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NEUORDNUNG DER WELT

Wie Fledermäuse hängen sie von der Decke herab. Ein rußverschmiertes Ensemble aus Drahtkörben, düster, durchbrochen nur von einigen Lichtreflexen: hier ein gelb herausstechender Bauarbeiterhelm, dort ein Paar orangefarbener Knieschoner, blassgrüne Gummischlap-pen, eine grellleuchtende Warnweste. "Hamm, Bergwerk Ost" heißt die Fotografie, die im Jahr 2008 im Vorfeld einer großen Retrospektive "Andreas Gursky. Werke 80-08" entstand und für die der Fotograf die letzte Kokskohlezeche des Ruhrgebiets besuchte. Er fotografierte dort in den Waschkauen, in denen die Bergarbeiter ihre Zivil- und Arbeitskleidung in Körben unter der Decke aufbewahren, wenn sie unter Tage oder in den Feierabend gehen. Zurzeit ist das Bild im Rahmen des Kulturprogramms der RUHR.2010 in der Ausstellung "Ruhrblicke" in Essen zu sehen. Unprätentiös hängt es dort zwischen den weißen Stellwänden des Sichtbetonkubus‘ der japanischen Pritzker-Preisträger SANAA, auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Zollverein.

Eine Hommage an die Region, die Arbeiter, das Ruhrgebiet, dieses Geflecht vermeintlich grauer Städte im Westen der Republik: Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm. Migrantenhochburgen, Arbeitermilieu. Pommesbuden und Eckkneipen, in denen man sich ruhig auch mal im Jogginganzug blicken lassen darf. "Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau, du liebst dich ohne Schminke, bist ’ne ehrliche Haut", besang Herbert Grönemeyer 1984 sein Bochum. Der krude Charme der Region, die wie wohl keine andere in Europa für eine Authentizität steht, nach der die Kunst lechzt, zieht längst Kulturschaffende aus aller Welt an. Nicht erst mit der RUHR.2010 ist das Ruhrgebiet zum Kulturgebiet geworden.

Der teuerste lebende Fotokünstler der Welt.

Andreas Gursky ist mit dieser Region aufgewachsen, wenngleich der gebürtige Leipziger in der angrenzenden Modestadt Düsseldorf groß wurde. Bereits sein Großvater war Fotograf, und auch Vater Willy, der mit seiner Familie 1957 aus der DDR nach Düsseldorf floh, betrieb Ateliers für Werbefotografie in Essen und Düsseldorf. Zwei Städte, die auch für Andreas Gursky zu Fixpunkten werden sollten. Nach einem ersten Studium an der Essener Folkwangschule wechselte er 1980 zu Bernd Becher an die Düsseldorfer Kunstakademie, wo er 1985 einer seiner Meisterschüler wurde. Damals hätte sich der junge Fotokünstler nicht träumen lassen, jemals von seiner Kameraarbeit leben zu können, heute trägt Andreas Gursky den Titel "teuerster lebender Fotokünstler der Welt". Seine Fotografie "99 Cent" (1999), welche die grellbunten Regalreihen eines amerikanischen Billigsupermarktes in Szene setzt, erzielte im Frühjahr 2006 bei Sotheby’s 2,26 Millionen Dollar. Inzwischen wird sie mit über drei Millionen gehandelt.

Was macht sie so besonders, die Kunst des Andreas Gursky? Vielleicht die Unverfrorenheit des Künstlers. Der unbeugsame Gestaltungswille, mit dem er seine Aufnahmen manipuliert, bis sie zu den Werken werden, welche die Welt als "Big Prints" im Museum bewundert. Denn im Gegensatz zum Ansatz seines Lehrmeisters Becher, der, zusammen mit seiner Frau Hilla, mit Typologien von Industriebauten berühmt wurde, ist die Fotografie für Gursky kein Medium zur Abbildung der Welt, sondern eine Aufforderung, diese Welt zu interpretieren und sie neu zusammenzusetzen. Nutzte Gursky die Möglichkeiten der digitalen Retusche Anfang der 1990er-Jahre noch, um seine Bilder zu bereinigen, um der abgebildeten Realität kleine Fehler auszumerzen, so ist ihm die Bearbeitung seiner Foto-grafien inzwischen ein Mittel zur Neuordnung der Gegenwart geworden.

Einer Gegenwart, an deren Realität er sich orientiert, um ihr Elemente zu entziehen und diese neu zu sortieren, künstlich nachzustellen oder zu verdoppeln. Unbekümmert spielt er mit den Grenzen seines Mediums und nimmt sich die Freiheit, die Welt nach seinem Gusto zurechtzurücken. Dies, ohne seine Manipulation zu kaschieren, und doch auf so geschickte Weise, dass er es immer wieder schafft, den Betrachter in Erstaunen zu versetzen. So entdeckt, wer genau hinschaut, unter der Rebe der Bergarbeiterkleidung in "Hamm, Bergwerk Ost" schemenhaft den nackten Oberkörper eines Mannes. Wie im Regen steht er hinter den feinmaschig herabperlenden Ketten, mit denen die Waschkauenkörbe unter der Decke befestigt sind. Na klar, ein Kumpel aus dem Pott, wird man denken. Weit gefehlt! Ein portugiesischer Fliesenleger ist es, der bei Gursky einen Terrazzoboden verlegte und den der Fotograf kurzerhand als Körpermodell engagierte. Digital entkleidet und zurechtradiert, wurde der Mann im bunten T-Shirt dann zu einem jener Originale, die beim Wechsel von der Weißkaue für die Zivilkleidung, in die Schwarzkaue für die Arbeitskleidung, nackt an Gursky vorbeiliefen, während dieser die Kleiderkörbe fotografierte.

Alles unter Kontrolle.

Gursky hat die Welt gerne unter Kontrolle. Er selbst aber entzieht sich ihr am liebsten. Kunsthistoriker Werner Spies spricht von einer "Berührungsangst", die das Wesen Gurskys ausmache und von einer "Reserviertheit", die in seinen Werken "alle Zeit sichtbar" sei. Fakt ist, Andreas Gursky macht sich rar. So stößt, wer im Internet nach einem Atelier Gursky sucht, eher noch auf Vater Willy als einen Hinweis auf die Schaffensstätte von Sohn Andreas zu finden. Oder er landet direkt in Berlin oder London, bei Gurskys Galeristen Sprüth Magers. Gurskys großformatige Bilder von oft mehreren Metern Kantenlänge, kennen keine Empathie. Der Mensch verschwindet in ihnen.

Ließen frühere Werke noch die Anwesenheit von Personen zu, so haben sich die jüngeren immer weiter vom Individuum distanziert. Gurskys Fotografien sind entweder vollkommen entvölkert oder sie präsentieren den Menschen entmenschlicht, als Teil einer Masse. Wie die eindrucksvolle Serie "Pyong-yang" (I-V, 2007), die menschliche Körper in floralen oder martialischen Ornamenten zu Ehren des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il aufgehen lässt. Dabei wählt der Fotograf häufig eine Perspektive, die Werner Spies als "Google-Earth-Blick" bezeichnet. Der global denkende Gursky betrachtet die Welt am liebsten aus der Distanz, schaut von oben auf sie herab. So auch auf die Inselgruppe "The World", die Sheikh Mohammed Bin Rashid Al Maktoum vor der Küste von Dubai aufschütten ließ und deren sterile Künstlichkeit Gursky in seinen Fotografien "Dubai World" (I-III, 2007-2008) verdoppelt.

Ein malender Fotograf.

Schaute Klassenkamerad Thomas Ruff Ende der 80er, Anfang der 90er zu den Sternen auf, wie in seinem bekannten Werk "Sterne, 11h 00m-75 Grad" (1990), so wählt Gursky heute die Gegenperspektive. Seine jüngsten Arbeiten "Ocean" (I-VI) stellte er kürzlich bei Sprüth Magers in Berlin aus. Sie zeigen die Meere unserer Welt auf mehreren Metern Länge und sind aus Satellitenaufnahmen generiert. Viel höher hinauf geht es nicht mehr. Andreas Gursky ist keiner, der schnell aus der Hüfte schießt. Er arbeitet mit Bedacht, seinen Werken gehen stets ausgiebige Recherchen voraus. "Es ist keine reine Fotografie, was ich mache", beschreibt der Fotograf das eigene Werk. Es ist vielmehr die freie Komposition, die seine Kunst ausmacht. Diese wird deshalb auch gern Malerei genannt und ihr Schöpfer malender Fotograf. Immer wieder fallen Vergleiche mit Werken des Frühromantikers Caspar David Friedrich oder auch mit der Minimal-Art eines Dan Flavin.

Zu Beginn des Sommersemesters 2010 kehrte Gursky an seine alte Ausbildungsstätte zurück, die Kunstakademie Düsseldorf. Dort hat er nun eine Professur für Freie Kunst inne – ein Posten, zu dem er sich jedoch noch nicht äußern möchte. Vorerst nicht.

MAIKE VAN SCHWAMEN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

Die Becher-Klasse: Die Fotoschule von Bernd Becher († 2007) an der Kunstakademie Düsseldorf wird als neue, einflussreiche Kunstrichtung gewertet und in ihrer Bedeutung sogar mit dem Bauhaus verglichen. Ihre Absolventen, neben Andreas Gursky zum Beispiel Candida Höfer, Jörg Sasse, Elger Esser, Thomas Ruff oder Thomas Struth, sind weltweit erfolgreich und verkaufen ihre Werke zu Höchstpreisen.

Kategorien: August 2010