FOREVER YOUNG

Simon Fowler/Virgin Classics

Simon Fowler/Virgin Classics

Erst vor elf Jahren begann Philippe Jaroussky ernsthaft mit dem Singen. Heute gehört der 31-jährige Franzose zu den jüngsten und populärsten Countertenören der Welt und verleiht den barocken Arien Vivaldis oder Händels einen engelsgleichen Klang. Im Interview mit dem ARTE Magazin spricht Philippe Jaroussky über das harte Training, jung zu bleiben.

 

 

ARTE: Herr Jaroussky; Ruský heißt russisch. Haben Sie russische Vorfahren?
Philippe Jaroussky: Ja! Mein Nachname Jaroussky bedeutet eigentlich: Ich bin ein Russe.

ARTE: Und, sind Sie das?
Philippe Jaroussky: Mein Großvater war Russe und verließ das Land noch vor der Revolution 1917. Ich selbst spreche kein Wort Russisch, leider. Manchmal aber fühle ich mich ein bisschen russisch. Zudem liegt mir die Musik sehr, Schostakowitsch, die Chöre…

ARTE: Sie sind Countertenor, auch Falsettist genannt. Könnten Sie das Besondere Ihrer Stimme beschreiben?
Philippe Jaroussky: Bei uns schwingen die Ränder der Stimmbänder. Die Stimme kann so in unglaubliche Höhen steigen – und es entsteht der Eindruck, man würde „falso“, falsch singen. Daher das Wort.

ARTE: Sie mogeln also ein bisschen?
Philippe Jaroussky: (lacht) Wenn Sie so wollen. Wir tun etwas, was nicht normal scheint. Als Kastrat müsste ich nicht mogeln. Heute kann man die Höhen auch mit einer bestimmten Technik erreichen. Es ist nicht einfach zu lernen, wie man die Stimme kontrolliert, die Atmung koordiniert. Bestimmte Abläufe müssen sich automatisieren, dann erst klingt eine Stimme frei – und damit frischer, jünger.

ARTE: Erst die Erfahrung macht Ihre Stimme jung?
Philippe Jaroussky: Ja. Das klingt vielleicht komisch, doch jeden Tag hoffe ich, dass die Stimme jünger klingt.

ARTE: Das klingt fast nach dem Peter-Pan-Syndrom.
Philippe Jaroussky: Stimmt. Ein Countertenor definiert sich nicht nur durch seine stimmliche Kapazität, da steckt viel Psychologie dahinter. Viele glauben, man singt so, weil man unbedingt eine Frau sein oder zumindest so singen möchte. Ich glaube, es ist der Wunsch, Kind zu bleiben. Viele meiner Kollegen sind sehr jung im Geiste. Wir wollen die Naivität behalten, unsere Kindheit konservieren.

ARTE: Was halten Sie von der Theorie, Michael Jackson habe Countertenöre erst hoffähig gemacht?
Philippe Jaroussky: Das glaube ich nicht, das ist zu kurzfristig gedacht. Es gab ja auch andere vor ihm in der Popmusik, etwa die Bee Gees, die mit ihrem Falsettgesang erfolgreich waren. Für uns Klassik-Interpreten gibt es andere Gründe. Nach und nach brachen eine Menge Traditionen ein, sowohl in der Modernen als auch in der Alten Musik. Vieles änderte sich in dem Verhältnis von Mann und Frau. Männer dürfen heute ehrlicher sein, dürfen weinen und ihren Gefühlen Ausdruck geben. Ein Countertenor kann hier viel eher einen Ort finden.

ARTE: Warum waren die Kastraten, die im 17. und 18. Jahrhundert wie Popstars gefeiert wurden, denn verschwunden?
Philippe Jaroussky: Ich denke, es hatte mit den Errungenschaften der Französischen Revolution zu tun. Den neuen Grundrechten zufolge hatte jeder Mensch ein Recht auf Gesundheit und auf eigene Entscheidungen. Da konnte man solche schrecklichen Operationen nicht mehr dulden oder durchsetzen, in denen Knaben kastriert wurden, nur um ihre Knabenstimme zu erhalten. Die Neustrukturierung der Gesellschaft änderte auch die Bedürfnisse der Menschen.

ARTE: Aber das Naturgesetz will doch, dass Frauen hoch und Männer tief singen. Ein eventuell nicht fachkundiges Publikum reagiert irritiert, wie etwa beim Anblick eines Mannes in Frauenkleidern.
Philippe Jaroussky: Oh, das ist mir auch schon passiert! Ein junges Mädchen in der ersten Reihe brach in schallendes Gelächter aus, als sie mich singen hörte. Auf viele Frauen wirken wir irgendwie albern. Es ist natürlich eine Sache des Geschmacks. Meine Mutter liebte meine Countertenorstimme sofort.

ARTE: Und Ihr Vater?
Philippe Jaroussky: Mein Vater war überrascht, aber überhaupt nicht ablehnend. Er war eher besorgt, ob ich mit diesem Leben als Künstler zurechtkäme. Beide haben dann akzeptiert, dass ich mein Geigenstudium aufgab und mich ganz der Sängerkarriere widmete.

ARTE: Sie sagen, es sei ein Job für Narzissten.
Philippe Jaroussky: Aber ja! Aus zwei Gründen: Auf der Bühne muss man sich darstellen, sonst nimmt einen keiner wahr. Andererseits will man auch geliebt werden.

ARTE: Wie lässt sich diese Eitelkeit im Zaum halten?
Philippe Jaroussky: Das ist nicht einfach, das Künstlerleben kann sehr artifiziell sein. Alle finden dich wunder-
bar. Und irgendwann glaubst du es selbst. Natürlich versuche ich, so gut wie möglich zu sein. Wichtig ist, die Situation immer unter Kontrolle zu haben, also weniger Effekte, dafür mehr Ausdruck und Wahrhaftigkeit zu finden. Andererseits muss man zeigen, wer man ist. Menschen wollen Musik hören und dies auf eine einzigartige Weise. In den barocken Arien etwa von Caldara, Händel oder Vivaldi kann man so viele Facetten zeigen.

ARTE: Es heißt, Sie könnten sehr gut malen. Wenn Sie sich selbst malen müssten – wäre es eher eine Karikatur?
Philippe Jaroussky: Bestimmt, mit sehr langen Beinen und einem jungenhaften Gesicht.

ARTE: Forever young.
Philippe Jaroussky: Aber ja!

DAS GESPRÄCH FÜHRTE TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

 

DISKOGRAFIE PHILIPPE JAROUSSKY (Auswahl):

„Heroes – Antonio Vivaldi“ (2007, EMI), „Carestini – The Story of a Castrato“ (2008, EMI), „Opium“
(2009, EMI), „Caldara in Vienna – Forgotten Castrato Arias“ (2010, EMI)

 

TONUMFANG DER GESANGSSTIMMEN:

Frauen
Sopran: c‘ bis a“; Mezzosopran: g bis f“;
Alt: g bis e“

Männer
Countertenor: e bis e“ (Kastraten: f“ bis d“‘);
Tenor: c bis a‘;
Bariton: G bis g‘;
Bass: E bis f‘

Kategorien: Dezember 2010