DIE STUNDE NULL DES POP

Die Sechziger sind da – ja sie waren nie verschwunden! Der Beweis: Die Rolling Stones zelebrierten auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem Dokumentarfilm "Stones in Exile" ihre wilde Jugend. Gleichzeitig bricht die Neuauflage des Gesamtwerkes der Beatles die Milliardengrenze aller verkauften Alben der Fab Four. Und selbst unter Jugendlichen erfreuen sich Altstars wie Johnny Cash wieder großer Beliebtheit. Dass die Musik der Sechziger immer noch so präsent ist, zeigt nur, wie sehr dieses Jahrzehnt die Popgeschichte geprägt hat.

Pop als Leitkultur

Was in den 1950er Jahren mit den Rebellen Elvis Presley und James Dean bereits begann, erlebte im darauf folgenden Jahrzehnt seine Blüte. Schon Elvis verkörperte mehr als den herkömmlichen Entertainer. Sein Rock’n’Roll stand für jugendliches Aufbegehren und Sexappeal. Die Unterhaltungsindustrie hatte die Jugend als Absatzmarkt entdeckt und mit ihr den Rebellen als Star. Der Pop war geboren und sollte in den Sechzigern zur Leitkultur einer ganzen Generation werden, zum Überbegriff für eine neue Jugendkultur, von Mode bis Design, von Pop Art bis zu alternativen Lebensformen. So kündig-ten sich die politischen Unruhen, die das Jahrzehnt in seiner zweiten Hälfte bestimmen sollten, im Pop bereits an. Nicht, dass die Musik der Beatles und Rolling Stones oder die psychedelischen Trips von Jefferson Airplane und Grateful Dead besonders politisch gewesen wären – doch sie formulierten eine klare Absage auf das Wertesystem der Elterngeneration und der herrschenden Autoritäten. Zu Beginn des Jahrzehnts genügten noch die halblangen Haare der Beatles, um einen Skandal auszulösen. Am Ende mussten härtere Geschütze aufgefahren werden: The Who zertrümmerten ihre Instrumente auf der Bühne, Jimi Hendrix ließ seine Gitarre in Flammen aufgehen, Iggy Pop wälzte sich in Glasscherben und Jim Morrison holte seinen Penis aus der Hose. In einem Zusammenspiel aus sexueller Entfesselung und jugendlichem Neubeginn hatte Popmusik die Funktion eines Kulturkampfes. Wahrscheinlich sind die Sixties deshalb ein so nostalgisch besetztes Jahrzehnt: Die Provokation zeigte noch Wirkung. Als die Rolling Stones 1965 in der Berliner Waldbühne auftraten, demolierten Fans die Sitzbänke und lieferten sich anschließend eine Straßenschlacht mit der Polizei. Pop wirkte auf viele Jugendliche wie ein Ventil – endlich gab es einen Anlass, die angestaute Wut auf die bestehenden Verhältnisse rauszulassen.

Pop wird erwachsen

Stand Pop zunächst für Jugend und Neubeginn, waren die 60er zugleich das Jahrzehnt, in dem Pop erwachsen wurde. Das beste Beispiel hierfür ist die musikalische Entwicklung der Beatles: Zwischen dem braven "Love Me Do" (1962) und den experimentellen, an Karlheinz Stockhausen orientierten Tonbandcollagen auf dem "Weißen Album" (1968) liegen nur sechs Jahre. Und die Beatles waren kein Einzelfall. Im Laufe der Sechziger verabschiedeten sich viele Musiker vom gängigen Format der Hit-Single und schafften den Übergang von der Unterhaltungsmusik zur Hochkultur. Sie wollten als eigenständige Künstler wahrgenommen werden. Platten wie "Pet Sounds" von den Beach Boys und "Revolver" von den Beatles leiteten bereits 1966 die Wende ein. Tonbandschleifen, Alltagsgeräusche und sozialkritische Texte wie in dem Beatles-Stück "Eleanor Rigby", ein Lied über verein-samte alte Menschen, passten so gar nicht mehr ins Teenager-Idyll von schnellen Autos und heißen Küssen. Dies war der Beginn von Pop als komplexer und ambitionierter Kunstform, wie ihn etwa Radiohead oder die isländische Band Sigur Rós heute wieder verstehen.

Die 60er standen ganz im Zeichen des Experiments. Nicht nur in der Musik, in der gesamten Gesellschaft wurde von einer großen Zukunft geträumt, der Flug zum Mond war bereits zum Greifen nahe. Innovation und Veränderung bestimmten alle Kunstformen und Musikstile: Joseph Beuys verhalf dem traditionellen Kunstbegriff mit Happenings zu neuen Ausdrucksformen, die tonale Entfesselung bildete den Free Jazz heraus. Was in der Popmusik passierte, wäre heute undenkbar, kennen wir Regelverstöße doch allemal von Independent-Künstlern am Rande der Musikindustrie. Damals waren es Superstars, die es wagten, sich von den Wünschen der Plattenfirma und des Managements freizumachen – und trotzdem Superstars bleiben konnten. Folglich ließen sich sogar mit sperriger Musik große Stadien füllen: Frank Zappas musikalische Klang-Demontage zwischen Rock, Free Jazz und Neuer Musik fand ebenso ein Millionenpublikum wie die nölende Stimme eines Bob Dylan, die ein Kritiker einmal mit einer rostigen Gießkanne verglichen hatte. Formales Experiment, rebellische Geste und kommerzieller Erfolg schlossen einander nicht aus, sondern bedingten sich sogar und wurden nun unter dem Schlagwort Underground zusammengefasst. Die großen Plattenfirmen stellten junge Talentscouts ein, um sich gegenseitig mit möglichst eigenwilligen Neuzugängen zu überbieten. Jack Endino, Produzent von Nirvana und Mentor der Grunge-Bewegung, brachte die-se Besonderheit der 60er drei Jahrzehnte später auf den Punkt: "Heute müsste Jimi Hendrix auf einem kleinen Label wie Sub Pop veröffentlichen. Bei großen Firmen hätte er keine Chance mehr, die würden seine Musik gar nicht mehr begreifen."

Sixties-Nostalgie

Geht man heute auf ein Rolling-Stones-Konzert, ist vom rebellischen Waldstadion-Flair von 1965 nichts mehr zu spüren. Nach der Band ist längst ein Mittelklassewagen benannt worden. In der Sehnsucht nach den 60ern kommt deshalb ein Gefühl von Verlust zum Ausdruck. Zum einen, weil Pop an politischer Wirkung eingebüßt hat und als Generationenkonflikt schon lange nicht mehr taugt. Zum anderen, weil es heute an den großen, schillernden Leitfiguren fehlt, deren Musik mit einer Vision verbunden ist. Die Sixties hallen im gegenwärtigen Pop wie ein Echo aus fernen Zeiten nach. Erfolgreiche Independent-Bands wie Arctic Monkeys und Franz Ferdinand erinnern an den einfachen, harten Beat der Kinks und Small Faces, die Videos von MGMT schillern in opulenter Psychedelic-Ästhetik. Der derzeitige Boom von Country und Folk knüpft an das New Folk Movement an, das Musiker wie Bob Dylan, Joan Baez und Johnny Cash ausgelöst hatten. Von der Dringlichkeit und dem Willen zur Veränderung, die all das einmal ausstrahlte, ist im posthistorisch gewordenen Pop jedoch wenig übrig. Umso mehr sind die Sixties heute Inbegriff für das Gemeinschaftsgefühl einer progressiven Bewegung geworden, die die Welt verändern wollte.
Die Zeit der unangefochtenen Superstars endete mit dem Tod von Michael Jackson, dessen Karriere als Kinderstar in den 60ern begann. Plötzlich war klar, dass es solche Ikonen im Pop auf absehbare Zeit nicht mehr geben wird. Bis Anfang der 90er Jahre hatte Pop in immer neuen Wellen neue Stars geschaffen, meist in Abgrenzung zur Vorgängergeneration. Zudem definierte ab Anfang der 80er Jahre das Musikfernsehen MTV einen globalen Mainstream. Über Jahrzehnte lösten sich Stile und Bewegungen im Pop ab. Mit der Verbreitung des Internets und kreativen Plattformen wie MySpace und Youtube ist dies vorbei. Pop hat sich bis zur Unübersichtlichkeit ausdifferenziert. Immer mehr Bands strömen auf den Markt, der unzählige Nischen gebildet hat. Selbst der Mainstream ist dadurch zu einer Nische unter vielen geworden. Historische Wegmarken, wie sie von den Beatles und Rolling Stones einmal gesetzt wurden, sind nicht mehr in Sicht. Gerade deshalb erfreuen sich die 60er wohl solcher Beliebtheit, handelte es sich doch um ein Jahrzehnt, in dem Pop noch daran glaubte, sich und die Gesellschaft verändern zu können.

MARTIN BÜSSER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

THE BEAT GOES ON …
CDs: Rolling Stones: "Exile On Main Street" (Remastered), 2010; Iggy & The Stooges: "Raw Power" (Legacy Edition), 2010

FILME: "Stones in Exile" von Stephen Kijak (2010), ab 11. Juni auf DVD; "The Doors – When you are strange" von Tom DiCillo (2009), ab 1. Juli im Kino

AUSSTELLUNG: "A Star Is Born" – Fotografie und Rock seit Elvis, 2.7.-10.10.2010 im Museum Folkwang, Essen

Kategorien: Juli 2010