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DIE SCHULE DER MACHT

Franzosen lieben Kürzel. ENA steht für Ecole Nationale d’Administration oder auch Karriereautobahn. Sie ist die jüngste, die berühmteste und die umstrittenste der Grandes Ecoles, Frankreichs Elitehochschulen. De Gaulle gründete sie 1945 für den Aufbau einer von der Vichy-Vergangenheit unbelasteten Verwaltung. Seither ist die ENA die französische Kaderschmiede par excellence. Ihre Absolventen, auch Enarchen genannt, besetzen die Stabsstellen des Landes und sind in allen Behörden und Ministerien in den Top-Positionen zu finden. Jacques Chirac, Ségolène Royal und Dominique de Villepin haben hier studiert. Unter den Absolventen der letzten Jahre befinden sich Laurent Wauquiez, der 2004 als jüngster Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt wurde, und Alexandre Bompard, der 37-jährige Chef von Europe 1, dem drittgrößten Radiosender Frankreichs.

Nur die Besten der Besten.

Der Weg an die ENA ist lang und hart. Die Bewerber, die meist schon ein Studium oder sogar berufliche Praxis hinter sich haben, büffeln gnadenlos in über zwei Jahre dauernden Vorbereitungskursen. Die Auswahl wird durch Aufnahmeprüfungen getroffen, in denen vor allem die Allgemeinbildung getestet wird – mit einer Durchfallquote von über 90 Prozent. Das legendäre Grand Oral, das Große Mündliche, wird am meisten gefürchtet. Der Kandidat muss sich hier vor einer strengen Jury behaupten. Zahlreiche Anekdoten kursieren über diesen Meilenstein im Parcours eines jeden Bewerbers, einige Fragen sind in die Geschichte der Hochschule eingegangen:- "Was ist der Unterschied zwischen einem Liebhaber und einem Ehemann?" oder "Wie tief ist die Donau in Wien?" Da müssen die Prüflinge einen kühlen Kopf bewahren, um schlagfertig und souverän antworten zu können.

Es kommt nicht so sehr darauf an, die richtige Antwort parat zu haben, sondern geschickt mit der Situation umzugehen, einen Standpunkt zu vertreten. Hier ist Rhetorik gefragt, der Befragte muss argumentieren können, die Lage schnell analysieren und das in Frankreich überall gelehrte dialektische Verhältnis zwischen These-Antithese-Synthese beherrschen. Auf die Frage "Wie tief ist die Donau in Wien?" antwortete die Schriftstellerin Françoise Chandernagor bei der mündlichen Aufnahmeprüfung 1967 übrigens "Das kommt darauf an, auf welcher Brücke Sie stehen." Auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Liebhaber und Ehemann erwiderte sie: "Das ist wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht." Sie wurde natürlich aufgenommen.

Mit der Zulassung zum Studium ist die schwierigste Hürde genommen, die Diplomvergabe fast sicher. Während der über zweijährigen Ausbildung wechseln sich Theorie und Praxis ab. Praktika an einer europäischen Institution, in einem Unternehmen sowie in einer französischen Verwaltungsbehörde sind Bestandteil der Ausbildung. Hier erwarten die Studenten keine Kaffee- und Kopieraufgaben. Die ENA-Praktikanten unterstehen direkt dem Premierminister. Sie sind weisungsbefugt und verantworten eigene Projekte. Mitunter vertreten sie den Präfekten oder Botschafter sogar bei offiziellen Anlässen.

Hinsichtlich der Arbeitsweise kennt man an der ENA weder humboldtsche Einsamkeit noch Freiheit des Forschens. Die thematische Auseinandersetzung findet mittels Fallstudien und Rollenspielen als Gruppenarbeit statt. Die Lehrbedingungen sind exzellent. Die Dozenten kommen aus Ministerien und EU-Institutionen oder sind hochrangige internationale Experten, die Diskussionsführung, Argumentationstechnik oder Krisenmanagement unterrichten. Die Studenten absolvieren ein enormes Arbeitspensum, das eine außerordentliche Disiplin voraussetzt. Schließlich wird ihnen ein nahezu enzyklopädisches Wissen abverlangt.

Auf dem Weg nach ganz oben.

Die ENA bringt Generalisten hervor, umsetzungsstarke Analytiker, die später in beliebigen Bereichen eingesetzt werden können. Diese Methode ist effizient, aber nicht unumstritten, denn sie tendiert zu einer gewissen Oberflächlichkeit und birgt das Risiko, Einzelkämpfer hervorzubringen. Anders gesagt: Zu einem Ruder-Achter gehören ein Steuermann und acht Ruderer. Wenn die Mannschaft der ENA antritt, wollen acht steuern, einer rudert. Selbst an der ENA lacht man über diesen Witz und gibt zu, dass etwas Wahres daran ist.

Die Mitstudenten an der ENA sind eher Konkurrenten als Kommilitonen; die Schule setzt auf den Wettbewerb untereinander. Wobei dieser auch zusammenschweißt. Ihr Jahrgang, Promotion genannt, bildet für die Studenten eine Zweck- aber auch eine Leidensgemeinschaft. Traditionell sucht sich der Jahrgang selbst eine herausragende Persönlichkeit als Namensgeber aus. Der Name ist später ein regelrechtes Label für die Absolventen – man spricht von ihnen als Mitglieder der Promotion "Rousseau", "Voltaire", "Willy Brandt" …

Für die Zukunft haben die Enarchen gegenüber ihren Altersgenossen an den Universitäten einen unschätzbaren Vorteil: den Kontakt zu früheren Absolventen. So entstehen Netzwerke und Seilschaften, von denen andere nur träumen. Das Jahrbuch der Ehemaligen weist tausende Adressen samt der aktuellen Positionen auf und erleichtert die Lösung vieler Probleme. Die durch Praktika an wichtigen Institutionen gewonnenen Kontakte vervollständigen das professionelle Netzwerk.

Die Studenten verpflichten sich dazu, nach dem Abschluss zehn Jahre lang im Staatsdienst zu arbeiten. Unternehmen können einen Enarchen jedoch "einkaufen" und das exzellente Netzwerk, das er mitbringt, ist ihnen den Preis wert. Jeder fünfte ENA-Absolvent arbeitet in der freien Wirtschaft und pflegt seine Beziehungen zu anderen Ehemaligen in den Ministerien. Deshalb haben Topmanager in Frankreich viel engere Beziehungen zur Politik als etwa in Deutschland – man hat ja die gleiche Schulbank gedrückt. Dieser Umstand wird brisant, wenn beispielsweise zu viel Nähe zu Politik und Medien entsteht.

Mit Reformen in die Zukunft.

Die ENA ist in Frankreich hoch angesehen, aber auch umstritten. Während es in Deutschland keinen festgelegten Weg in die politische Elite gibt, rekrutiert sich diese in Frankreich fast ausschließlich aus den ENA-Absolventen, die lediglich 0,01 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Konformistische Streber, volksferne Führungskräfte, Staat im Staate, das sind nur einige der Vorwürfe, denen die Enarchen ausgesetzt sind. Sie seien zu jung und unerfahren, um unmittelbar nach dem Abschluss einer Position mit hoher Verantwortung gerecht zu werden. Einige Politiker wie der Liberale François Bayrou wollen die ENA gar abschaffen.

Seit Bestehen der Hochschule haben zwei spätere Präsidenten und sieben Premierminister Frankreichs die ENA absolviert. Nicolas Sarkozy gehört nicht dazu, er ist Jurist. Selbst wenn er sich nicht öffentlich gegen die ENA geäußert hat, ist die Tatsache, dass sein Regierungskabinett weitaus weniger Enarchen aufweist als üblich, sicherlich kein Zufall. Auch die jüngsten Reformen der ENA zeugen von einem Generationswechsel. Die ENA wurde seit ihrer Gründung ständig reformiert. Doch die Änderungen der letzten -Jahre sind weitreichend. Seit 2004 findet das Studium ausschließlich in Straßburg statt, in Paris nur noch die Weiterbildung für Beamte. Dies war im zentralistischen Frankreich eine Revolution. Auch eine Öffnung in Richtung Europa wird angestrebt. Ebenfalls seit 2004 können sich europäische Kandidaten regulär um einen Studienplatz bewerben – immerhin stammt ein Drittel jedes ENA-Jahrganges aus mehr als 20 Ländern.

Vorher gab es für ausländische Studenten lediglich einen etwas kürzeren internationalen Studiengang. Außerdem soll ein lange Zeit kritisiertes Privileg abgeschafft werden: die Rangfolge. Noch können sich die 15 bestplatzierten Schüler ein Amt in einer der drei höchsten Institutionen der französischen Administrative aussuchen: Staatsrat, Finanzinspektion oder Rechnungshof. Ab 2011 sollen die Auswahlverfahren ähnlich wie in der freien Wirtschaft stattfinden. Die Reform hat aber bereits erste Auswirkungen: Auch die Jahrgangsbesten müssen seit 2009 in der Behörde ihrer Wahl an einem Vorstellungsgespräch teilnehmen, in dem nicht nur Leistung- zählt, sondern auch Persönlichkeit und soziale Kompetenz.

Neuerdings fordert Präsident Sarkozy, dass mindestens 30 Prozent der begehrten Plätze an den Grandes Ecoles für Stipendiaten reserviert werden, um die soziale Durchmischung der Elite zu beschleunigen. Mit diesem Vorhaben stößt er auf Widerstand seitens der Hochschulen. Von der Öffnung der ENA hängt im Zeitalter der Globalisierung jedoch viel ab. Sie ist zu stark auf Frankreich ausgerichtet, um auf internationalem Niveau wirklich bedeutend zu sein: Sie bleibt im Wesentlichen darauf beschränkt, die nationale Beamtenelite hervorzubringen. Zwischen Cambridge, Harvard und der ENA liegen im internationalen Ranking Welten. Ob die jüngsten Reformen dem entgegenwirken können, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

GASTAUTORIN SUNNA ALTNÖDER IST DEUTSCHE ABSOLVENTIN DER ENA UND ARBEITET ALS FILMPRODUZENTIN IN PARIS

ARTE PLUS

DIE GRANDE NATION UND IHRE GRANDES ECOLES:

Frankreich besitzt ein duales Hochschulsystem: Unis sind eher "Massenfabriken", an den Elitehochschulen (Grandes Ecoles) findet die Heranzüchtung der Oberschicht statt. An den über 200 Grandes Ecoles stu-dieren etwa 180.000 junge Franzosen, an den 83 Universitäten sind mehr als 1,5 Millionen Studenten eingeschrieben. Ganz nach dem Motto "klein aber fein" legen die Grandes Ecoles den Grundstein für die Spitzen-Karriere. Es gibt zwei Arten von ihnen: die staatlichen, darunter die Ecole Normale Supérieure (ENS), die Ecole Polytechnique- (X genannt) und die Ecole Nationale d’Administra-tion (ENA). Daneben sorgen die privaten Grandes Ecoles für den Ingenieur- und Managementnachwuchs.

BEKANNTE ENA-ABSOLVENTEN
UND IHRE JAHRGÄNGE:

Michel Rocard, "18 juin" (1958), ehem. Premierminister

Jacques Chirac, "Vauban" (1959), ehem. Staatspräsident

Françoise Chandernagor, "Jean Jaurès" (1969), Schriftstellerin

Jacques Attali, "Robespierre" (1970), Wirtschaftler, ehem. Berater François Mitterrands

Jérôme Clément, "Charles de Gaulle" (1972),Vizepräsident des Fernsehsenders ARTE

Louis Gallois, "Charles de Gaulle" (1972), Präsident von EADS

Elisabeth Huppert, "François Rabelais" (1973), Schauspielerin und Schriftstellerin

Martine Aubry, "Léon Blum" (1975), Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Bürgermeisterin von Lille

François Hollande, "Voltaire" (1980), ehem. Vorsitzender der Sozialistischen Partei

Ségolène Royal, "Voltaire" (1980), Vorsitzende des Regionalrats Poitou-Charentes, ehem. Präsidentschaftskandidatin 2007

Dominique de Villepin, "Voltaire" (1980), ehem. Premierminister

Jean-Marie Messier, "Henri François d’Aguesseau" (1982), ehem. Direktor des Konzerns Vivendi

Frédéric Oudéa, "Fernand Braudel" (1987), -Vorstandsvorsitzender des Bankkonzerns Société Générale

Denis Olivennes, "Michel de Montaigne" (1988), -Generaldirektor der Wochenzeitschrift "Nouvel Observateur"

Alain Seban, "Victor Hugo" (1991), Direktor des Pariser Kulturzentrums Centre Pompidou

Alexandre Bompard, "Cyrano de Bergerac" (1999), Geschäftsführer des Radiosenders "Europe 1"

Laurent Wauquiez, "Nelson Mandela" (2001), Beigeordneter Staatssekretär für Beschäftigung

Kategorien: September 2010