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KUTSCHFAHRT INS UNGEWISSE

François Truffaut hat gesagt: "Filme machen ist wie eine Kutschfahrt im Wilden Westen, man weiß nie, ob man ankommt." Noch abenteuerlicher wird es, wenn ganz unterschiedliche Pferde die Kutsche ziehen. Etwa ein israelisches, ein deutsches und ein französisches. Aber manchmal kommt man mit dieser Konstellation auch an den erstaunlichsten Orten an. So etwa bei dem Film "Waltz with Bashir", einer israelisch-französisch-deutschen Koproduktion, die im letzten Jahr für den Auslands-Oscar nominiert war und die das ARTE FilmFestival am 23. November zeigt. In einem animierten Dokumentarfilm erzählt Regisseur Ari Folman seine eigene Geschichte als israelischer Soldat 1982 im ersten Libanonkrieg. Ein Film, der am Ende zwar mit Preisen überhäuft wurde, den am Anfang aber niemand unterstützen wollte. "Ich habe eine Hypothek auf mein Haus aufgenommen, um ihn finanzieren zu können", erzählt Ari Folman. "Anfangs habe ich mein Projekt als Dokumentation vorgestellt, was nicht wirklich klug war, denn Dokumentarfilme kosten vielleicht ein Zehntel von Spielfilmen. Ich aber brauchte Zeichner, Software, ein Studio. So haben wir drei Probeminuten animiert und beim Dokumentarfilmfestival in Toronto vorgestellt. Dort waren ungefähr 40 potenzielle Geldgeber. 39 lobten die Geschichte – und fragten: Warum zeigt ihr nicht die Beteiligten in Fleisch und Blut? Nur der Vertreter von ARTE sagte nichts. Nach der Vorführung nahm er mich zur Seite und meinte: ,Wir machen mit.‘ Mit dem ARTE-Stempel wurde alles leichter."

Was zählt, ist die Vision des Regisseurs
Tatsächlich ist ARTE seit seiner Geburtsstunde ein starker Partner für das Autorenkino. Regisseure wie Lars von Trier, Andreas Dresen ("Wolke 9" am 25.11.) oder Claire Denis sind mit dem Sender gewachsen. Heute koproduziert ARTE jedes Jahr 40 bis 45 Kinofilme mit dem ausdrücklichen Ziel, junge Filmschaffende zu unterstützen und das Werk herausragender Filmemacher in Europa und international zu fördern. Von Tom Tykwers "Lola rennt" (1998) über Fatih Akins "Gegen die Wand" (2004) bis hin zu dem israelischen "Lemon Tree" (2008) oder dem diesjährigen Berlinale-Gewinner "Bal" des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu gestaltet ARTE so die internationale Filmlandschaft maßgeblich mit.

Bei den Auswahlkriterien für diese Projekte spielen kommerzielle Aspekte nicht die Hauptrolle. Niemand kann im Voraus mit Sicherheit sagen, ob ein Film ein Kassenerfolg wird oder nicht. Deshalb sind die Kriterien bei den Koproduktionen vorwiegend künstlerischer Natur. Wichtig sind die Geschichte und die Vision eines Regisseurs. Wie die von Ari Folman, an die sich ARTE-Redakteur Pierre Merle gut erinnert: "Obwohl ich nur wenige Minuten des Films gesehen hatte, war ich von der Idee, einen animierten Dokumentarfilm zu machen, sofort überzeugt." Also sagte Merle zu, obwohl er wusste, dass es schwierig würde, Partner und Verleiher zu finden. Mittlerweile unterstützt ARTE bereits den nächsten Film Ari Folmans, "Atomic Family", der gerade produziert wird.

Wie wichtig das Vertrauen in gute Projekte und die damit verbundene Risikobereitschaft der Investoren ist, erzählt auch der gefeierte Regisseur Michael Haneke. Sein preisgekrönter Film "Die Klavierspielerin" (2000), den ARTE mitproduzierte, wurde in über 80 Länder verkauft. "Ich hatte die Möglichkeit, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren meine persönliche Filmsprache zu entwickeln, mit Filmen, die nicht an primär kommerziellen Überlegungen orientiert waren. Ich hatte die Möglichkeit, mit der Entwicklung dieser Filmsprache Schritt für Schritt an außerösterreichischem Renommee zu gewinnen, was schließlich ,Die Klavierspielerin‘ erst möglich machte." Andreas Schreitmüller, Leiter der Redaktionen Spielfilm und Fernsehfilm bei ARTE, bekräftigt: "Junge Filmemacher zu fördern, ist essenziell. Wenn nur noch Regiealtmeister die Kinolandschaft bestimmen, wird das Filmemachen  vorhersehbar. Deshalb ist uns auch die geografische Breite der Filmprojekte wichtig, das Engagement bei internationalen Koproduktionen".

Eine Frage des Humors
Vertrauen ist sicherlich eine der wichtigsten Voraussetzungen, wenn unterschiedliche Partner sich daran machen, gemeinsam einen Film zu produzieren. Redaktionsleiter Schreitmüller weiß: "Internationale Koproduktionen sind ein unendlich mühsames Geschäft. Man braucht Disziplin, viel Geduld und Einfühlungsvermögen." Gerade bei den oft umfangreichen Vertragsverhandlungen um Lizenzen, Nutzungs- und Verwertungsrechte, Sprachfassungen und Kinosperrfristen ist ein langer Atem von Nöten und das Vertrauen, dass sich im konkreten Fall schon eine Lösung finden wird. Zudem erleichtern die komplizierten Filmförderungssysteme in Frankreich und Deutschland internationale Koproduktionen nicht gerade. "Wir Deutschen sind es gewohnt, uns in dem föderalen System zwischen Berlin, Baden-Württemberg und Bayern zurechtzufinden. Andere haben da weniger Übung", so Schreitmüller.

Sein französischer Kollege Michel Reilhac, Leiter der Spielfilmredaktion bei ARTE France, sieht die Schwierigkeit bei Koproduktionen eher im unterschiedlichen kulturellen Hintergrund. "Vor allem der Humor ist recht unterschiedlich. Die Franzosen beispielsweise mögen das Unausgesprochene und Unterschwellige, die Deutschen eher das Klare, Eindeutige." Oft falle es schwer, sich zur selben Zeit für dieselben Filme zu begeistern. Für Mathieu Almarics Film "Tournée", eine Komödie über die Damentruppe einer amerikanischen Burlesk-Show, musste viel Überzeugungsarbeit bei deutschen Partnern geleistet werden. Die Franzosen hingegen waren sofort überzeugt: Das Thema Varieté ist beliebt und Almaric in Frankreich als Schauspieler sehr bekannt. Im Gegensatz zu den 1960er und 1970er Jahren gibt es heute kaum noch Stars, die über Ländergrenzen hinaus Strahlkraft besitzen, eine weitere Schwierigkeit bei Koproduktionen. Am ehesten tun das noch einige wenige wie Gérard Depardieu oder Catherine Deneuve. Für Andreas Schreitmüller wäre ein europäisches Starsystem ein wichtiger Schlüssel: "Mehr Koproduktionen würden Schauspieler auch in anderen Ländern bekannt machen und bekanntere Schauspieler würden wieder mehr Koproduktionen tragen."  

Angesichts zahlreicher Kooperationsabkommen von ARTE, unter anderem mit Ungarn, Polen, Belgien oder Griechenland, und dem allgemeinen Anstieg internationaler Koproduktionen bleibt zu fragen, ob ein belgi-scher Regisseur mit einer griechischen Drehbuchautorin und einem schweizerischen Produzenten nicht irgendwann zu Europudding führen. Andreas Schreitmüller wehrt ab: "Wichtig für den Erfolg eines international koproduzierten Films ist, dass er eine Kultur detailgetreu, kenntnisreich und authentisch widerspiegelt. Filme, die im Ausland besonders erfolgreich waren – seien sie von Roberto Benigni, Aki Kaurismäki oder Pedro Almodóvar – zeichnen sich dadurch aus, dass sie ganz spezifisch für ihr Land sind. Sie sind eigen im Humor, im Rhythmus und ihrer Ästhetik." So wie die norwegisch-deutsch-französische Koproduktion "O’Horten" (am 22.11.). Der Film über den braven Zugführer, der sich an seinem letzten Arbeitstag in den absurdesten Situationen wiederfindet, besticht mit seinem Humor und dem schrulligen Menschenschlag – ein typisch skandinavischer Film.

Auch in Deutschland finden sich gelungene Beispiele: Das Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" (am 18.11.) von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck erzählt eine Geschichte, die so nur in Deutschland passieren konnte. Dennoch wurde der Film in unzähligen Ländern vertrieben, fand international sogar doppelt so viel Publikum wie in Deutschland. Der Oscar als bester ausländischer Film war dann noch das i-Tüpfelchen. Dahin kann eine Kutschfahrt also führen.

SIMONE SCHELLHAMMBER

ARTE PLUS

KOPRODUKTION IN ZAHLEN:

In den 20 Jahren seit seiner Gründung hat ARTE an die 570 Filme von etwa 400 Regisseuren aus über 50 Nationen koproduziert. Der Sender hat dabei mit etwa 200 Produzenten zusammengearbeitet. Für Koproduktionen wendet ARTE 15 Prozent seines jährlichen Budgets auf.

ARTE CHATS:

An jedem Festivaltag wird bei arte.tv ein Regisseur mit dem Publikum chatten. Mehr unter: www.arte.tv/filmfestival

Kategorien: November 2010