Die digitale Bombe

Wir erleben derzeit eine digitale Revolution, die unsere Gesellschaft völlig umformt. Jeder kann im Internet seine Geschichte erzählen, Ideen finden zusammen, Wissen wird weltweit vernetzt. Die einen preisen diese sogenannte Schwarmintelligenz als Chance, die anderen fürchten den Verlust unserer Kultur. So weit diese Standpunkte auseinander liegen, so rege ist die Diskussion – das zeigen die Beiträge zweier Experten: Andrew Keen, Autor des Internet-kritischen Buches "Die Stunde der Stümper", und David Rowan, Chefredakteur der britischen Ausgabe des Technologie-Magazins "Wired".

ANDREW KEEN

Eine wichtige Erkenntnis in Bezug auf das Internet ist, dass es nichts vergisst. Alles, was wir im Internet tun, hat Konsequenzen. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass die Menschen nicht Schritt halten können. Kaum jemand versteht sie, zugleich fasziniert und verführt sie uns, macht Spaß und gibt uns Bedeutung. Doch oft sind es die verführerischen Dinge, die uns irgendwann heimsuchen. Wir haben noch nicht gelernt, verantwortungsvoll mit der Technik umzugehen, wir überblicken die Folgen unserer Handlungen nicht. Ich glaube, dass viele ihr Verhalten im Internet eines Tages bereuen werden. Es ist wie eine Party, auf der alle betrunken sind. Es macht Spaß, aber am nächsten Morgen denkt man beim Aufwachen: "Oh Gott, was habe ich nur getan?"
Das Web 2.0 ist eine Verblendung. Große kulturelle Vorteile werden versprochen und die Demokratisierung der Kultur wird angepriesen. Angeblich kann jeder seine eigenen Erfahrungen veröffentlichen – und sogar daran verdienen. Meines Erachtens ist es aber eine Lüge, dass durch das Web 2.0 Einkunftsmöglichkeiten für neuartige Medienberufe entstehen. Stattdessen ist es ein Todesurteil für die traditionellen Medien. Man kann die gegenwärtige Krise des Journalismus’ oder der Musikmedien nicht ausschließlich auf das Web 2.0 zurückführen, da es sowohl Ursache als auch Ergebnis der neuen Entwicklung ist. Aber die Web 2.0-Revolution wird Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, die Musikbranche, die professionellen Medien im Allgemeinen vernichten. Gleichzeitig gewinnen die vom Mob beherrschten Amateurmedien im Internet an Bedeutung und Informationen werden immer unzuverlässiger. Wir werden eher beraubt als bereichert, und so führt die technologische Revolution zur kulturellen Verarmung der Menschheit.

Leider haben die traditionellen Medien noch kein funktionierendes Geschäftsmodell gefunden, um dieser Entwicklung zu begegnen. Bei diesem Thema bin ich gespalten. Auf der einen Seite bin ich misstrauisch, wenn es um die Kommerzialisierung von Inhalten im Internet geht. Auf der anderen Seite möchte ich natürlich, dass Produzenten und Autoren für ihre Werke bezahlt werden. Wenn sich ein Produkt jedoch nicht bezahlt macht, wenn kein Profit daraus erzielt werden kann, verdienen kreativ tätige Menschen wie Fernsehproduzenten, Schauspieler, Drehbuchautoren, Schriftsteller, Musiker und Filmemacher nichts mehr. Sie werden zu Amateuren degradiert. Sie erschaffen erstaunliche Werke, ihre Arbeit wird jedoch im Internet nicht angemessen gewürdigt. Sie verschwinden in der Masse. Funktioniert die Theorie von der Weisheit der Vielen, die angeblich für die beste Qualität sorgt? Oder bringt sie doch nur Vulgarität und Dummheit hervor?
Ich verabscheue die kulturelle Arroganz der Idealisten aus Silicon Valley, die meinen, sie hätten alle Probleme der Menschheit gelöst. Das erinnert mich an den Bolschewismus und die Französische Revolution! Auch damals glaubten die Menschen, alle Probleme durch den Klassenkampf lösen zu können. Heute vertraut man auf den technologischen Klassenkampf, aber ich glaube nicht an einfache Lösungen für komplexe Menschheitsprobleme. b

DAVID ROWAN

Viele warnen, die Möglichkeiten des Web 2.0, die Demokratisierung der Meinung, seien der Untergang unserer Kultur. Doch ist die Meinung der Öffentlichkeit unwichtig? Ist die breite Masse dumm? Ich glaube, ganz im Gegenteil, dass sie unglaublich intelligent und kreativ ist. Das zeigen alleine die fabelhaften Internetseiten, die durch die Zusammenarbeit vieler einzelner Internet-User entstehen, und auf denen man spannende Inhalte findet – ob es nun Videos, Fotos oder Kurzgeschichten sind. In der breiten Öffentlichkeit schlummern so viele Talente, die von traditionellen Verlagshäusern und Plattenfirmen immer ignoriert wurden. Wenn heute beklagt wird, das Internet biete keine Möglichkeit, echte Talente zu erkennen, kann ich nur daran erinnern, wie oft die Talentscouts der großen Plattenfirmen als Fehltritt der Geschichte betrachtet wurden. Sie waren verschwenderisch und hastig. Sie entdeckten zwar Talente, aber hätte das Publikum ohne sie nicht weniger bezahlt und die Künstler mehr verdient? Die Masse ist ziemlich gut darin, unerkannte Talente zu entdecken. Sie ist eine fantastische, kreative Macht, die von den traditionellen Medien viel zu lange ignoriert wurde.

Millionen Menschen sind da draußen im Internet, sie alle wollen gehört werden. Das ist viel Lärm, aber das Internet hat ziemlich gute Filtermechanismen. All die Community-Websites, auf denen die User demokratisch entscheiden, was wichtig ist und was nicht, sind gute Wegweiser, um die Qualität im Internet zu finden. Meiner Meinung nach brauchen wir mehr solcher Filter. Und hier liegt eine Möglichkeit für die traditionellen Medien, sich neu zu erfinden und sich als Führer durch all diese Nischen zu etablieren. Die Buch-, die Musik-, die Filmindustrie brauchen dringend neue Modelle. Für sie ist das Internet eine große Chance, weil dort, fernab von Unternehmenssitzen und Anwaltskanzleien Menschen sitzen und kreative Lösungen finden.

Leider hat es auch Nachteile, dass jeder seine Meinung ohne Kostenaufwand öffentlich äußern kann. Ich fürchte, dass unsere Gesellschaft langsam überkritisch, regelrecht bösartig wird. In der Anonymität der Internet-Foren findet man häufig Kommentare, die offensichtlich einzig dem Zweck dienen, andere bloßzustellen. Diese Mob-Mentalität ist beängstigend. Wenn jedem eine Gelegenheit zur Meinungsäußerung gegeben wird, kann viel Konstruktivität verloren gehen. Dazu kommt das große Problemfeld der persönlichen Daten und wer Zugang zu ihnen hat. Mir gefällt die Vorstellung nicht besonders, dass die Machthabenden, wer auch immer das sein wird, in Zukunft genau wissen werden, wo ich bin. Dennoch: Ich bin Optimist. Ich denke, dass die Qualität aus der Masse hervorstechen wird. Und mir gefällt die Vorstellung, dass wir in Zukunft nicht mehr von einem halben Dutzend Filmstudios oder Verlagen gesagt bekommen, was wir konsumieren sollen und was nicht.

TEXTE BASIEREN AUF ZWEI INTERVIEWS, GEFÜHRT VON HERMANN VASKE FÜR SEINEN DOKUMENTARFILM "DIE DIGITALE BOMBE" FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

WEB 2.0 – WAS GENAU IST DAS EIGENTLICH?
Oft wird gesagt, das Internet sei mit dem Web 2.0 erwachsen geworden: Das Web 2.0 erlaubt den Usern, miteinander zu agieren, im Gegensatz zu Websites, auf denen User nur passiv Informationen rezipieren können. Diese veränderte Nutzung des Internets geht einher mit Anwendungen, die die Interaktivität fördern, wie Wikipedia, Facebook, Youtube, Foren, Plattformen …

Kategorien: Juli 2010