FRANKREICH LIEGT AM ÄQUATOR

Nach acht Stunden Flugzeit ab Paris, quer über den Atlantik, kommt endlich Land in Sicht. Die Maschine segelt in sanftem Halbkreis über ein grünes Meer aus Blättern und Bäumen. Jetzt begreift man allmählich, was die Angabe aus dem Reiseführer bedeutet "besteht zu etwa 90 Prozent aus Regen-wald". In Französisch-Guayana, in Süd-amerika nördlich von Brasilien, liegt das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas. Ein Paradoxon, das dennoch möglich ist: Französisch-Guayana ist ein Département d’Outre-Mer (DOM). Das Land gehört also politisch und wirtschaftlich zu Kontinental-Frankreich – und ist somit Teil der EU. Die Einreise in diese französische Enklave in Südamerika gestaltet sich deshalb angenehm unbürokratisch, es genügt ein Personalausweis. Beim Aussteigen aus der klimatisierten Maschine läuft man jedoch augenblicklich gegen eine tropische Wand: 31 Grad Celsius bei 91 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dieser Klimaschock macht den Reisenden zu schaffen, dem achtköpfigen X:enius-Team aus Berlin steckt die Kälte des Frühjahrs 2010 noch in den Gliedern. Nur Moderator Pierre Girard wusste, was ihn erwarten würde, schließlich lebte und arbeitete der gebürtige Straßburger von 2002 bis 2005 als Journalist in Cayenne, der Hauptstadt Französisch-Guayanas. Für sein Team und seine Moderationskollegin Dörthe Eickelberg hatte er deshalb gleich die richtigen Tipps parat: nicht ohne Kopfbedeckung in der sengenden Äquatorsonne spazieren gehen und immer Lichtschutzfaktor 50 auftragen!

Raketen starten aus dem Regenwald

Damals wie heute weckte Pierre Girards journalistisches Interesse vor allem eine außergewöhnliche Einrichtung, die man in dieser strukturschwachen Region zunächst nicht erwarten würde: der Weltraumbahnhof in Kourou, den die europäische Weltraumbehörde ESA zusammen mit der französischen Raumfahrtbehörde CNES im Nordosten des Landes betreibt. Von dort aus starten regelmäßig die Ariane-Raketen ins All, der fliegende Beweis für Europas technische Ebenbürtigkeit mit den einst auf diesem Gebiet übermächtigen Vereinigten Staaten. Die Raketen im Regenwald sind auch diesmal einer der Gründe, warum der "X:enius"-Moderator nach Französisch-Guayana gekommen ist. Sechs Folgen will das ARTE-Wissensmagazin hier drehen, die über Französisch-Guayanas Besonderheiten berichten. Der Weltraumbahnhof in Kourou ist eine davon. Darüber hinaus widmet sich "X:enius" den Heilpflanzen, die hier im Regenwald zu finden sind. Außerdem lernen Dörthe Eickelberg und Pierre Girard von den letzten Eingeborenen des Landes, wie Einbäume gebaut werden, und besuchen die Reisfelder vor Ort, die Frankreichs zweitgrößte Reisanbauregion bilden.

Das Urlaubsparadies hat Tücken

Französisch-Guayana ist ein Land, das eigentlich alle Zutaten eines typischen Urlaubsparadieses hat: lange Sandstrände, gesäumt von Kokospalmen, Wassertemperatur ganzjährig bei mindestens 28 Grad, eine exotische Tier- und Pflanzenwelt im tropischen Regenwald – und auf der Speisekarte. Ein nennenswerter Tourismus hat sich trotzdem nicht entwickelt. Das Meer birgt tückische Strömungen, die Strände sind nicht überwacht, Baden erfolgt immer auf eigene Gefahr. Es gibt keine Eisenbahn, keinen Busverkehr, und wer durchs Land reisen möchte, muss sich einen Mietwagen nehmen. Der größte Teil der Europäer kommt wegen der Raketenstartbasis in Kourou. Besonderen Zulauf hat das Land immer dann, wenn ein Raketenstart ansteht. Dann reisen – schon Wochen zuvor – Ingenieure und Wissenschaftler an.

Die Äquatornähe sorgt für Schwung

Es ist die günstige Lage in Äquatornähe, die Kourou zum idealen Startpunkt für einen Flug in den Orbit macht. Am Äquator ist die Erdbeschleunigung am größten, von hier aus starten die Raketen mit dem maximalen Schwung auf ihre Reise ins All. Das physikalische Phänomen kennt man auch als Karussell-Effekt: Steht man auf einem sich drehenden Karussell am Außenrand, so ist die Fliehkraft, die einen nach außen zieht, viel höher als wenn man innen steht, nahe der Achse.
Der geographischen Lage zum einen und der düsteren Vergangenheit als französische Kolonie zum anderen verdankt Französisch-Guayana heute die üppige Alimentierung durch das französische Mutterland. Aus Paris flossen im Jahr 2009 knapp eine Milliarde Euro ins Land – ein großer Teil ins Centre Spatial Guyanais, wie der Weltraumbahnhof offiziell heißt, die anderen Teile in Kommunalverwaltung und militärische Sicherung der Landesgrenzen, die zugleich die Außengrenzen Europas bilden. Zu einem großen Teil ist die mythenumrankte Fremdenlegion mit dieser Aufgabe betraut. Außerdem unterhält sie hier ein Dschungelcamp: Weit im Landesinneren werden Einzelkämpfer der französischen Armee, der amerikanischen Marines, der deutschen GSG 9 und anderer Elitetruppen ausgebildet. Der Reisende merkt davon allerdings kaum etwas.

Die düstere Vergangenheit wurde Legende

Einmal jedoch begegnen die "X:enius"-Moderatoren dann doch einem Trupp grimmig dreinschauender, tätowierter Legionäre auf dem "Archipel der Verdammten". Diese Inselgruppe beherbergte bis 1951 ein französisches Gefängnis mit berüchtigten unmenschlichen Haftbedingungen. Wer hier seine Haft absitzen musste, erlag meist dem Gelbfieber, der Malaria oder der unerbittlichen Tropensonne. Diese grausamen Umstände bildeten die Vorlage für den 1969 veröffentlichten Roman "Papillon" des französischen Schriftstellers Henri Charrière. Bekannt wurden die autobiografischen Schilderungen auch durch die gleichnamige Verfilmung aus dem Jahre 1973, mit Steve McQueen in der Hauptrolle. Von dieser düsteren Vergangenheit ist heute allerdings wenig zurückgeblieben. Stattdessen präsentiert sich Französisch-Guayana mit einer reizvollen Mischung aus Bekanntem und Exotischem. Ganz selbstverständlich wird überall makelloses Französisch gesprochen und mit Euro bezahlt. Gleichzeitig hört man Kreolisch, Portugiesisch aus dem benachbarten Brasilien, Vietnamesisch der Einwanderer aus Indochina oder indigene Sprachen. Ebenso vielfältig offenbart sich die Speisekarte vieler Restaurants, zum Beispiel mit dem Geheimtipp "Ge-schnetzeltes vom Gürteltier mit Pommes Frites".

MARTIN EHRMANN, REDAKTEUR BEIM MAGAZIN "X:ENIUS" FÜR DAS ARTE MAGAZIN

DOM, TOM & COM

Eine geopolitische Besonderheit: Frankreichs 12 Überseegebiete, die trotz ihrer Entfernung Teile des Staatsgebiets sind.

In den französischen Überseegebieten "La France d’Outre-Mer" leben 2,6 Millionen Franzosen. Strategisch auf drei Ozeane verteilt, garantieren diese Gebiete Frankreich bis heute eine globale Präsenz:

Fünf DOM (Départements d’Outre-Mer), mit demselben rechtlichen Status wie das Festland: Guadeloupe, Französisch-Guayana, Martinique, Réunion, (Mayotte wird 2011 das fünfte DOM werden).

Fünf COM (Collectivités d’Outre-Mer), die sich in ihrer rechtlichen wie administrativen Organisation vom Festland unterscheiden: Französisch-Polynesien, Saint-Barthélemy, Saint-Martin, Saint-Pierre-et-Miquelon und die Inseln Wallis und Futuna.

Ein TOM (Territoire d’Outre-Mer), das die unbewohnten Süd- und Antarktisgebiete, die TAAF (Terres Australes et Antarctiques) umfasst.

Neukaledonien, das über einen Sonderstatus weitestgehender Autonomie verfügt.

ARTE PLUS

FRANZÖSISCH-GUAYANA: Das französische Überseedepartement liegt im Norden Südamerikas am Atlantischen Ozean. Es umfasst eine Fläche von rund 84.000 km² und ist damit etwa so groß wie Österreich. Von den über 206.000 Einwohnern leben etwa 63.000 in der Hauptstadt Cayenne. Die Bevölkerung ist mit durchschnittlich 28,6 Jahren besonders jung.

Kategorien: Juli 2010