Bonjour Sagan

Etienne George

Etienne George

Gleich ihr erstes Buch machte sie zum Mythos. „Bonjour Tristesse“ war ein Weltbestseller, mit ihm wurde Françoise Sagan zur Kult- wie zur Skandalautorin. Sie war Teil des mondänen Paris ihrer Zeit, pflegte Freundschaften mit François Mitterrand und Jean-Paul Sartre, und sorgte neben mehr als 40 erfolgreichen Romanen und Theaterstücken für immer neue Schlagzeilen über ihre Verschwendungssucht und Drogenexzesse. Der Film „Bonjour Sagan“ fängt das schicksalhafte Leben der charismatischen Schriftstellerin ein. Gespielt wird sie von Sylvie Testud, bekannt aus „Jenseits der Stille“, die sich Sagan in vielem sehr nahe fühlt.

 

ARTE: War die Rolle der Françoise Sagan eine Herausforderung für Sie?
Sylvie Testud: Ja, denn uns fehlt der historische Abstand. Ich kannte von ihr lediglich „Bonjour Tristesse“, hatte sie als alt und intellektuell in Erinnerung. Doch als ich recherchierte, beschrieben die Leute sie als jung, zierlich und aufgeweckt. Ich hatte den Eindruck, außer mir habe sie jeder in Frankreich kennengelernt. Vielleicht, weil sie ihrem Gesprächspartner immer das Gefühl gab, er sei gerade die wichtigste Person in ihrem Leben.

ARTE: Was an Sagan hat Sie ganz besonders berührt?
Sylie Testud: Mir gefällt, dass sie nicht wirklich intellektuell war. Darin ist sie mir ähnlich. Sie war spontan, sensibel, feinfühlig und humorvoll, eine Art weiblicher Dandy. Das Schreiben fiel ihr sehr leicht – manchmal zu leicht, vor allem, wenn sie Geld brauchte. Über ihre Bücher sagte sie: „Ach, wenn ich die nicht so hinpfuschen würde, wären sie viel besser.“ Da ist dieser Hauch von eleganter Dekadenz. Mir gefiel auch, dass sie nie Forderungen stellte. Sie kämpfte für den Feminismus, lebte, wie sie wollte und überließ es den anderen, sie zu beurteilen – als vulgär, frei, wie auch immer. Sie saß in ihrem Auto, Zigarette zwischen den Lippen, und war frei.

ARTE: Gibt es da Gemeinsamkeiten mit Ihnen? Leben Sie auch so intensiv?
Sylvie Testud: Als mir die Rolle angeboten wurde, war ich überrascht, denn ich sah kaum Gemeinsamkeiten. Ich mag das Landleben und habe keine wirklich bürgerliche Kultur. Aber in vielem sind wir uns doch ähnlich: Wie sie mag ich keinen Champagner, nur Jack Daniel’s. Wie sie begeistere ich mich für schnelle Autos, und wenn ich viel Geld hätte, besäße ich ebenfalls einen Aston. Ich habe die schlechte Angewohnheit, so zu tun, als gäbe es so etwas wie Geld nicht. Ich glaube, dass ich arm sterben werde – wie sie. Sagan sagte einmal sehr schön: „Ich habe kein Luxusleben, sondern ein Traumleben.“

ARTE: Glauben Sie, dass Sagan mit diesem maßlosen Lebenshunger einen Mangel kaschieren wollte?
Sylvie Testud: Gelangweilt hat sich Sagan bestimmt nicht – nicht mit diesem Temperament. Sie hatte Angst, nicht hundertprozentig zu leben. Ich glaube, sie war sich ihrer Sterblichkeit sehr bewusst.

ARTE: Mit ihrer widerspenstigen Haarsträhne, ihren Attitüden und der Vermischung von Privatem und Öffentlichem war Sagan ein echter Star ihrer Zeit. Sind auch Sie mit dem Starrummel konfrontiert?
Sylvie Testud: Ja, zu bestimmten Gelegenheiten wie den Filmfestspielen von Cannes. Das ist aber nur eine weitere Rolle: Ich kaufe mein Kleid, wähle Visagisten und Friseur aus, sehe nach, wann ich die Stufen zum Filmpalast hinaufsteigen muss. Es sind die anderen, die einen mit ihren Blitzlichtern und ihrer Bewunderung zum Star machen. Sagan war als Star allerdings etwas ganz Besonderes: Unabhängig von der Zahl ihrer ver-kauften Bücher liebten die Menschen sie fast mehr ihrer Persönlichkeit als ihrer Literatur wegen.

ARTE: Sagan sagte: „Der Ruhm ist wie eine Explosion.“ Auch Sie sind von einer Unbekannten zum Star geworden. Können Sie den Vergleich nachvollziehen?
Sylvie Testud: Keine Explosion, eine Atombombe! Aber ich fand alles wunderbar. Es gab keine bösen Menschen mehr. Ich durfte alle Autos ausprobieren – musste sie nur leider zurückgeben. Die Sagan fuhr sie einfach zu Schrott. Vor allem in sehr jungen Jahren ist Ruhm wie eine zweite Pubertät. Erst später relativiert sich alles.

ARTE: Mit einem Kasinogewinn kaufte sich Sagan eine Villa. Endlich hatte sie ein Zuhause! Ist das wichtig?
Sylvie Testud: Ohne mein Zuhause würde ich verrückt werden. Eine Lebenswelt, wo die Leute vorbeikommen und sich wohlfühlen, mit breiten Sofas, großem Kühlschrank, einem Klavier und vielen Zimmern, in denen man spielen kann. Das ist wie eine Identität.

ARTE: Bevor Sie in Frankreich zum Star wurden, haben Sie in Deutschland gespielt. Wie kam das?
Sylvie Testud: Als Geschichtsstudentin in Paris geriet ich in einen deutschen Film, ohne die Sprache zu sprechen. In Deutschland entdeckte ich dann, dass mir die Schauspielerei wirklich gefiel. Damals lernte ich die Regisseurin Caroline Link kennen und wir hatten ein großartiges Gespräch: „Sprichst du Deutsch?“ „Nein.“ „Kannst du Klarinette spielen?“ „Auch nicht.“ „Kennst du einen Taubstummen?“ „Nein.“ „Dann sollten wir den Film zusammen machen – wenn du verrückt bist.“ Das Ergebnis war „Jenseits der Stille“.

ARTE: Was hat Françoise Sagan den Franzosen heute zu sagen?
Sylvie Testud: Sehr Vieles: „Kämpfe für deine Freiheit, aber ohne Kraft und Gewalt. Intelligenz ist nicht zwangsläufig ein Makel. Weiblichkeit sollte man weder unterdrücken, noch um jeden Preis durchsetzen.“ Sagan hat eine große Lücke hinterlassen.

ARTE: Und den Deutschen?
Sylvie Testud: Sagan würde die Ordnungsliebe verabscheuen. Mich hat man einmal ermahnt, wegen der Kinder nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, obwohl weit und breit kein Kind zu sehen war! Wobei die Franzosen unter der aktuellen Regierung auch zu kleinen Polizisten werden – versuchen Sie nur, in Paris falsch zu parken. Aber Berlin hätte Sagan gemocht: Es ist voller sympathischer, leicht durchgeknallter Typen. Sie hätte gesagt: „Oh, hier ist es ja ekelhaft! Können wir an-
halten?“

 

DAS GESPRÄCH FÜHRTE PIERRE-OLIVIER FRANçOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

FRANÇOISE SAGAN – KURZBIOGRAFIE:

 

Geboren in Cajarc am 21. Juni 1935 in eine wohlhabende Industriellenfamilie;

Literaturstudium an der Pariser Sorbonne;

1954 erschien ihr erster Roman „Bonjour Tristesse“ – ein Bestseller;

Ein schwerer Autounfall 1957 führte in eine lebenslange Drogensucht;

Zwei Ehen und Scheidungen;

1962 Geburt ihres Sohnes;

In den 90ern Verurteilung wegen Drogendelikten und Steuerhinterziehung;

Starb 2004 an einer Lungenembolie

 

Kategorien: August 2010