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ELVIS LEBT!

Used by permission, Elvis Presley Enterprises, Inc.

Used by permission, Elvis Presley Enterprises, Inc.

Als die Nachricht von seinem Tod am 16. August 1977 um die Welt eilte, wollte es keiner glauben: Elvis Presley war nur 42 Jahre alt geworden. Man hatte ihn aus den Augen verloren, er war nicht mehr der strahlende Jüngling von 1956, nicht mehr der fesche Soldat von 1960, nicht mehr der revitalisierte Lederhosenrocker von 1968. Zuletzt hatte man ihn bei der Übertragung seines Konzerts „Aloha From Hawaii“ gesehen, das war 1973, und da steckte er aufgeschwemmt in seinem pompösen Strampelanzug und ließ sich von den weiblichen Fans vor der Bühne den Schweiß abtupfen.

 

Es war ein groteskes Schauspiel, aber auch ein beeindruckendes. Noch immer flink auf den Beinen dirigierte Elvis die Band und die Background-Sänger mit Kopfnicken. Ein König regierte auf der Bühne, ein eiliger König, der sich alsbald wieder in die Gemächer zurückziehen wollte, wo ihm Mixturen von Medikamenten injiziert wurden – Vitamine, Barbiturate, Aufputschmittel. Elvis konnte schlecht einschlafen, doch er wurde auch nicht mehr richtig wach. Sein Anwesen Graceland glich einem Totenhaus, nachdem Priscilla – seine große Liebe – ihn verlassen hatte und wechselnde Gespielinnen ihm im Schlafzimmer beiwohnten. Tourneen wurden von seinem Manager Colonel Tom Parker gebucht, weil Elvis dringend Geld brauchte. Doch das Geld reichte nie, denn immer neue Schmarotzer profitierten von Elvis, der selbst kein Maß mehr kannte. Manches Konzert nach 1975 geriet so schauerlich, dass er ausgebuht wurde. Erst mit seinem Tod wurde Elvis Presley wieder zum König. Und blieb es.

 

Ein Star war geboren.

 

Elvis Aaron Presley kam am 25. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi, als Sohn des Fabrikarbeiters Vernon und der Näherin Gladys zur Welt. Elvis war ein braves Kind und aus Liebe zu seiner Mutter ging er 1953 in ein Aufnahmestudio, sang „My Happiness“, ließ es auf Platte pressen und schenkte die Aufnahme seiner Mom zum Geburtstag. Ein Jahr später erinnerte sich die Sekretärin an den jungen Mann und empfahl ihn dem Studio- und Label-Eigner Sam Phillips. Der engagierte den Burschen, der mittlerweile einen Lastwagen fuhr, prompt und nahm mit ihm unter seinem Label Sun-Records bereits 1954 die ersten Singles auf – mit wachsendem Erfolg. Phillips verkaufte im November 1955 den Vertrag mit Elvis an RCA Victor, woraufhin eine Single nach der anderen zum Hit wurde, bis sich der konservative Ed Sullivan gezwungen sah, den Halbstarken mit dem Hüftschwung in seine Fernseh-Show einzuladen.

 

Nun brach eine Hysterie los, die man seit den frühen Tagen Frank Sinatras nicht erlebt hatte. Im ganzen Land probte die Jugend den Aufstand, tanzte Rock ’n’ Roll und schaute im Kino schlichte Elvis-Filme wie „Jailhouse Rock“ und „King Creole“. 1958 wurde Elvis zum Militär einberufen und nach Übersee verschifft – stationiert wurde er in Deutschland. Mit seiner Entourage bezog er sein Quartier in einer großzügigen Villa in Bad Nauheim. Dort kannte man dank Amphetaminen keine Nächte, und an deutschen Frolleins mangelte es nicht. Es war aber die erst 14-jährige Tochter eines Armee-Hauptmanns, Priscilla Beaulieu, die es Elvis angetan hatte. Sie folgte ihm 1960 heim nach Amerika. 1967 fand die Heirat statt, natürlich in Las Vegas.

 

Nach dem Tod kam der Kult.

 

In der Zwischenzeit hatte Colonel Parker neue Elvis-Singles veröffent-licht, die vor dem Militärdienst aufgenommen worden waren. Doch die Beatles und andere britische Bands veränderten die Popmusik von 1963 an grundlegend; Presleys Platten erreichten keine hohen Platzierungen mehr, die immer billigeren Filme waren zu Lachnummern verkommen. 1970 zeigte ihn „That’s The Way It Is“ als sonnenbebrillten Herrscher von Las Vegas. Was nicht zu sehen war: Sein Leibarzt verabreichte ihm willkürlich Drogen, Elvis beleidigte Vertraute und fuchtelte mit Pistolen herum. Sein Verhalten wurde erratisch; er ließ diverse Frauen im Privatflugzeug durch Amerika reisen und weinte sich bei ihnen aus. Das Ende ereilte ihn im Badezimmer, das er zu einem Prunkraum ausgebaut hatte. Elvis Presley starb in Graceland an Herzversagen – und es war kein Buch über Jesus, das er in den Händen hielt.

Der Kult um den toten Elvis stellte beinahe in den Schatten, was der lebende am Anfang seiner Karriere ausgelöst hatte. Die verkauften Platten haben eine Milliarde überschritten, zu jedem runden Geburts- und Todestag werden neue Editionen aufgelegt. Zum 20. Todestag im Sommer 1997 sendete das Fernsehen die ganze Nacht hindurch Elvis-Dokumentationen. „That’s The Way It Is“ kam in einer restaurierten Fassung noch einmal in die Kinos, der alte Song „A Little Less Conversation“ wurde digital erneuert und ein großer Hit. Und sprichwörtlich geworden ist der immer wiederkehrende Witz, dass Elvis irgendwo in Alabama an einer Tankstelle arbeitet. Irgend jemand will ihn immer gesehen haben.

 

Elvis war der erste globale Popstar, eine Ikone und ein Archetypus. Es gibt Myriaden von Parodien und Elvis-Imitatoren. Schon die vierte Generation entdeckt heute sein Genie. „Wir werden uns über nichts mehr so einig sein, wie wir uns bei Elvis einig waren“, schrieb der Musikjournalist Lester Bangs zum Tode Elvis Presleys. Im vergangenen Januar wäre der berühmteste Sänger der Rockmusik 75 Jahre alt geworden. Am 16. August werden wiederum zahllose Menschen an ihn denken – und damit an die schönsten Momente ihres Lebens.

 

ARTE-GASTAUTOR ARNE WILLANDER, REDAKTEUR DES „ROLLING STONE“ FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: August 2010