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IM REICH GÖTTLICHER DIPLOMATIE

Der Staat der Vatikanstadt ist seit den Lateranverträgen von 1929 der kleinste unabhängige Staat der Welt – doch seine Macht geht weit über die Staatsgrenzen hinaus. Das Ausmaß der diplomatischen Strategien des Vatikans liegt noch im Verborgenen. Erst nach Ablauf einer Frist von 70 Jahren sind die Vatikanarchive zugänglich – bisher sind das  nur die Akten bis 1939, dem Ende des Pontifikats von Pius XI. Dem französischen Filmemacher Jean-Michel Meurice ist nicht nur der Zugang zum Geheimarchiv gelungen. Auch katholische Würdenträger sprachen mit ihm über die verborgenen Seiten der Vatikandiplomatie im 20. Jahrhundert.

ARTE: In Nordkorea kann man nur in ständiger Begleitung filmen. Wer in Guantánamo dreht, muss sein Filmmaterial überprüfen lassen, bevor es gesendet werden darf. Wie muss man sich das im Vatikan vorstellen?

 

Jean-Michel Meurice: Im Vatikan zu drehen, ist schwieriger, als etwas über den KGB oder die Mafia zu machen. Der Vatikan ist auch heute noch ein mittelalterliches, abgeschottetes und für die Außenwelt wenig empfängliches System. Um die Drehgenehmigung zu bekommen, habe ich den Präfekten getroffen, der für die weltlichen Belange des Vatikanstaates zuständig ist. Er war mit dem Projekt einverstanden. Kurze Zeit später wurde er seines Amtes enthoben, und alle Türen verschlossen sich wieder. Schließlich hatte ich es dann mit einer Art Generalintendant der Kurie zu tun, der das Filmskript sorgfältig durchlas, Zeile für Zeile, Seite für Seite. Letztlich durfte ich dann nur an wenigen Orten tatsächlich Aufnahmen machen. Der Rest stammt aus Archivmaterial.

 

ARTE: Wie schafft man es, in die Geheimnisse des Vatikans einzudringen?

 

Jean-Michel Meurice:Der Vatikan ist eine Welt, die auf Geheimnissen beruht. Er ist ein pyramidenförmiges Gebäude der Macht – nicht der totalitären, sondern der absoluten Macht. Nur der Papst an der Spitze ist bestens unterrichtet von seinen Apostolischen Nuntien, den Botschaftern des Vatikans, und den Landesbischöfen. Er als einziger hat den Gesamtüberblick. Nach der
Polemik um Pius XII. und seine Haltung gegenüber dem Holocaust, aufgeworfen durch Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter"* von 1963, beauftragte Papst Paul VI. vier Jesuiten mit der Durchsicht einiger Archive, die bis heute der Öffentlichkeit verschlossen sind. Ich hatte die Gelegenheit, den letzten dieser vier Jesuiten, den deutschen Pater Peter Gumpel, noch kurz vor seinem Tod für meinen Dokumentarfilm zu interviewen. Später ließen Johannes Paul II. und Benedikt XVI. weitere Archive öffnen. Doch der Vatikan und sein Einfluss auf die Politik im 20. Jahrhundert, das ist nach wie vor ein schwierig zu behandelndes Thema.

 

ARTE: Ihr Film heißt "Die wahre Macht des Vatikan". Das erinnert an Stalin und seine berühmte Frage: "Wie viele Divisionen hat der Papst?" 

 

Jean-Michel Meurice:Es geht dabei nicht um die militärische Macht eines Staates, sondern um Einfluss. Um die Vermittlung von Vorstellungen und Werten besonders an gläubige Christen, die als Wähler wichtig sind. Aber auch an die Mächtigen. Nehmen Sie Alcide De Gasperi als Beispiel. Das italienische Staatsoberhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg war von Pius XII. vor den Nazis gerettet worden. Nach 1945 ging er mindestens einmal in der Woche in den Vatikan. Das könnte erklären, warum Italien in den Fragen der Liberalisierung des Scheidungsrechts oder der Abtreibung so rückständig war.

 

ARTE: Oft wird kritisiert, die vom Papst propagierten Werte stünden in Diskrepanz zum Entwicklungsstand der modernen Welt. Ist die Politik des Vatikans an die Realität angelehnt oder für die Ewigkeit gemacht?

 

Jean-Michel Meurice: Sicherlich nicht für die Ewigkeit. Der Vatikan hat nie die Macht als solche in Frage gestellt. Es steht ihm nach eigenem Selbstverständnis nicht zu, über Regierungen zu urteilen, die die Menschen selbst gewählt haben. Er diskutiert mit Regierungsvertretern, um den Frieden voranzubringen. Er ist aber nicht revolutionär, weshalb er auch die südamerikanische Befreiungstheologie ablehnt. Auch mit illegalen Machthabern lässt man Vorsicht walten, um die eigenen Schäfchen zu schützen. Man arrangiert sich im Vatikan – mit Spanien unter Franco ebenso wie mit Chile unter Pinochet. Das frappierendste Beispiel bleibt Hitler: Nachdem er gewählt worden war, konnte der Papst ihn nicht mehr an den Pranger stellen. Hitler war der legitimierte Satan. Pius XII. fürchtete, eine scharfe Haltung gegenüber Hitler könne verheerende Folgen für die deutschen Katholiken haben, ähnlich wie schon beim heftig geführten Kulturkampf unter Bismarck.

 

ARTE: Wie lassen sich die Machtverhältnisse im Vatikan selbst beschreiben?

 

Jean-Michel Meurice: Natürlich gibt es auch interne Machtkämpfe: Pius XII. stellte einen seiner Staatssekretäre ins Abseits, weil dieser die Zusammenarbeit zwischen Christdemokraten und Sozialisten in Europa befürwortete. Er ernannte ihn zum Erzbischof von Mailand und hat ihn somit aus Rom weggelobt. Trotzdem wurde er später zum Pontifex Paul VI. gewählt. Es gibt aber auch Langzeitstrategien. Ein Mitglied derselben Kommission wie Johannes Paul II. beim Zweiten Vatikanischen Konzil 1967 erzählte mir, wie energisch dieser junge Pole auftrat und in den Sitzungen ständig irgendwelche Zettel kursieren ließ. So gelang es ihm, die mächtigen österreichischen und deutschen Kardinäle für sich einzunehmen und später zu ihrem Kandidaten zu werden.

 

ARTE: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Globalisierung. Wie ist der Vatikan damit umgegangen?

 

Jean-Michel Meurice:Mit Johannes Paul II. kam 1978 ein Papst, der mit der Vatikan-Bürokratie haderte. Er wollte den Menschen begegnen und wurde zum "Reise-Papst". Dahinter standen pastorale ebenso wie politische Erwägungen: Er suchte bei seinen Getreuen in den Landeskirchen Unterstützung gegen den römischen Machtapparat. Während seines Pontifikats verdoppelte sich die Zahl der Auslandsvertretungen des Heiligen Stuhls auf 180. Doch Papst zu sein ist ein schrecklicher Job. Man muss immer heilig und würdevoll auftreten. Keiner sagt einem mehr die Wahrheit. An dem Tag, als Karol Józef Wojtyła, ein sportlicher, charismatischer Mensch, Papst wurde, wusste er, dass er von der Welt der Lebenden in eine Welt der Schatten, der Trugbilder, des falschen Scheins hinüberwechseln würde. Das einzige, was bleibt, ist Gott.

 

DAS GESPRÄCH FÜHRTE PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS

ARTE INTERVIEW

JEAN-MICHEL MEURICE,

geboren 1938 in Lille, Studium an der École des Beaux-Arts von Tournai;

Maler, Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Dokumentarfilme, u.a.: "Crédit Lyonnais – Ein moderner Bankenkrimi" (1998), "Das System Elf-Öl, Macht und Geld" (1999), "Amerika made in Hollywood" (2006)

ARTE PLUS

PÄPSTE SEIT 1922:

Pius XI. (1922-1939);

Pius XII. (1939-1958): Seligsprechungsverfahren 1965 eröffnet;

Johannes XXIII.(1958-1963): Beginn 2. Vatikanisches Konzil 1962,

Seligsprechung 2000;

Paul VI. (1963-1978): Ende 2. Vatikanisches Konzil 1965, Seligsprechungsverfahren 1993 eröffnet;

Johannes Paul I. (1978);

Johannes Paul II.(1978-2005): drittlängstes Pontifikat der Geschichte, erster nicht-italienischer Papst seit 1523;

Benedikt XVI. (seit 2005)

Kategorien: November 2010