ARTE wird 20!

Am 2. Oktober 1990 war es so weit: Repräsentanten des französischen Staates und der elf damaligen Bundesländer unterschrieben in Berlin den Zwischenstaatlichen Vertrag zur Gründung von ARTE. Das deutsch-französische Projekt von François Mitterrand und Helmut Kohl, einen europäischen Kulturkanal zu initiieren, war damals gewagt und schien utopisch. Heute, 20 Jahre später, ist der Sender nicht mehr aus der Fernsehlandschaft wegzudenken. ARTE-Präsident Gottfried Langenstein und Vizepräsident Jérôme Clément über die Schwierigkeiten der Anfangszeit, große Erfolge und ihre Lieblingssendungen bei ARTE.

ARTE: Wie ist die Gründung von ARTE 1990 verlaufen

Gottfried Langenstein: Der Wunsch, einen Sender der Versöhnung aufzubauen, stand natürlich im Vordergrund. Es gab in Deutschland allerdings Misstrauen gegen einen Fernsehsender, der von der Politik eingesetzt wird. Das hat mit unserer Geschichte zu tun, mit den Erfahrungen des Dritten Reichs, denen wir einen unabhängigen Rundfunk nach dem BBC-Modell entgegengesetzt hatten. Aber ein generelles Misstrauen seitens der Rundfunkanstalten gegenüber dem Projekt ARTE gab es nicht.

Jérôme Clément: In Frankreich stellte sich die Sache ganz anders dar, denn für uns ist es normal, dass sich die Politik ins Fernsehen einmischt. Aber das Misstrauen Deutschland gegenüber war groß, historisch begründet. Ein europäischer Fernsehsender und die deutsch-französische Versöhnung waren politisch erwünscht. Doch was man für politisch vernünftig hielt, deckte sich nicht mit dem, was man fühlte. Fernsehen berührt die Privat-sphäre, und die Vorstellung, dass die Deutschen über das Fernsehen bis ins Schlafzimmer vordrängen, wühlte unbewusste Erinnerungen auf. Die französische Presse reagierte sehr negativ auf die Gründung von ARTE.

ARTE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Jérôme Clément: Nach dem Sendestart titelte das "Journal du Dimanche": "ARTE spricht Goebbels’ Sprache."Das war extrem hart. Heute wäre das unvorstellbar.

Gottfried Langenstein: Für uns Deutsche war die Idee von Helmut Kohl und François Mitterrand, einen gemeinsamen europäischen Kulturkanal zu gründen, etwas Positives: Wir wussten, dass eine wirkliche Wiedervereinigung nur erreichbar wäre, wenn uns eine europäische Integration gelänge. Aber auch in Deutschland war mancher misstrauisch und fragte sich: Was planen die Franzosen wieder gegen die deutschen Interessen? Diese Vorbehalte sind heute nicht mehr verbreitet.

ARTE: Was macht heute das Wesen von ARTE aus?

Gottfried Langenstein: Durch den Unterschied zwischen Franzosen und Deutschen, die bei ARTE arbeiten, entsteht ein Generator für Kreativität, weil jeder durch den Umgang mit einer anderen Kultur bereit ist, auch offener mit der eigenen umzugehen. Die unterschiedliche Herangehensweise von Franzosen und Deutschen ist unglaublich anregend.

Jérôme Clément: Die Tatsache, es mit einem Anderen zu tun zu haben, macht den großen Unterschied aus. Ich erinnere mich an eine treffende Formulierung von André Harris, dem ersten ARTE-Programmdirektor: "Die Deutschen sind nicht Franzosen, die Deutsch sprechen." Um zu verstehen, dass dieses Anderssein bereichert, braucht es Zeit. Im Übrigen ist ARTE der Kreativität und den Kulturschaffenden gewidmet.

ARTE: Welche Werte vertritt ARTE?

Gottfried Langenstein: Der humane Blick. Das heißt, sich den Lebenswelten der Menschen zu öffnen und niemanden vor der Kamera bloßzustellen. Außerdem: sich nicht an Konventionen anzulehnen, sondern nach dem wirklich Interessanten und Neuen einer Sache zu suchen. Der ethischen und gesellschaftlichen Relevanz eines Films mehr beizumessen als der Frage nach der Quote.

Jérôme Clément: Die Werte bei ARTE sind Respekt, Offenheit, Neugier.

ARTE: ARTE versteht sich als europäischer Sender, wird aber nur von Deutschland und Frankreich getragen. Warum sind nicht mehr Nationen beteiligt?

Jérôme Clément: Das ist eine politische Frage. Bisher waren in Europa nur Frankreich und Deutschland in der Lage, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Die Europäischen Institutionen haben zu wenig Einfluss. Immerhin ist es uns gelungen, mit vielen Ländern Europas Kooperationsabkommen zu schließen, vor allem mit den deutsch- bzw. französischsprachigen Ländern Belgien, Schweiz und Österreich.

Gottfried Langenstein: Der europäische Auftrag ist nicht nur institutionell zu verstehen. Jeden Tag zeigt der Sender europäische ARTE-Koproduktionen. Durch dieses Engagement ist es ARTE gelungen, einen europäischen Kultursender zu schaffen – sogar über das Fernsehen hinaus. Der Rumäne Cristian Mungiu hat 2007 mit "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" die Goldene Palme in Cannes gewonnen; den Goldenen Bären 2006 erhielt "Esmas Geheimnis", ein Film der Bosnierin Jasmila Žbanic´. Der Sender ist eine Anlaufstelle für junge Talente der europäischen Kultur geworden.

ARTE: Die Fernsehlandschaft hat sich in den letzten 20 Jahren enorm entwickelt. Wie hält ARTE Schritt?

Gottfried Langenstein: Dank der französischen Medienpolitik haben wir uns rechtzeitig den Entwicklungsmöglichkeiten im Internet zugewandt und es damit
geschafft, junge Leute neu für den Sender zu interessieren. Es fing an mit ARTE+7, ging weiter mit der Videothek und mündet jetzt in die Kreativplattform, unsere neue Seite für aufstrebende Medienmacher. Dazu kommen Kooperationen mit YouTube oder Anwendungen für iPhone und iPad. Wir haben hier durch unseren deutsch-französischen Vertrag Freiheiten, von denen manche deutsche Rundfunkanstalt nur träumen kann.

ARTE: Sie beide haben den Sender von Anfang an begleitet. Welche sind Ihre Lieblingsprogramme aus der Geschichte des Senders?

Gottfried Langenstein: "24 Stunden Berlin" halte ich für ein außergewöhnliches Format, weil es ermöglicht, in eine Stadt und in das private Leben von Menschen- einzutauchen.- Jeder der porträtierten Menschen, ganz egal ob Manager oder Müllmann, wird als charakterstarkes und ebenbürtiges Gegenüber dargestellt. Außerordentlich finde ich auch die Aufarbeitung historischer Filme, wie zuletzt die Restaurierung des Films "Metropolis" von Fritz Lang. Dessen Uraufführung anlässlich der Berlinale war ein bewegendes Ereignis.

Jérôme Clément: Die Reihe "Palettes" über die Malerei ist eine herausragende Produktion. Ohne ARTE gäbe es solche Fernsehformate einfach nicht. Oder "Corpus Christi" über die Quellen des Christentums. Es ist eine echte Herausforderung, Denkprozesse in Bilder zu übersetzen. Sehr berührend war auch der Dokumentarfilm über Swjatoslaw Richter, "Richter, der Unbeugsame".

ARTE: Worauf sind Sie besonders stolz?

Gottfried Langenstein: Ich bin stolz, dass dieser Sender sich durchaus auf ungewöhnliche Künstler und Leute einlässt, deren Projekte unter Umständen riskant sind, bei denen es kompliziert werden kann.

Jérôme Clément: Ein unvergesslicher Moment ist für mich die Überreichung des Zwischenstaatlichen Vertrags mit den Unterschriften der Neuen Bundesländer durch Bernhard Vogel, den damaligen Ministerpräsidenten Thüringens. Das war 1996 in Erfurt, im gleichen Salon, in dem Napoleon Goethe empfangen hatte!

ARTE: Wo sehen Sie ARTE in 20 Jahren?

Gottfried Langenstein: Hoffentlich sind wir dann Trademark für die wichtigste Kulturplattform Europas.

Jérôme Clément: Ich hoffe, dass auch in einer Welt, in der Bilder allgegenwärtig sind, ARTE weiterhin Maßstäbe in Sachen Kultur setzen wird.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE CLAIRE ISAMBERT FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: Oktober 2010