ins Leben zurückgekehrt waren,- dem amerikanischen Psychiater Raymond Moody wieder und wieder erzählt. Ihre Berichte fasste er 1975 in seinem Buch „Life after Life“ zusammen. Der Trip ins Jenseits erschien als Pauschalreise. Und die Gläubigen frohlockten: Wenn alle dasselbe erfahren, so muss es ein Leben nach dem Tod geben!

 

 

Diese heile Einheitsvision zerstörte 1999 der Soziologe Hubert Knoblauch. Er befragte 2.044 Deutsche peinlich genau; das Ergebnis: Die Tour ins Jenseits ist höchst individuell. Eine Reise ins Licht erlebten vor allem die religiöseren Westdeutschen, während die Ostdeutschen eher höllische Erfahrungen machten. Womöglich war das amerikanische Wohlfühl-Modell zum Zeitpunkt der Studie noch nicht im Osten angekommen. Oder, so spekulierte Knoblauch, die autoritäre DDR-Gesellschaft hatte Straffantasien gefördert. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ist die Reise ins Danach mit Lokalkolorit- getüncht. Eine Inderin reitet auf einer Kuh in den Himmel, ein New Yorker fährt im gelben Taxi. Damit taugen Nahtod-Erfahrungen kaum mehr als Beweise für ein ewiges Leben – und werden erst richtig interessant: Denn so wenig die Visionen über das Jenseits verraten, so viel sagen sie über das Diesseits.

 

Diese heile Einheitsvision zerstörte 1999 der Soziologe Hubert Knoblauch. Er befragte 2.044 Deutsche peinlich genau; das Ergebnis: Die Tour ins Jenseits ist höchst individuell. Eine Reise ins Licht erlebten vor allem die religiöseren Westdeutschen, während die Ostdeutschen eher höllische Erfahrungen machten. Womöglich war das amerikanische Wohlfühl-Modell zum Zeitpunkt der Studie noch nicht im Osten angekommen. Oder, so spekulierte Knoblauch, die autoritäre DDR-Gesellschaft hatte Straffantasien gefördert. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ist die Reise ins Danach mit Lokalkolorit- getüncht. Eine Inderin reitet auf einer Kuh in den Himmel, ein New Yorker fährt im gelben Taxi. Damit taugen Nahtod-Erfahrungen kaum mehr als Beweise für ein ewiges Leben – und werden erst richtig interessant: Denn so wenig die Visionen über das Jenseits verraten, so viel sagen sie über das Diesseits.

 

Jede Gesellschaft hat ihre eigene Hölle
Mitnichten ist die Projektion diesseitiger Verhältnisse auf das Jenseits eine moderne Erscheinung. „Zu allen Zeiten haben Gesellschaft und Kultur die Vorstellung von der anderen Welt geprägt“, sagt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme von der Humboldt-Universität zu Berlin. Und nicht erst neuzeitliche Sozialforscher nutzten Nahtod-Erlebnisse als Datenbasis. „Reiseberichte aus dem Jenseits waren eine Autoritätsquelle für die Religionen“, sagt Böhme. Auch Künstler ließen sich von den Schilderungen derer, die den Tod überlebt hatten, inspirieren: Homer zu seiner „Odyssee“, Dante zu seiner „Göttlichen Komödie“, Hieronymus Bosch zu seinen schaurig-schönen Gemälden.

Zu Beginn der Zivilisation war das Jenseits recht öde, Himmel und Hölle noch nicht erfunden. In den meisten Stammeskulturen landeten die Toten allesamt an einem tristen Ort, wo sie als eine Art Gespenster weiter ihren Alltagsgeschäften nachgingen. Nur Randexistenzen, die nichts zum Zusammenleben beigetragen- hatten, mussten draußen bleiben. So glaubt die Kultur der Inuit,- dass schlechte Jäger nach dem Tod ausgeschlossen werden, auch wenn sie gute Menschen waren.

Die antiken Griechen waren es, die das Jenseits entzweiten: Während sich die Guten im Elysion erfrischten, litten die Bösen im Hades an ihrem fleischlosen Schattendasein. Religiös sind die antiken Unterwelten allerdings kaum, eher „sehr menschliche Antworten auf das Problem des Bösen“, schreibt der französische Historiker- Georges Minois. Von da an machte die Hölle Karriere, zunächst in der „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil, welche die Qualen prall und farbig ausmalte: „Einige wälzen den Riesenstein, auf Räder geflochten hangt ein Volk. Es seufzt und wird allewiglich seufzen.“ Bestraft wurden vor allem Vergehen, die auch das römische- Recht verurteilte – kein Zufall: Vergil nahm die irdische Rechtspraxis zum Vorbild. Die Schreckensdrohungen sollten die Menschen von Straftaten abhalten.

Die Schöpfer der christlichen Hölle bedienten sich bei Vergil, in der Bibel dagegen fanden sie kaum konkrete Vorlagen. Besonders im Glauben des Volkes und in den Visionen der Mönche wurde das Jenseits im Mittelalter zum infernalischen Marterort. „Die Menschen haben damals alltäglich Schmerz und Gewalt erfahren, das hat das Bild der Hölle geprägt“, sagt der Kulturwissenschaftler Böhme. Da wurde gesengt und gesotten, zerquetscht und zerstückelt, verschlungen und verdaut.

Der Himmel dagegen hat die Männer Gottes zu weit weniger sinnlichen Darstellungen inspiriert: sphärische Klänge, ein ewiges Halleluja. Allenfalls nahrhafte Speisen sorgten für das leibliche Wohl. Allzu fleischliche Genüsse wirkten wegen des christlichen Ideals der Askese schnell inadäquat. Oder, wie Böhme sagt: „Der Himmel ist langweilig.“

 

Die Theologen bemühten sich unterdessen ab dem 12. Jahrhundert, den überbordenden Höllenfantasien der Mönche ein nüchternes Konstrukt entgegenzusetzen. Viele von ihnen hatten Zivil- und Kirchenrecht studiert, sie kopierten wie Vergil die diesseitige Rechtsprechung. Gott wurde nach dem Vorbild des irdischen Königs zum Richter, das Jüngste Gericht kannte Strafanträge und Zeugenaussagen, Apostel und Engel assistierten im Prozess. Und mit Beichte und Buße wurde die Kirche- zur Anwältin der Gläubigen. Die Erfindung des Fegefeuers als eine zeitlich begrenzte Reinigung stärkte ihre Position – denn erst sie macht die Sühne verhandelbar, auch wirtschaftlich. „Das Christentum- hat die Heilsökonomie- dramatisch ausgebaut“, sagt Böhme. Als das Bürgertum ab dem 11. Jahrhundert durch Handel zu Reichtum und Einfluss kam, begann das Buch der guten und bösen Taten mehr und mehr einem Rechnungsbuch zu gleichen: eine Lebensbilanz in Soll und Haben. Die Preise für Fürbitten und Messen wiederum, mit denen sich der Aufenthalt im Fegefeuer verkürzen ließ, regelte ein strenger Tarifkatalog. Der Ablass der Sünden wurde zum Geschäft, gute Taten und Gebete eine Investition in die Zukunft post mortem.

 

Das Geschäft mit der Hölle
Die monetäre Ausbeutung der Höllenangst stieß schließlich eine der größten Umwälzungen der Geschichte an. In der Kirche wurde Kritik am Ablasshandel laut, der Wittenberger Mönch Martin Luther verfasste seine 95 Thesen und setzte damit die Reformation in Gang. Sie spaltete die Kirche und war einer der Hauptgründe für den Dreißigjährigen Krieg, der große Teile Europas verwüstete. Einige Regionen brauchten ein ganzes Jahrhundert, um sich von den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen, von Hungersnöten und Seuchen zu erholen. Es war die Hölle auf Erden. Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen machte aber auch dem Fegefeuer selbst Feinde. Zugleich senkte der inflationäre Einsatz der infernalischen Drohungen deren Effizienz. Und eine brennende Frage tauchte auf: Wie kann ein guter Gott auf ewig strafen? Die farbenfrohen Darstellungen- der Hölle verblassten und auch der Glaube. Heutzutage glauben 47 Prozent der Deutschen an Gott, aber nur noch 13,6 Prozent an die Hölle, ergab die European Values Study 2008. Mit der Säkularisierung sind Himmel und Hölle aber keineswegs gestorben, sie sind bloß im Diesseits angekommen. Das 20. Jahrhundert- übertraf mit seinen Weltkriegen, Völkermorden, der Atombombe, massenhaftem Hunger und Elend die Höllenfantasien der Mönche.

 

Aber nicht erst in weltumfassenden Katastrophen wird die Hölle real, schon im alltäglichen Miteinander, aus dem es kein Entkommen gibt. Wie in Sartres berühmtem Drama „Geschlossene Gesellschaft“: Die reiche Estelle, die Postangestellte Inès und der Journalist Garcin treffen nach ihrem Tod in einem abgeriegelten Raum aufeinander. Sie sind sich sicher, in der Hölle gelandet zu sein und erwarten Folter und körperliche Qualen. Als die ausbleiben, versuchen sie, sich gegenseitig die Gründe für ihre Höllenfahrt zu entlocken, ohne sich selbst zu offenbaren. Allmählich geht ihnen auf, dass sie selbst die Folterknechte sind. Jeder von ihnen hofft auf die Hilfe eines der beiden anderen, verletzt ihn jedoch, sobald er sich ihm nähert. Garcin erkennt das Verhängnis: „Sie erinnern sich: der Schwefel, der Scheiterhaufen, der Rost… Ach, was für Spielereien; es bedarf nicht des Rostes – die Hölle, das sind die anderen.“

Unser Leben können wir uns aber auch ganz gut selbst zur Hölle machen: Das Problem des Bösen ist nun in uns angekommen, die Strafe wartet nicht erst im Jenseits, sondern im profanen Alltag – als Gewissensqual. „Wir bereiten uns selbst die Hölle“, sagt Hartmut Böhme.- „Aber wir tun uns auch die Seligkeit an. Das kosmische Drama ist verinnerlicht.“ Optimisten- können also ruhig an den ganz individuellen Himmelstrip- glauben – im Diesseits.

 

STEFANIE SCHRAMM

 

ARTE PLUS

 

HIMMEL & HÖLLE IN DER LITERATUR:
„Aeneis“, Vergil (19 v. Chr.), Reclam 1986;
„Die Göttliche Kommödie“, Dante Alighieri (1321), Fischer 2008;
„Das verlorene Paradies“, John Milton (1667), Anaconda 2008;
„Faust II“, Johann Wolfgang von Goethe (1832), Reclam 2008;
„Geschlossene Gesellschaft“, Jean-Paul Sartre (1947), rororo 1986

Kategorien: Dezember 2010