DIE GALERIE UNSERER AHNEN

Die Suche nach den Ursprüngen unserer Sippe ist nichts für Harmoniebedürftige: unklare Verwandtschaftsver-hältnisse, Skandale, Fehden zwischen Forschern und neue Familienmitglieder, die aus dem Nichts auftauchen – ganz wie beim Treffen einer lebhaften Großfamilie.

Doch keine Ahnentafel und kein Familienalbum hielt die Entstehung des Menschen fest. Die Wissenschaftler sind auf versteinerte Knochen angewiesen; im besten Fall finden sie einen Schädel, oft nur Splitter. Lediglich ein Kadaver unter einer Million wird zum Fossil; nur wenige der Überreste werden entdeckt und viele lassen sich nicht zweifelsfrei einordnen. Kein Wunder, dass unsere Familiengeschichte lückenhaft und umstritten ist.

Umso erstaunlicher ist, wie viel die Paläoanthropologen dennoch rekonstruieren konnten. Dabei haben sie immer wieder ihre eigenen Theorien – und mit Vorliebe die ihrer Konkurrenten – über den Haufen geworfen. So fanden sie erst im Jahr 2000 heraus, dass der aufrechte Gang Millionen Jahre früher entstanden ist als gedacht, vor mindestens sechs bis sieben Millionen Jahren. Eine Ursache war der Klimawandel in Afrika: Es wurde trockener, der Regenwald ging zurück und unsere Vorfahren mussten weitere Wege zu Fuß bewältigen. Damit sich der Gang auf zwei Beinen durchsetzen konnte, muss er aber weitere Vorteile gehabt haben – "besserer Überblick" argumentieren die einen Forscher, "neue Einsatzmöglichkeiten für die Hände" die anderen, "weniger Angriffsfläche für die heiße Savannensonne" die dritten. Inzwischen meinen viele, dass zumindest Vorformen des aufrechten Gangs sich schon beim Leben auf den Bäumen entwickelt haben.

Wer stammt jetzt von wem ab?

Womöglich spielten alle diese Faktoren gemeinsam eine Rolle, oder einzelne- an verschiedenen Orten. Denn die Zweibeinigkeit könnte gleich mehrfach entstanden sein, bei verschiedenen Arten von Vormenschen. Auch das mussten- die Wissenschaftler nach und nach einsehen: Es gibt keine gerade Linie vom letzten gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen vor mehr als sechs Millionen Jahren zum Homo sapiens von heute. Stattdessen- entwickelten sich viele verschiedene Vor- und Frühmenschen,- die teilweise gleichzeitig lebten. Die klassische- Vorstellung eines Stammbaums des Menschen ist deshalb irreführend, eher handelt es sich um ein Stammgebüsch.

Und die Entwicklung machte auch Pausen. Der aufrechte Gang gab unseren Vorfahren die Möglichkeit, ein größeres Gehirn zu entwickeln – doch sie taten es zunächst nicht, vier Millionen Jahre lang. Erst vor etwa zwei Millionen Jahren begann das Hirn zu wachsen und ließ den ersten Vertreter der Gattung Homo entstehen, den ersten Frühmenschen: Homo rudolfensis. Ursache war auch diesmal das Klima Afrikas, vermuten die Paläoanthropologen. Lange war es trocken gewesen, nun begann das Klima zu schwanken. Mal entstanden Seen und Wälder, dann wieder verkümmerte die Landschaft zur Savanne. Wer sich schnell anpassen konnte, war im Vorteil – und das waren offenbar diejenigen mit den größeren Gehirnen.

Unsere Vorfahren begannen Werkzeuge zu fertigen, ihre Jagdtechnik zu verfeinern, das Feuer zu zähmen, Nahrung zu kochen. Und sie entwickelten sich mehr und mehr zu sozialen Wesen, die schließlich ein völlig neues und revolutionäres Werkzeug schufen: die Sprache. Als dann der moderne Mensch, der Homo sapiens, vor etwa 60.000 Jahren aus Afrika auswanderte, eroberte er die
Welt. Alle Frühmenschen, die schon vor ihm die Wiege der Menschheit verlassen und sich in anderen Erdteilen weiterentwickelt hatten, starben aus. Heute ist Homo sapiens der einzige Überlebende seiner Gattung.

Doch seine Geschichte wird ständig neu geschrieben. Allein in den vergangenen Monaten tauchten drei neue Verwandte aus der Vergangenheit auf: "Ardi", Hominin X und Australopithecus sediba (siehe nächste Seite). Und weil Fossilien selten sind und Fossilienforscher oft eitel, werden sie weiter über unsere Ursprünge streiten und es wird Fehden und Skandale geben. Wie in jeder Großfamilie.

Das Familienalbum der Menschheit 

Vom afrikanischen Kontinent stammen die Vor- und Frühmenschen, aus denen wir uns entwickelten – Schnappschüsse aus 4,4 Millionen Jahren.

 

Ardipithecus ramidus

vor 4,4 Mio. Jahren

Sie gilt als die älteste unserer bekannten Vorfahren: Die liebevoll "Ardi" genannte Dame aus Äthiopien. Erst vor einem Jahr stellten Forscher das außergewöhnlich vollständige weibliche Skelett vor. Die Spezies war wohl ein Vorläufer der beiden Gattungen Australopithecus (Vormenschen) und Homo (Frühmenschen). Der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Affe ist sie aber nicht. Der lebte schon vor 6 Millionen Jahren – und wurde noch nicht gefunden

 

Australopithecus sediba

vor 2 Mio. Jahren

Der neueste Zuwachs der Menschenfamilie erblickte im April 2010 das Licht der Welt – im Fachmagazin Science. Dort beschrieben die Wissenschaftler die Fossilien, die sie in der südafrikanischen Malapa-Höhle entdeckt hatten: eine Frau und einen Jungen. Sie fanden Merkmale sowohl von Vor- als auch von Frühmenschen. Damit könnte die Art ein lange gesuchtes Bindeglied sein.

 

Homo rudolfensis

vor 2,5 bis 1,8 Mio. Jahren

Er war der erste Mensch. Gefunden wurde er am Rudolfsee (heute Turkanasee) in Kenia. Sein Spitzname: "Turkana Boy". Sein Gehirn war deutlich größer als das der Mitglieder der Gattung Australopithecus. Höchstwahrscheinlich hat er schon Steinwerkzeuge gefertigt, mit denen er Tiere zerlegen konnte. So kam endlich auch mal etwas anderes auf den Tisch als vegetarische Kost – ein Vorteil in der Evolution. 

 

Homo erectus

vor 1,8 Mio. bis vor 40.000 Jahren

Er war der erste, der die Wiege der Menschheit verließ. Von Afrika aus wanderte der "aufgerichtete" Mensch bis ins heutige China und auf die Insel Java. In Europa entwickelte er sich zum Homo heidelbergensis, der schon Wurfspeere aus Holz fabrizierte und damit auf Großwildjagd ging. Im Laufe seiner langen Existenz wuchs sein Hirn deutlich.

 

Homo floresiensis

vor etwa 100.000 bis vor 12.000 Jahren

Es war eine Sensation: Im Jahr 2003 entdeckten Forscher auf der indonesischen Insel Flores Knochen eines Hominiden von gerade mal einem Meter Körpergröße. Er hatte ein kleines Gehirn und soll bis vor wenigen tausend Jahren gelebt haben, länger als der Neandertaler. Man verpasste ihm den Spitznamen "Hobbit". Der kleinwüchsige Verwandte hat sich offenbar aus dem Homo erectus entwickelt und ist womöglich noch dem modernen Menschen begegnet. Ein Vulkanausbruch machte ihm den Garaus.

 

Homo neanderthalensis

vor 200.000 bis vor 27.000 Jahren

Er ist unser berühmtester Vetter – der Neandertaler. Bald nachdem Arbeiter ihn 1856 im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt hatten, schockierte er die Welt: Der Mensch nur ein Nachfahr pri-mitiver Vorgänger, undenkbar! Lange wurde er als tumber Rohling abgetan, dabei hatte er ein größeres Hirn als der Homo sapiens. Inzwischen ist er rehabilitiert, manche Forscher trauen ihm gar Sprache und Musik zu. Gerade erst haben Wissenschaftler im menschlichen Erbgut Genmaterial des Neandertalers gefunden – offenbar kam es zu Techtelmechteln in der Steinzeit. Der Neandertaler ist aber nicht unser Vorfahr. Ausgestorben ist er wohl, weil unsere Ahnen ihn verdrängt haben.

 

Hominin X

vor etwa 48.000 bis vor 30.000 Jahren

Eine große Überraschung erlebten Genetiker in diesem Frühjahr. Sie untersuchten das Erbgut aus einem Fingerknöchelchen, das in einer sibirischen Höhle (Foto) gefunden worden war. Es musste von einem modernen Menschen oder einem Neandertaler stammen, da waren sie sich sicher. Doch sie fanden einen unbekannten Dritten! Wer waren diese Wesen, die gleichzeitig mit unseren Vorfahren lebten? Die Forscher stehen noch ganz am Anfang eines großen Rätsels.

 

Homo sapiens

seit 195.000 Jahren

Der "weise" Mensch hat im Verhältnis zur Körpergröße das größte Gehirn in der Tierwelt – sogar im Vergleich mit Walen. Unsere engste Sippe entwickelte sich in Afrika, vor etwa 60.000 Jahren begann sie sich auf der gesamten Erde auszubreiten. Auf seinen Wanderungen traf der moderne Mensch ältere Verwandte: wahrscheinlich den Neandertaler, den Hobbit, wohl auch Homo erectus und vielleicht Hominin X. Heute ist er der einzige Überlebende der große-n und traditionsreichen Menschheitsfamilie.

TEXT: STEFANIE SCHRAMM

ARTE PLUS

BUCH-TIPPS:

"Evolution und Kultur des Menschen", Ernst Peter Fischer/Klaus Wiegandt (Hrsg.) (Fischer, 2010);

"Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution", G.J. Sawyer/Viktor Deak u.a. (Spektrum, 2008);

"Woher kommen wir? Die Ursprünge des Menschen", Carl Zimmer (Spektrum, 2006);

"Lucy und ihre Kinder", Donald C. Johanson/Blake Edgar/David Brill (Spektrum, 2006)

Kategorien: November 2010