ISTANBUL KOMMT

Ismail Necmi freut sich: Gerade hat er die offizielle Einladung erhalten, während des Filmfestivals in Thessaloniki im Dezember dieses Jahres eine Fotoausstellung auszurichten. Immerhin war der Letzte aus der Türkei, der dort ausstellte, der weltbekannte Filmemacher Nuri Bilgi Ceylan. Auch Ismail Necmi ist Filmregisseur, wenn auch lange nicht so bekannt wie Ceylan. Dennoch, sein erster Film "Should I Really Do It?" (2009) war erfolgreich.

Schon in der Grundschule war Ismail der einzige in seiner Klasse, der alle neuen Filme und auch jeden Regisseur im Ausland kannte. Kaum 18 Jahre alt, arbeitete er als Assistent am Filmset. Das war vor knapp 20 Jahren. Damals lag der heute so trendige Istanbuler Stadtteil Beyoglu nachts im Dunkeln. Nur wenige wagten sich in dem Viertel auf der europäischen Seite der Stadt nach 22 Uhr auf die Straße. Es gab keine Galerien, nur ein paar Kinos mit durchgesessenen Polstern und Filmen auf dem Niveau des deutschen Quatschkinos der 1960er Jahre. Damals hatte man noch einen Mitleidsbonus, wenn man in Deutschland erzählte, man lebe in Istanbul. Und Kulturevents wie das Istanbuler Filmfestival kannte kaum jemand.

Die türkische Kulturstadt erwacht

Inzwischen zählt das Istanbuler Filmfestival jährlich mehrere Hunderttausend Zuschauer. Außerdem gibt es ein Festival der klassischen Musik, das Theater-, das Jazz- und nun auch das Opernfestival. Letztes Jahr fand die 11. Kunstbiennale in Istanbul statt, mit Werken von 600 Künstlern aus 70 Ländern. Istanbul war zwar schon immer das unbestrittene Zentrum des Landes, in dem der Fortschritt zu spüren war. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs aber und der Öffnung der Grenzen der Balkanstaaten rund um die Türkei, entwickelt sich die Stadt auf zwei Kontinenten zu einer kosmopolitischen, internationalen Metropole. Das Stadtzentrum ist nun nachts hell erleuchtet, es gibt dutzende Galerien und bis morgens um vier Uhr drängeln sich vor allem junge Menschen durch die Gassen, viele mit Bierdosen in der Hand. Die Preise in den rund 4.000 Bars und Discos im Zentrum sind einfach zu teuer geworden. Heute erntet man eher neidische Blicke, wenn man sagt, man lebe am Bosporus. Doch um sich in Istanbul eine Existenz aufzubauen, braucht man viel Durchhaltevermögen.

Die türkische Kunst muss sich entwickeln

Der 38-jährige Ismail Necmi nahm lange Zeit alle Arbeiten rund um den Film an, bis er genügend Geld für eine eigene Filmausrüstung aufbringen konnte. Letztes Jahr hat er seinen ersten Film fertiggestellt, der weltweit auf über 20 Festivals gezeigt wurde und mehrere Preise erhielt. Im Gegensatz zu vielen anderen bot sich Ismail die Chance, immer wieder im Ausland zu arbeiten. Bis heute haben nur circa 15 Prozent aller Türken Auslands-erfahrungen gesammelt – Reisen ist für die meisten zu teuer und ein Visum schwer zu bekommen. Doch Ismail konnte seinen Horizont erweitern: "Should I Really Do It?" erzählt die Geschichte einer jungen Deutschen, die sich zwischen Istanbul und Hamburg, zwischen Stadt und Land und zwischen Leben und Tod bewegt. Ein Film mit einem englischen Titel, in dem nur Deutsch gesprochen wird, obwohl Ismail selbst kein Wort Deutsch kann. Trotz seines Erfolgs warfen die Filmkritiker Ismail vor, sein Film sei gar kein "türkischer" Film, der die Kultur und Tradition des Landes erzähle.

"Türkische Kunst?" Yasam Sasmazer blickt fragend auf. Die 30-jährige Bildhauerin hat vor allem mit ihren Kindern aus Holz Aufsehen erregt. Figuren, die eben nicht süß oder niedlich sind, sondern mal traurig, mal aggressiv. Sie alle zeigen Charaktereigenschaften der Erwachsenen, auch Egoismus, Angeberei oder Grobheit. Gerade dieser Widerspruch lässt den Betrachter genauer hinschauen. "Ich arbeite mit Kinderfiguren, nicht mit türkischen Kinderfiguren", sagt sie. Vorbilder hat sie keine. Es gibt in der türkischen Kunstgeschichte keine Tradition in der Bildhauerei – auch nicht in der Malerei. Früher hing allenfalls ein Teppich an der Wohnzimmerwand, aber kein Bild. Skulpturen gab es ebenso wenig. Die Natur nachzubilden war dem gläubigen Muslim ja untersagt. Noch vor drei Jahren entfernten Lokalpolitiker in der Touristenstadt Kemer an der Südküste des Landes die Skulptur eines nackten Paares. "Wir sind, was die moderne Kunst angeht, noch immer ein Entwicklungsland", meint Yasam. "Es gibt kaum unabhängige Initiativen von Künstlern, die sich gegenseitig unterstützen, es gibt keine Netzwerke oder Fonds." Hilfe vom Staat gibt es erst recht nicht. Weder auf nationaler noch auf kommunaler Ebene werden Budgets für Kunst und Kultur bereit gestellt. Etliche Tageszeitungen haben nicht einmal einen Kulturteil.

Um nach ihrem Studium kreativ arbeiten zu können, nahm Yasam verschiedene Auftragsarbeiten an, zum Beispiel als Dekorateurin in Hotels. Sie hatte Glück und lernte einen Galeristen kennen, der ihre Arbeiten seither ausstellt. Und die Chancen, in Istanbul auszustellen, steigen: 2006 wurde die erste Kunstmesse der Stadt, die "Contemporary Istanbul", eröffnet, auf der Yasam 2008 ihre Skulpturen präsentieren durfte. Seither nahm sie an Ausstellungen in Italien, der Schweiz, Schweden und Deutschland teil. "Letztes Jahr hatte ich meine erste eigene Ausstellung in Istanbul", sagt die junge Bildhauerin. Das war für sie ein Durchbruch.

Istanbul fordert Ausdauer und Mut

Auch Nihan Peker kann ihre Mode im Zentrum von Istanbul zeigen. Die Kollektion der 25-jährigen Desig-nerin wurde von der Besitzerin einer Boutique entdeckt, die jedes Jahr in vier verschiedenen Räumen die Mode von vier Designern präsentiert. Nihan entwirft ihre Kleider nicht nur, sie näht sie auch selbst und entwickelt eigene Stoffe. So hat sie ein Kleid aus den Fäden gefertigt, aus denen sonst Gebetskettchen hergestellt werden. Die Zeiten sind vorbei, als türkische Modedesigner beweisen mussten, dass sie ihre Kollektionen nicht aus dem Westen kopieren. Das war vor rund 15 Jahren, als man in Istanbul noch Kleider trug, keine Mode und die Textilindustrie am Bosporus vor allem preisgünstige Hemden fürs Ausland nähte.

Inzwischen gibt es einen Verband der Modedesig-ner und jedes Jahr eine internationale Modewoche. Bereits zwei von Nihans Kollektionen wurden in Paris, London und Mailand gezeigt. In Italien hatte Nihan Peker auch studiert und wäre gerne für ein Praktikum geblieben "Da habe ich gemerkt, was es heißt, Türkin zu sein. Es war einfach unmöglich, das nötige Visum zu bekommen." Die Konkurrenz sei in Mailand größer als in Istanbul, findet sie, aber "wenn man dort den Durchbruch geschafft hat, dann geht alles leichter als hier. In Istanbul ziehen die Leute, die Geld haben, an einem vorbei, auch wenn sie von Mode keine Ahnung haben." In der türkischen Metropole teilt Nihan nun ihr Atelier mit anderen Modedesignern, ein eigenes kann sie sich nicht leisten. Sie wohnt weiterhin bei ihren Eltern, weil es bei vielen Hausbesitzern noch als unanständig gilt, als unverheiratete Frau alleine eine Wohnung zu mieten.

Ob sie finanziell durchhalten, wissen Ismail, Yasam und Nihan nicht. Nihan kann erst an ihrer neuen Kollektion weiterarbeiten, wenn sie von der alten genügend Stücke verkauft hat. Ismail hat für seinen neuen Film noch keinen Produzenten gefunden. Ans Aufgeben aber hat noch keiner von ihnen gedacht. Sie verkörpern den Aufbruch der jungen Generation in Istanbul, die sich von Hindernissen nicht kleinkriegen lässt und Teil einer pulsierenden Stadt im Wandel ist.

GASTAUTOR DIETER SAUTER IST FREIER JOURNALIST, DOKUMENTARFILMER UND FOTOGRAF. ER LEBT SEIT VIELEN JAHREN IN ISTANBUL

ARTE PLUS

DIE KULTURHAUPTSTADT EUROPAS

ist eine Kulturinitiative der Europäischen Union. Jährlich wird der Titel an mindestens zwei Städte der Europäischen Union vergeben. Zusätzlich können Nicht-Mitgliedstaaten Kulturhauptstädte stellen. 2010 wurden Essen, Pécs und Istanbul ernannt. Die Benennung soll dazu beitragen, den Reichtum, die
Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes Europas hervorzuheben und ein besseres Verständnis füreinander zu ermöglichen.

Kategorien: September 2010