Durchgeknallt

Auf Krisen reagiert jede Nation anders. Während die Deutschen nörgeln und sich lautstark selbst bedauern, praktizieren die Amerikaner einen Zweckoptimismus, der sich in einer patriotischen Jetzt-erst-recht-Einstellung äußert. Noch bevor die Finanzkrise zuschlug, startete im Januar 2008 in den USA eine TV-Serie, die dem amerikanischen Glücksversprechen eine ungewohnt dunkle Seite abringt. Im Mittelpunkt von "Breaking Bad", was soviel wie "auf die schiefe Bahn geraten" heißt, steht Walter White. Ein Mann ohne Eigenschaften, ganz wie sein Name. Allerweltsnamen haben eine lange Tradition in der US-amerikanischen Filmgeschichte. Aber bisher entsprangen die traurigen Helden, die sie trugen, alle dem Kino. Einen wie Walter White hat das Fernsehen bisher noch nicht gesehen, und das macht "Breaking Bad" als TV-Format so besonders.

Walter ist Chemielehrer in Albuquerque, New Mexico. Nicht nur irgendein Chemielehrer, sondern ein begabter und von seinem Fach überzeugter. Aber das Schicksal hat dem einst vielversprechenden Forscher nicht die erhofften Lorbeeren und damit den Wohlstand erbracht, sondern ihn zur Arbeit an eine mittelmäßige Highschool verdammt. Sein mageres Gehalt bessert er mit einem Nebenjob in einer Autowaschanlage auf. Jeder Tag gleicht dem anderen, bis eine schreckliche Nachricht Walter zum Handeln zwingt: Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Wie die spontane Veränderung von chemischen Verbindungen, die sonst nur in seinem Lehrplan auftauchen, verändert sich plötzlich sein Gemütszustand. Seiner schwangeren Frau Skyler und dem körperlich behinderten Sohn Walt Jr. verheimlicht er den Befund zunächst. Um seine Familie abgesichert zu wissen, sucht er stattdessen einen seiner ehemaligen Schüler auf, den Drogendealer Jesse Pinkman, und bietet ihm eine Partnerschaft an: Walter will ihm selbst hergestelltes Crystal Meth (Methamphetamin) in bester Qualität liefern, das Jesse dann verkaufen soll.

Erst die Berührung mit der verbotenen Frucht, sein "Breaking Bad", scheint Leben in Walter zu pumpen. Er hat seine Seele an den Teufel verkauft und betritt eine fremde Welt, die er nicht beherrschen kann. Sie verlangt ihm Entscheidungen ab, die noch vor Kurzem undenkbar gewesen wären. Walter selbst nimmt keine Drogen – allein die Tatsache, dass er das reinste Crystal Meth im gesamten Südwesten Amerikas herstellt, reicht aus, um ihn zu berauschen: Das Angstgefühl schwindet, sein Mut nimmt zu. Die ersten unsicheren Versuche, Rauschgift in einem Wohnmobil herzustellen, sind halsbrecherisch und enden beinahe mit einem Selbstmord. Doch die Ereignisse setzen einen Energieschub frei, den auch seine Frau Skyler zu spüren bekommt. Nach einem leidenschaftlichen Schäferstündchen fragt sie ungläubig: "Bist du das, Walter?" Auch äußerlich macht Walter eine Verwandlung durch. Den Folgen der Chemotherapie greift er kurzerhand vor und rasiert sich eine Glatze. Für die Übergabe des Stoffs an den lokalen Drogenboss trägt er Schwarz: Hut, Sonnenbrille sowie Jackett und lässt sich "Heisenberg" nennen. Jenseits der heimischen vier Wände gehört Walter nun zu den "Bad Guys" – und genießt es.

Die Faszination des Bösen

"Es ist eine uralte Geschichte, dass Menschen wissen wollen, wie es auf der dunklen Seite aussieht. Wir lieben Gangsterfilme, wir lieben ,Der Pate‘. Wir lieben Storys, in denen der Hauptdarsteller ein komplett anderes Leben führt, als wir es tun. Und ,Breaking Bad‘ zeigt so ein Leben", sagt Vince Gilligan, Schöpfer und Autor der Serie, der schon als Produzent mit dem Mystery-Erfolg "Akte-X" für Furore sorgte. Wäre "Breaking Bad" eine typische Fernsehserie, hätte der Antiheld immerhin etwas Liebenswertes an sich, das ihn für das Publikum anziehend machen würde: jungenhaften Charme, Schlagfertigkeit und Witz, ein gewinnendes Lachen oder einfach nur eine zu große Nase, die wir mitleidig belächeln dürften. All dies kann Walter nicht vorweisen. Er ist ein Mensch, der sich in seiner Haut nicht wohl fühlt. Er ist ein pragmatisch denkender und verzweifelter Mann, der für seine Familie so viel Geld wie möglich zusammenkratzen will.

Es ist der Verdienst von Schauspieler Bryan Cranston ("Malcolm mittendrin"), die inneren Kämpfe dieses Mannes sichtbar zu machen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Diese schauspielerische Leistung hat Cranston bereits drei Mal hintereinander den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie eingebracht. Im Fernsehen wurde die Schattenseite der Gesellschaft bisher selten zur besten Sendezeit gezeigt. In langen Einstellungen, die sich manchmal wie Echtzeit anfühlen, stolpert Walter von einer Katastrophe in die nächste. Jede Episode gleicht einem Minifilm, der mit seinem Mix aus nihilistischem Humor und spannendem Drama an die Coen-Brüder und ihren Oscar-gekrönten Thriller "No Country for Old Men" erinnert. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Läuft die Anziehungskraft von "Breaking Bad" auf diese simple Lebensweisheit hinaus? Eine einfache Moral zu dieser Geschichte gebe es nicht, meint Gilligan: "Vielmehr ist es eine sehr detailgenaue Charakterstudie eines Mannes, der sich vom Protagonisten zum Antagonisten wandelt. Es ist die Verwandlung von einer Person in eine andere." Wenn das mal kein Zweckoptimismus ist.

KIRSTEN LAMMICH FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

EMMY-PRÄMIERTE US-DRAMASERIEN:
"Mad Men" (AMC): Beste Dramaserie (2008-2010)
"Breaking Bad" (AMC): Bester Hauptdarsteller – Bryan Cranston als Walter White (2008-2010)
"True Blood" (HBO): Bestes Casting (2009)
"In Treatment" (HBO): Beste Nebendarstellerin – Dianne Wiest als Dr. Gina Toll (2008)
"Dr. House" (FOX): Beste Regie – Folge "Im Kopf von House" (2008)

Kategorien: Oktober 2010