Der Schwärmer

"Ich will so bleiben wie ich bin", könnte ein Satz von ihm sein. Oder: "Mach dein Ding." "Nichts ist unmöglich", stammt tatsächlich mit von ihm: Frank Schätzing arbeitete in dem Team, das einst diesen Werbeslogan für einen Automobilproduzenten ersann. Heute trifft man Schätzing, mittlerweile ein erfolgreicher Autor, in seinem Lieblingscafé in Kölns Südstadt. Die Pointen sitzen noch immer, nur jetzt eben in Romanen. Mit seinen gestylten Haaren, dem legeren Hemd, der Jeans und dem offenen Lächeln sieht er immer noch aus, wie Werber gerne aussehen. Doch Schätzing macht jetzt nur noch Promotion in eigener Sache. Die ersten Romane schrieb er neben seinem früheren Job, abends, nachts und am Wochenende. Während er an dem Thriller "Der Schwarm" saß, reifte in ihm der Entschluss, die Werbebranche zu verlassen. "In der Werbung habe ich gelernt, wie wichtig der Unterhaltungsfaktor ist", sagt Schätzing heute. "Ich bin der Meinung, man kann, ja, man sollte sogar Sachinformationen mit Humor und unterhaltsam vermitteln."

Wie das geht, zeigt er nicht nur mit seinem Roman "Der Schwarm", sondern auch mit seinem Sachbuch "Nachrichten aus einem unbekannten Universum". Auf über 600 Seiten reist er durch die Ozeane, von ihrer Entstehung bis in die Zukunft, von Nord nach Süd, von oben nach unten. Scheut urzeitliche Hitze nicht, beschreibt frühzeitlichen Glibber, schaut bei den Walen vorbei, besucht die Haie, sieht sich bei heißen Quellen um, die aus dem Meeresboden brodeln. Das Unbekannte hat es ihm angetan.

Das Staunen bewahren

Die kühlen Tiefen des Wassers kennt der Autor aus eigener Erfahrung. Mit der Sauerstoffflasche auf dem Rücken war der Hobbytaucher schon in 45 Meter Tiefe und suchte die Begegnung mit den "eigentlich friedliebenden" Haien. Die Tiere und Pflanzen der Unterwasserwelt faszinieren ihn. "Das ist, wie wenn man mich fragt, warum ich meine Frau liebe: Da könnte ich auch eine Menge aufzählen, nur eine Erklärung wäre es nicht", sagt Schätzing und lacht. Das kindliche Staunen, die kindliche Neugier – Frank Schätzing will sich beides bewahren. Vor allem will er das auch seinen Lesern nahebringen. "Ich erzähle jetzt die Dinge, die ich früher in der Schule gerne vermittelt bekommen hätte", sagt Schätzing, das sei seine späte Rache. Er schreibt über Fakten, doch hat er dabei immer seine Leser im Kopf. Schätzing personalisiert, viele Pointen wirken auf den Punkt genau, er beschreibt anschaulich, kurzum, die Nähe zum Kino ist da. Die Filmrechte zu "Der Schwarm" sind bereits verkauft. Bis Ende des Jahres, so hofft er, kommt das nötige Geld zusammen, bei 120 Millionen dürfte der Etat liegen. 2011 wäre dann Drehbeginn. Uma Thurman ist für die weibliche Hauptrolle vorgesehen.

Eine alte Geschichte: Das Universum der Ozeane

Ein ganz anderes Projekt läuft jetzt bei ARTE: "Das Universum der Ozeane", gedreht auf der Grundlage von "Nachrichten aus einem unbekannten Universum". Die drei Dokumentationen zeigen die viereinhalb Milliarden Jahre alte Geschichte der Meere mit Computeranimationen, Interviews sowie historischen Szenen, die mit Schauspielern nachgestellt wurden. Frank Schätzing führt den Zuschauer aufs Wasser und taucht mit Wissenschaftlern in spektakuläre Tiefen ab. Bei seiner Reise durch Raum und Zeit steht er mal auf einer umtosten Klippe, mal sitzt er in einem Boot weit entfernt von der nächsten Küste – allerdings virtuell. Die Szenen wurden am Computer zusammenmontiert. Auch in seinem echten Leben scheut Schätzing das Risiko nicht. Für "Der Schwarm" recherchierte er jahrelang, beriet sich mit Meeresbiologen, setzte alles auf eine Karte. "Wir hatten die ersten 400 Seiten auf der Buchmesse vorgestellt. Damals war noch nicht klar, ob das Buch nicht ein Flop wird", berichtet Schätzing. Doch es kam bestens an und war seiner Zeit eine Idee voraus: Angeblich deuteten einige Urlauber in der Tsunami-Region das Zurückziehen des Meeres richtig, nämlich als ein Vorzeichen der Katastrophe, wie sie es aus dem Roman kannten, und suchten das Weite.

Schätzings Bücher sind mittlerweile in unzählige Sprachen übersetzt worden und werden unter anderem in Russland und der Türkei verkauft; die Gesamtauflage geht in die Millionen. Wo andere mit Wasserglas an einem Tisch aus ihren Büchern lesen, veranstaltet der Kölner multimediale Spektakel, inklusive eigens gedrehter Einspielfilme mit bekannten Schauspielern. Manchmal produziert er auch die Musik dazu selbst, gerade richtet er sich in seinem Keller ein Tonstudio ein. Früher spielte er in Bands – bis er die Nase voll hatte von diesem "basisdemokratischen Scheiß" beim Liederschreiben. "Eine Band muss diktatorisch geführt werden, von einem kreativen Kopf", sagt Schätzing überzeugt. Auf der Bühne steht der Werber und Songwriter noch immer – nur jetzt eben als Schriftsteller.

Viele halten ihn für selbstverliebt. Doch wenn ein Roman tausend Seiten haben müsse, dann sei das eben so, sagt er. Wenn Kritikern seine Bücher nicht passen, dann sei das nicht sein Problem. Nur mit viel Mühe gelänge es ihm vielleicht, einen Flop zu schreiben. Zweifelsohne hat der Autor ein großes Ego, ein sehr großes. Doch hinterden Kulissen gibt Schätzing überaus viel auf das Urteil dreier Vertrauenspersonen: seines Lektors, seines Verlagschefs und vor allem seiner Frau. Leidenschaft ist sein Antrieb und nicht die Angst. "Als wir den ,Nichts ist unmöglich‘-Slogan gemacht haben, gab es auch Bedenkenträger, die sagten, zwei von drei Wörtern sind negativ, das funktioniert nicht." Manchmal hat auch er Selbstzweifel, gibt er freimütig zu. Als er am Nachfolger des Verkaufshits "Der Schwarm" schrieb, habe er den Druck in sich wachsen gefühlt, wieder einen ähnlichen Erfolg liefern zu müssen. Eine Blockade folgte. Da mache man dann am besten etwas ganz anderes, rät Schätzing. Er spielte ein halbes Jahr lang Gitarre. Und sie kam wieder, die Lust zu schreiben. Das Ergebnis war der Thriller "Am Limit". Er könne zwar jetzt nicht die Füße hochlegen, sagt Schätzing zu seinem Einkommen, aber er könne ein gutes Leben führen. Er habe die Freiheit, das zu tun, was er wolle. Und es gibt immer etwas zu tun: Mit Freunden zu jammen ist beispielsweise zu kurz gekommen in letzter Zeit.

SANDRO MATTIOLI FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

SCHÄTZINGS BÜCHER

"Limit" (2009),
"Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See" (2006),

"Nachrichten aus einem unbekannten Universum" (2006),
"Der Schwarm" (2004),
"Keine Angst" (2003),
"Lautlos" (2000),
"Die dunkle Seite" (1997),
"Mordshunger" (1996),
"Tod und Teufel" (1995)

Kategorien: Oktober 2010