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TOLSTOIS RUSSISCHE SEELE

"Es wird nie wieder einen so großen Dichter geben", klagte Boris Pasternak am Sterbebett von Leo Nikolajewitsch Tolstoi. Als der russische Schriftsteller, Philosoph und Moralist am 7. November 1910 verstarb, hinterließ er Meisterwerke wie "Anna Karenina" und "Krieg und Frieden", aber auch unzählige Schriften und Tagebücher. Es sind diese Dokumente, die der Verehrung des Grafen Tolstoi für das Leben der Bauern Ausdruck verleihen, sowie seinem unbändigen Groll auf die herrschenden Verhältnisse und seinen eigenen Adelsstand.

 

Mit bisher unbekannten Archivbildern beleuchtet der Drehbuchautor und französische Kulturminister Frédéric Mitterrand in seinem Film "Tolstois Befreiung" diese Zerrissenheit des Dichters, unter der vor allem seine Ehefrau Sophia litt, die er nach 48 Ehejahren verließ, um aus seinem privilegierten Leben auszubrechen.

ARTE: Vladimir Nabokov sagte: "Tolstoi ist der größte Schriftsteller Russlands. Wenn man von den Vorläufern absieht, könnte man folgende Rangliste aufstellen: Tolstoi auf Platz Eins, dann Gogol, Tschechow und schließlich Turgenjew." Stimmen Sie zu?

Frédéric Mitterrand: Mir fällt auf, dass Nabokov Dostojewski auslässt. Viele Leute finden heute, Dostojewski hätte einen schlechten Stil. Bei Tolstoi imponiert mir vor allem das geballte Menschentum in "Anna Karenina" sehr. Er besitzt eine schöpferische Kraft wie Victor Hugo in Frankreich und Verdi in Italien. Hugo, Verdi und Tolstoi könnten als Symbole eines nationalen Charakters bezeichnet werden, so wie Goethe und Thomas Mann für Deutschland stehen.

ARTE: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Leo Tolstoi?

Frédéric Mitterrand: Zuerst begegnete ich Tolstoi in Gestalt einer Gräfin Tolstoi, in die mein Vater heimlich verliebt war. Er erzählte mir, sie sei eine Nachfahrin Leo Tolstois. Damals war ich acht. Meine erste wahre Begegnung mit ihm hatte ich aber als 17-Jähriger, als ich "Anna Karenina" las. Das Buch hat mich tief beeindruckt. Danach folgte gleich "Krieg und Frieden". Später wurden auch Filme zu einer Begegnung mit ihm: Clarence Browns wunderbare Verfilmung von "Anna Karenina" mit Greta Garbo aus dem Jahr 1935 und die von 1948 mit Vivian Leigh in der Hauptrolle.

ARTE: Welche Assoziationen ruft die Person Tolstoi in Ihnen hervor?

Frédéric Mitterrand: Freiheit, Kühnheit, Gespaltenheit – seine Persönlichkeit, seine Lebensweise, seine Zerrissenheit. Er war so sehr seinem adeligen Stand verhaftet, dass er eine utopische Vorstellung vom Volk hatte.

ARTE: Lesen Sie Tolstoi heute anders als mit 17?

Frédéric Mitterrand: Heute ärgere ich mich beim Lesen oft über ihn, weil ich finde, dass er mit den Vorwürfen an die Besitzklasse ungerecht war und sich in seinen oft extremen Positionen auch täuschte. Ich bringe ihm nicht mehr dieselbe bedingungslose Bewunderung entgegen. Heute lese ich andere Werke von Tolstoi, seine politischen Schriften, seine bösen Briefe an den Zaren. Ich lese ihn, wie ich einen großen Journalisten unserer Zeit lesen würde, mit dem ich übereinstimme oder auch nicht. Dadurch ist die Beziehung enger geworden.

ARTE: Wie kam Ihnen die Idee, einen Film über Tolstoi zu drehen?

Frédéric Mitterrand: Während ich eine Serie über königliche Familien drehte, stieß ich immer wieder auf kleine Archivfime, die ich nirgendwo zuordnen konnte, bis ich begriff, dass darauf die Familie Tolstoi zu sehen war. Tolstoi war dem neuen Medium Film gegenüber sehr aufgeschlossen, wollte sogar selbst Filme machen.

ARTE: Tolstoi als Regisseur?

Frédéric Mitterrand: Er hat an Drehbücher gedacht, um auch Menschen erreichen zu können, die nicht lesen können oder die eine andere Sprache sprechen. Damals war der Film noch stumm und das Kino eine universale Sprache, die weltweit verständlich war.

ARTE: Wie konnten Sie das Archivmaterial zuordnen?

Frédéric Mitterrand: Es waren enorm viele Filmszenen, Aufnahmen der kompletten Familie, die ich zusammensetzte, indem ich den Tagebüchern Tolstois und seiner Frau Sophia folgte. Bis auf eine Sequenz konnte ich alles in meinem Film unterbringen. Man muss sich jedoch vor Augen führen, dass dies wahrscheinlich nur die Hälfte dessen darstellt, was damals gefilmt worden ist. Der Rest ist entweder verschwunden, zerstört oder lagert irgendwo in den Tiefen russischer Archive, die nicht die besten Verzeichnisse haben.  

ARTE: Der Titel Ihres Films "Tolstois Befreiung" gibt Rätsel auf: Von wem wird er befreit?

Frédéric Mitterrand: Er befreit sich von dem, was ihn fesselt: von seiner Familie, von seiner Ehefrau. Er befreit sich von materiellen Gütern, von seinem Stand. Und in dem Moment, in dem er sich befreit, befreit ihn der Tod  von sich selbst. Es ist also eine doppelte Befreiung.

ARTE: Der französische Schriftsteller Dominique Fernandez bezeichnet das ambivalente Verhältnis zwischen Tolstoi und seiner Frau Sophia als einzigartigen Fall in der Literaturgeschichte. Ist er das?

Frédéric Mitterrand: Ich glaube schon. Ihre Beziehung ist erschreckend komplex. Manchmal kann Tolstoi seine Frau nicht mehr ertragen. Er möchte sie nicht mehr ständig begehren müssen. Ein Paradox. Sie inspiriert ihn, sie stimuliert sein gesamtes Denken durch den Druck, den ihre Anwesenheit auf ihn ausübt. Gleichzeitig fühlt er sich schuldig, wirft sich seine negativen Gefühle ihr gegenüber vor. Doch das ist nicht immer so, es gibt auch Augenblicke tiefsten Einverständnisses zwischen ihnen. Am Ende überwiegt Tolstois Wunsch fortzugehen. Dennoch sind die beiden eng miteinander verbunden. Der Widerwille muss als Bestandteil ihrer gegenseitigen Liebe betrachtet werden.

ARTE: Sie sagten eingangs, dass Sie die Briefe Tolstois gelesen haben, die in der Taschenbuch-Ausgabe immerhin drei dicke Bände umfassen …

Frédéric Mitterrand: Es handelt sich ja nicht nur um die Briefwechsel, es gibt auch das Tagebuch seiner Frau und das seiner Tochter. In dieser Familie schrieben alle Tagebuch, selbst der Hausarzt. Neben seinem offiziellen Tagebuch führte Tolstoi noch ein geheimes und, da Sophia es eines Tages entdeckte, ein weiteres, noch geheimeres Tagebuch, das er noch besser versteckte.

ARTE: Tolstoi wusste, dass sie seine Tagebücher las? 

Frédéric Mitterrand: Ja, er hörte, wie Sophia nachts in den Schubladen seines Sekretärs stöberte. Er wusste, dass sie las, was er über sie schrieb, so wie sie wusste, dass er in ihrem Tagebuch las, was sie über ihn schrieb.

ARTE: Einer von Tolstois frauenfeindlichsten Texten, "Die Kreutzersonate", wurde von der Zensur verboten. Es war Sophia, die den Zaren Alexander III. dazu brachte, die Zensur aufzuheben, obwohl sie sich als Frau und Gattin durch diesen Text so gedemütigt fühlte.

Frédéric Mitterrand: Das war zu einer Zeit, als sich die beiden noch sehr gut verstanden. Nächtelang schrieb Sophia tausende von Seiten ins Reine, eine wahnsinnige Arbeit. Sophia opferte sich auf bis zur Selbstaufgabe.

ARTE: Tolstoi hatte eine außergewöhnliche Ausstrahlung. In Ihrem Film nennen Sie ihn "den anderen Zaren", eine der beiden großen Autoritäten des Landes. Gibt es eine vergleichbare moralische Autorität?

Frédéric Mitterrand: Gandhi in Indien. Tolstoi korrespondierte mit ihm. Er sympathisierte mit Gandhis Kampf gegen die Unterdrückung der Inder in Südafrika.

ARTE: Verkörpert Tolstoi die "russische Seele"?

Frédéric Mitterrand: Was ist eigentlich die russische Seele? Ich glaube, wir werden alle von der Geografie und dem Klima geprägt, die Weite des Landes, der  Schnee, die Bauern in Tolstois Umgebung … Die Geografie beeinflusst die soziale Struktur, die Beschaffenheit der Gesellschaft, sie hat zwangsläufig Einfluss auf den Charakter der Menschen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE WALDEMAR KAMER

ARTE INTERVIEW

FREDERIC MITTERAND

Jahrgang 1947; Geschichts- und Geografiestudium in Paris;

Drehbuchautor, Regisseur, Produzent;

Autor diverser Bücher;

2009 von Präsident Nicolas Sarkozy zum französischen Kulturminister berufen;

Neffe François Mitterrands

ARTE PLUS

BUCH-TIPPS:
"Ein Leben an der Seite Tolstojs", Sofja Andrejewna Tolstaja (Insel, 2009);

"Tolstojs letztes Jahr", Jay Parini (C.H. Beck, 2008);

"Tolstois Flucht und Tod", René Miller-Fülöp u.a. (Hrsg.) (Diogenes, 2007);

DVD-TIPP:
"Ein russischer Sommer", (2009), mit Schristopher Plummer als Tolstoi und Helen Mirren als seine Frau

AUSSTELLUNGS-TIPPS:
"Tolstoj 1828-1920", Museum Strauhof, Zürich, noch bis 28.11.2010

"Ein Licht mir aufgegangen" – Lev Tolstoj und Deutschland, Literaturhaus München, noch bis 30.1.2011

Kategorien: November 2010