SPIELSÜCHTIG

An einem Spätsommernachmittag betritt sie das schicke Restaurant in Berlin Mitte, unscheinbar und doch bestimmt. "Anna" stellt sie sich höflich vor, mit ihrer natürlichen und ruhigen Ausstrahlung. Dass sich die 25-jährige Schauspielerin Anna Maria Mühe gerade nicht am Set befindet, ist selten geworden. Vor einer Woche sind die Dreharbeiten zum Film "Die Unsichtbare" zu Ende gegangen, dem zweiten Spielfilmdrama des Jungregisseurs Christian Schwochow, in dem Anna Maria Mühe eine Nebenrolle spielt. Wie es gewesen sei? "Großartig", sagt sie mit einem schwärmenden Lächeln und ihre großen blauen Augen leuchten. "Wieder von Christian angefragt zu werden, empfinde ich als eine große Ehre. Und es war spannend, diesmal in einer klassischen Nebenrolle zu spielen."

Vor zwei Jahren hatte Anna Maria Mühe in Schwochows Spielfilmdebüt "Novemberkind" die anspruchsvolle Doppelrolle der Mutter Anne und Tochter Inga in einem tragischen Beziehungsdrama verkörpert. Für ihre überzeugende Umsetzung in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" wurde sie 2009 für den Deutschen Filmpreis nominiert. Dem Publikum gilt "Novemberkind" als Anna Maria Mühes Durchbruch, obwohl sie selbst durchaus andere Filme anführt. Etwa "Was nützt die Liebe in Gedanken" (2004), in dem sie an der Seite von Daniel Brühl und August Diehl die verführerische, aber auch unnahbare Hilde spielt. Dennoch: ",Novemberkind‘ ist ein bedeutender Film für mich, weil seine Figuren in einer solchen Intensität geschrieben wurden und sich selbst so treu bleiben, dass man sie beim Spielen wirklich erleben kann", erklärt Anna Maria in ihrer offenen und reflektierten Art. "Das macht diesen Film zu etwas ganz Besonderem für mich. Er war eine Chance, die man nicht oft im Leben bekommt."

Auf den Leib geschrieben

Anna Maria Mühe bekam solch eine Chance gleich zwei Mal: Der Regisseur, Autor und Produzent Hans W. Geißendörfer hat ein Drehbuch und eine Rolle für sie persönlich geschrieben. "In der Welt habt ihr Angst" heißt der Film, der Ende 2009 gedreht wurde und am 3. März 2011 in die deutschen Kinos kommt. Mühe spielt darin die Musikstudentin Eva, die sich so unsterblich in den Musiker Jo (Max von Thun) verliebt, dass sie ihm in seine Heroinsucht folgt, um sich dann gemeinsam mit ihm wieder aus der Abhängigkeit herauszukämpfen. "Anna Maria Mühe hat die Gabe, unglaublich frei zu sein und sich dadurch völlig mit ihrer Rolle zu identifizieren. Sie spielt Gefühle so eindringlich, dass sie direkt auf den Zuschauer übertragen werden", schwärmt Geißendörfer. Er hatte 2004 das Filmdrama "Schneeland" mit Anna Marias Vater, dem namhaften Schauspieler Ulrich Mühe, in seiner Besetzung realisiert. Während gemeinsamer Abende in einsamen Bars in Schweden und Lappland kam ihm die Idee, einen Film mit Vater und Tochter Mühe in den Hauptrollen zu schreiben. Doch Ulrich Mühe verstarb 2007, kurz nach der Oscar-Verleihung für "Das Leben der Anderen", in dem er als Stasiagent Wiesler seine bekannteste Rolle gespielt hatte. Hans W. Geißendörfer hielt an der Idee fest: Er schrieb nun "In der Welt habt ihr Angst" für Anna Maria Mühe. Dabei ist die Figur der Eva ein starker und vielschichtiger Charakter, der eine große Liebes-fähigkeit besitzt.

Es gibt nichts anderes

Ganz egal, ob es sich um eine Hauptrolle in einem Kinofilm oder eine Nebenrolle in einer Fernsehserie handelt, Anna Maria Mühe steckt die gleiche Energie in ihre Vorbereitungen. Wichtig, erzählt sie, sei das Hintergrundwissen, das man über die Figur habe. In den Vorbereitungen arbeitet sie mit ihrer privaten Trainerin zusammen. "Wenn zwei auf die Figur blicken, dann ist das einfach spannender. Es entsteht ein anderer Blickwinkel auf die Rolle, den ich alleine so nicht haben kann. Schon alleine weil ich nicht die gleiche Lebenserfahrung habe", erklärt die Berliner Schauspielerin. In dieser Hinsicht ist sie sehr bescheiden. Auch heute, nach zehn Jahren vor der Kamera und über 20 Filmen, kommt ihr die Berufsbezeichnung Schauspielerin noch immer schwer über die Lippen. Das liegt zum einen daran, dass sie weder eine Schauspielschule besucht hat, noch jemals auf der Theaterbühne stand – aber auch daran, dass der Schauspielerberuf etwas so Großes für sie bedeutet. Als Tochter der beiden verstorbenen Schauspieler Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe hat sie sich zum Ziel gesetzt, mindestens so gut wie ihre Eltern zu sein – "was im Falle meines Vaters natürlich schwierig ist". Was sie so sehr am Schauspielen liebt? "Es sind die Momente, die man so im eigenen Leben nicht erleben würde." Der Beruf habe aber auch etwas sehr Abgründiges an sich, weil man so schnell süchtig werde nach dem Anderen, das die Figuren erleben. Anna Maria Mühe kann es nachvollziehen, wenn Schauspieler sich in ihrem Beruf verlieren. Sie selbst findet es leichter, Rollen zu spielen, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben. Ihr Privates möchte sie lieber für sich behalten, was in den vergangenen Jahren nicht immer möglich war. "Ich weiß, was es heißt, einen bekannten Namen zu tragen." Lange habe es sie unter Druck gesetzt. Heute sei ihr aber klar: "Wenn ich für eine Rolle angefragt werde, dann geht es allein um mich."

Trotz ihres Erfolges bleibt Anna Maria Mühe realistisch. "Es kann auch schnell wieder vorbei sein – vielleicht haben die Leute mein Gesicht schon morgen satt." Im Moment sieht es allerdings nicht danach aus. Was sie geworden wäre, wenn nicht Schauspielerin? "Es gibt keine Alternative!"

MURIEL SCHINDLER

Kategorien: November 2010