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REICH, SCHÖN UND ABGEHOBEN

ARTE

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„Zu Beginn der sechziger Jahre war die Welt noch ein fantastisches Abenteuer und riesengroß, nicht so klein wie heute“, sagt Gunter Sachs, in Sachen Jetset ein wohl erstklassiger Zeuge. Eines dieser Abenteuer lief barfuß und in Jeans durch die Welt, ein kurviges Mädchen mit Schmollmund, goldener Mähne und großen Augen unter dem Pony – Brigitte Bardot. Die Bardot hat nie verstanden, warum sie zur Marke B.B. wurde, zum Symbol einer ganzen Epoche. „Ich weinte, wenn ich in den Spiegel schaute. Wirklich, ich war hässlich!“ Der Pariser Teenie mit Zahnspange stolperte als Covergirl der „Elle“ in eine Zeit hinein, in der nur der Anschein, reich und berühmt zu sein, eine mondäne Existenz bedeuten konnte – das Leben des Jetsets.

 

Dem Mädchen Brigitte, das seine Eltern siezen musste, ab dem Tag, da es eine chinesische Vase zerschlug, verhalf der erste Liebhaber zur Flucht aus dem Pariser Industriellenhaus. Der Regisseur Roger Vadim machte sie 1952 zu seiner Frau und 1956 durch „… und ewig lockt das Weib“ zum weltberühmten Filmsternchen. Der bewährte Kassenmagnet dieser Schmonzette war der Lebemann Curd Jürgens. Der „normannische Kleiderschrank“, wie Bardot den Kollegen nannte, war damals bereits weltbekannt – als Filmstar und als liebestoller Partylöwe. Die Dreharbeiten führten B.B. erstmals nach St. Tropez, den Ort, der Jetset-Geschichte schrieb. Nirgendwo sonst auf der Welt tobte das Leben maßloser als hier an der Riviera, nirgendwo waren mehr Reiche und Berühmte versammelt.

 

B.B. und der Playboy

 

„Wir sind ein exklusiver Club: zwei Tropezianer, die sich nicht kennen“, soll Gunter Sachs, Deutschlands Playboy Nummer Eins, zur Bardot gesagt haben, als sie nach zwei Ehen und unzähligen Liebschaften plötzlich vor ihm stand. „Sie nur anzusehen, war ein Liebesfilm“, erinnert er sich. Es folgte eine blitzschnelle Hochzeit in Las Vegas. Die Regenbogenpresse jubelte: „Die Romanze des Jahres!“ Der französische Filmstar und ein deutscher Industriellenerbe und Playboy – eine Liaison von politischer Dimension. Gesellschaftskolumnistin Sybille schreibt in den 60ern im „Stern“: „Lieb Vaterland magst ruhig sein. Deutschlands erster Playboy erobert Frankreichs Nationalheiligtum und endlich ist vollzogen, was Adenauer mit de Gaulle begann, doch Erhard nie recht vollbrachte: Entente cordiale der beiden Völker.“

 

Nur eines stimmte nicht ganz. Es war kein „Meer roter Rosen“, die Sachs zur Unterstreichung seines Heiratsantrags auf die Villa Bardots in St. Tropez niederregnen ließ. „Es war nur eine“, wie er später korrigierte. „Allerdings warf ich auf demselben Hubschrauberflug meine beiden Holzkoffer aus dem Helikopter, machte ’nen Hecht ins Wasser und kam dann aus dem Meer in den Garten rein – und das gefiel der Bardot noch besser als die Rose.“ Mit seinem ausgeprägten Sinn für Werbung arrangierte Sachs unendlich viele Parties und Fototermine. B.B. begann sich an dem zu stören, was ihren Ehemann ausmachte: „Er playboyte herum“, beklagte sie sich. Sachs’ „unaufhörlicher Exhibitionismus“ und die „Gunterclicque“, der „Rattenschwanz blasierter Nichtstuer“, wurden ihr lästig. Kurz: Die Ehe scheiterte nach ein paar Monaten. „Wir trennten uns, bevor unser Glück irgendwo im Bürgerlichen versickerte“, so sieht es Sachs heute. Zum 75. Geburtstag der Bardot schickte er wieder rote Rosen, diesmal mehrere.

 

Die tropezianische Menagerie

 

Denn bürgerlich mochten die Jetsetter von ihrer Herkunft sein, niemals aber nach Lebensstil und Gesinnung! Exzessive und heute infantil wirkende Kostümfeste bestimmten den Partykalender, Liebes- und Casino-Roulette, rasende Trips in Porsches, Ferraris, Maseratis. Man sammelt Häuser wie Autos und Affären. Curd Jürgens etwa besaß Häuser in Cap Ferrat, Gstaad, auf den Bahamas, in Enzesfeld bei Wien und zuletzt in St. Paul de Vence. Überall standen mehrere Autos zur Verfügung, überall Personal. Cap Ferrat an der Côte d’Azur galt als der spektakulärste Jürgens-Besitz. An der Einfahrt, auf zwei hohen Säulen, zwei kreischende Affen, daneben auf Schaukeln mehrere Papageien; ein Esel mit einer Glocke um den Hals zog einen kleinen Barwagen übers Grundstück.

 

Jürgens’ Definition des Jetsets: „Man muss im Jahr mindestens 20.000 Meilen geflogen sein, um dazuzugehören. So ist es.“ Privatjets flogen die Reichen und Berühmten dorthin, wo die Märchenkaiserin Soraya, die Krupps, von Bismarcks und de Rothschilds, Rainier und Gracia von Monaco, Alain Delon oder Gina Lollobrigida zu Parties einluden und Hof hielten. Sie flogen nach St. Moritz in ihre Chalets zum Skiurlaub, nach Cannes zu den Festspielen, nach Monaco zum Grandprix und nach Acapulco – nun, einfach so. Die tropezianische Menagerie zog Reporter aus aller Welt an. Hier an der Riviera wurden die News und Stories aufgesammelt, die in der ganzen westlichen Welt über den Ticker Verbreitung fanden, hier entstand das Berufsbild der Paparazzi. Wenn man in St. Tropez Bäume schüttelt, regnet es Teleobjektive, hieß es. Sachs erinnert sich: „Fotografen brüllten, pfiffen und johlten B-r-i-s-h-i-t-t-e, Kameras fielen zu Boden, man hörte das Splittern zerbrechender Objektive, die Schmerzensschreie von Verletzten.“

 

Der originale „iiih – iiih“-Kreischsound der Sixties war außerhalb von Musikklubs nur hier zu hören. Jetset und Paparazzi trafen aufeinander und manchmal war gar nicht klar, wer zu welcher Gruppe gehörte. Mit der Zeit wuchs so etwas wie eine Hassliebe zwischen Jetset und Journaille. Der Jetset spielte mit, er wollte sich in den Gazetten sehen und lud Klatschreporter zu seinen Parties. Einer der berühmtesten, Michael Graeter, gründete bei „Münchner Abendzeitung“, „Bild“ und „Bunte“ seine ganze Existenz darauf, über die besten Kontakte in den Jetset zu verfügen. „Die Frauen haben Gobelins von den Wänden gerissen und zu Kostümen verarbeitet“, berichtet Graeter von einer Party bei Helmut Berger, „andere haben sich an Kronleuchtern durch den Raum geschwungen.“

Michael Graeter, der sich noch heute rühmt, die Liaison zwischen Brigitte Bardot und Gunter Sachs aufgedeckt zu haben, sollte selber zur Legende werden. Als Baby Schimmerlos verewigte ihn Helmut Dietl in den 80er Jahren in der TV-Serie „Kir Royal“. Sein Geld investierte Graeter in die Gastronomie, verdiente zeitweilig so gut wie die Stars in seinen Spalten der „Bunte“, doch irgendwann musste der Chefredakteur gehen und mit ihm auch Graeter. Bis 2007 hielt er den Schein des Dolce Vita aufrecht, dann wurde er wegen Insolvenzverschleppung und Veruntreuung festgenommen. Spätestens mit dem traurigen Abgang Graeters war der Jetset endgültig Vergangenheit geworden, ferne Vergangenheit.

 

Und wer folgt nach?

 

„Das Terrain ist verbrannt“, befindet Michael Graeter. Über die, die heute im Rampenlicht stehen, sagt er: „Das sind keine Prominenten, das ist der Streichelzoo des Nichts, das Ballett der Bedeutungslosen.“ Hotelerbinnen, Ex-Freundinnen und Sportprofis, diverse „Superstars“ und Container- oder Dschungelcamp-Insassen tanzen da mit, lassen sich auch mal an den legendären Schauplätzen fotografieren. Im Strandklub „Nikki Beach“ in St. Tropez gilt heute noch: Die erste Flasche Champagner wird in den Pool gespritzt, die zweite darf konsumiert werden. Aber sonst gilt nicht mehr viel hier bzw. gilt nicht viel, wer hier ist. Doch wer käme in Frage als neues Jetset-Personal? Was ist mit den jungen Ackermanns und Sixts? „Die sind doch in Münchens Promiklub P1 unterwegs“, wehrt Graeter ab. Und ob sie mitspielen, sei eine andere Frage. „Die Gloria von Thurn und Taxis hat mir mal gesagt: ,Wir wollen nicht in einem Atemzug mit diesen Dschungelcamp-Bewohnern genannt werden. Ehrlich nicht.‘“

Ungemach droht den Pseudos von heute allerdings nicht nur aus ihrem schwindenden Ansehen, sondern auch ganz praktisch und just an ihrem Wallfahrtsort. Jean-Pierre Tuveri, der Bürgermeister von St. Tropez, will dem neuen Jetset – oder was sich dafür hält – in seinem Dorf „Grenzen aufzeigen“ und gegen ausufernde Hubschrauberflüge und den geplanten Ausbau des Yachthafens vorgehen. Ganz entschlossen. Bis ein neuer Gunter Sachs auftaucht …

 

MICHAEL HOPP FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

ST. TROPEZ – SCHÖNER WOHNEN:

Fläche: 11 km²

Einwohner: ca. 5.600

Besucher: 5 Mio. pro Jahr; 80.000 täglich (Sommer)

Strände: 12 km

Verkehrsanbindung: Segelboot- und Yachthafen, Helikoptertaxi, kein Bahnhof

Immobilien: durchschnittlich 10.000 Euro pro Quadratmeter

Nachbarschaft: Schwedens Königsfamilie, Roman Abramovitch, Giorgio Armani, Familie Beckham, Angelina Jolie und Brad Pitt …

 

Kategorien: August 2010