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SÜDAFRIKAS GOLDENE STIMMEN

"Irgendwo da draußen wächst der nächste Pavarotti heran!" Michael Williams, Intendant der Cape Town Opera, spricht im Brustton der Überzeugung. Sein Blick deutet dorthin, wo sich jenseits des Tafelbergs die Townships von Kapstadt erstrecken. Ich bin in Südafrika, einem Land, das bislang nicht gerade als Opern-Eldorado von sich Reden gemacht hat. Dennoch habe ich vor, einen Film über Operngesang in Südafrika zu drehen, denn wenn die Geschichten wahr sind, die Michael Williams mir erzählt, dann gehen am Kap der Guten Hoffnung Dinge vor sich, die unbedingt entdeckenswert sind und viele überraschen werden – egal ob Opernfan oder nicht. Zunächst aber bin ich skeptisch. Williams’ Anekdoten von Stimmwundern in der Halbwüste, von koloraturseligen Teenagern in Townships, von Arienwettbewerben auf Schulhöfen klingen mir zu utopisch. Während der Apartheid war die Oper allenfalls ein angestaubtes Prestigeobjekt der urbanen weißen Elite, dessen staatliche Förderung – wen wundert’s – mit der demokratischen Wende eingestellt wurde. Warum also sollten junge Südafrikaner, zumal aus nicht-weißen Bevölkerungsgruppen, verrückt nach Oper sein?

Ich könne mir ein lebhaftes Bild von der Sache machen, wenn ich eine der sogenannten Schultouren begleite, schlägt Williams vor. Einmal im Jahr reise ein Kleinbus mit den besten Nachwuchssolisten der Cape Town Opera bis in die entlegensten Winkel des Landes. Die jungen Opernstars sollen Schüler mit Gesang begeistern und zugleich nach neuen Stimmtalenten Ausschau halten. Das klingt abenteuerlich. Wenn die Truppe aufbricht, will ich mich ihr mit meinem Kamerateam anschließen. Zugegeben, so spannend ich mir diese Tour vorstelle – sie hat für mich den zweifelhaften Beigeschmack einer weißen Kulturmission. Da ist ein leidenschaftlicher weißer Opernintendant, eine Art Fitzcarraldo Südafrikas, der seine Sänger aussendet, um in entlegenen Regionen eurozentrische Hochkultur zu predigen. Doch als ich die Sänger vor ihrer Abreise treffe, sind meine Vorbehalte ausgeräumt. Die meisten von ihnen sind Schwarze und Coloureds, südafrikanische Farbige. Sie haben die Idee längst zu ihrer eigenen Sache gemacht: "Oper eurozentrisch? Weißes Kulturgut? So ein Quatsch!", protestieren sie. Das war vielleicht irgendwann mal so. Beim Fußball würde schließlich auch keiner diese Frage stellen. "Wir wollen den Kindern da draußen zeigen, dass Oper kein weißes Ding ist!", betonen sie.

Mozart in der Kalahari

Inzwischen sind wir on the road, unterwegs durch endlose Halbwüsten und Wüsten: grandiose Kulissen, durchzogen von einer einsamen Nationalstraße, nur alle paar Hundert Kilometer ein Nest mit einer Tankstelle. Nach zwei Tagen haben wir die Kalahari erreicht. Die urbanen Zentren des Landes sind über Tausend Kilometer entfernt. In dieser Gegend, unweit der Grenze zu Namibia, ist die Kleinstadt Upington der größte Ort weit und breit. Wir besuchen eine Schule mitten in den Townships am Stadtrand. Wie überall in Südafrika lebt hier ein großer Teil der schwarzen Bevölkerung in einfachsten Verhältnissen. Während die Operntruppe ihre Requisiten auspackt, drehen wir ein paar Bilder auf dem Schulhof, wo ausgelassene Pausenstimmung herrscht. Teenager spielen Fußball in Schuluniformen, wie aus dem Ei gepellt. Andere schneiden kichernd Grimassen in die Kamera. Plötzlich dringt ein Laut durch den Lärm: ein heller Sopran. Eine Melodie. Koloraturen. Etwa Mozart? Wir blicken uns um. Von den Sängern aus Kapstadt ist niemand auf dem Hof. Im Schatten blättern Schüler in Notenheften. Ein Mädchen singt. Sie ist höchstens 17. Ihre Stimme ist schön und klangvoll. Als wir uns mit der Kamera nähern, albert sie ein wenig herum und setzt noch einmal an: "Ach ich fühl’s, es ist verschwunden …", Paminas Arie aus Mozarts "Zauberflöte". Auf Deutsch. Unfassbar. Doch jetzt geht die Sache erst richtig los: Die anderen merken, dass wir ihre Mitschülerin beim Singen filmen und es ist kein Halten mehr. Jeder will uns etwas vortragen. Ein 17-jähriger Tenor intoniert kraftvoll "O sole mio", drei noch jüngere Mädchen trällern ein Terzett aus "Così fan tutte". Das alles mit einer unverzagten, herzerfrischenden Selbstverständlichkeit! Wir trauen kaum unseren Augen und Ohren. Das Erlebnis hat meine Erwartungen übertroffen und mich zugleich erschüttert. Diese Kinder leben in windschiefen Hütten am Rande der namibischen Wüste. Vielen mangelt es am Nötigsten; vielleicht mussten einige Gewalt erleben, andere haben Familienangehörige durch Aids verloren. Aber sie sprühen vor Lebensfreude und Optimismus und verbringen ihre Schulpause damit, fremdsprachige Bravur-Arien zu schmettern. Und Upington ist kein Einzelfall. Ob Polokwane, Bloemfontein oder Mthatha – an allen Schulen treffen wir Teenager, die Mozart, Verdi und Co. für sich entdeckt haben. Was ist los in dieser Provinz? Woher kommt dieser Opern-Boom?

Musiknation Südafrika

"In Südafrika singt jedes Kind in einem Chor. Das ist unsere Tradition", erklärt July Zuma, Wortführer der Operntruppe. "Alle wachsen hier mit Gesang auf und die meisten haben von Natur aus fantastische Solostimmen. Was fehlt, sind schwarze Vorbilder und Lehrer. Deshalb sind wir hier." Die Gastauftritte der Cape Town Opera finden in Aulen und Turnhallen statt. Alles, was die Sänger brauchen, ist ein Klavier. Die Performance, Donizettis "Liebestrank", wird zum Hit, doch noch begehrter ist der anschließende Workshop. Die Jugendlichen brennen darauf, von den Profis gecoacht zu werden. Dies ist in der Tat keine fremdelnde Opernmission, sondern eine Wanderakademie, die einen akuten Bedarf stillt. Der Andrang ist kaum zu bewältigen. Ein paar Atemübungen, ein paar Tipps, für mehr reicht die Zeit nicht. Die Truppe muss vor Einbruch der Dunkelheit den nächsten Ort erreichen. Nächstes Jahr kommen sie wieder.

Naturbegabung und ein sangesfreudiges Umfeld liefern eine Erklärung für die südafrikanische Opernbegeisterung. Eine andere sind die populären Chorwettbewerbe des Landes. Seit einigen Jahren ergänzt man das traditionelle Repertoire mit Arien und Ensembles aus Opern, um den vielen Solotalenten Herausforderungen zu bieten. Auf diese Weise erhalten Jugendliche aller Volksgruppen und sozialen Schichten einen praktischen, sportiven Zugang zur Oper. Genauer gesagt, zu einer Auswahl beliebter Stücke mit provisorischer Klavierbegleitung, denn die meisten jungen Leute in Südafrika haben noch nie eine Oper auf der Bühne gesehen. Dennoch entdecken viele, dass sie die stimmlichen Voraussetzungen für diese Art von Musik haben und wollen sich mit ihr profilieren. Während der Reise komme ich mit einigen ins Gespräch. Auf meine Frage, was denn an Opern so faszinierend sei, bekomme ich fast überall die gleiche Antwort: "Oper hat eine Handlung! Da geht es um Leidenschaften und Gefühle!" Das sagt viel über das afrikanische Temperament, aber auch darüber, wie universell Musiktheater ist. Da trifft die Oper, diese künstliche alte europäische Tante, auf südafrikanische Teenager mit Gold in der Kehle und Glut im Herzen, und es funkt mächtig. Was für ein Potenzial!

Eine Oper für ganz Afrika

Doch was passiert mit den jungen Leuten, wenn der Bus aus Kapstadt weg ist? Talent und Wille sind im Überfluss vorhanden, aber das genügt nicht, um das südafrikanische Opernwunder zur Entfaltung zu bringen. Siphokazi, die Pamina aus Upington, will unbedingt in Deutschland Gesang studieren. Sie hat sich nicht nur in die Oper, sondern auch in die deutsche Sprache verliebt und rezitiert stolz ein paar Sätze. In einem Land mit elf offiziellen Sprachen kennt man keine Berührungsängste mit Fremdsprachen. Aber wie soll Siphokazi nach Deutschland kommen, wenn sie sich nicht mal eine Reise nach Kapstadt oder Johannesburg leisten kann? Moloko, ein 16-jähriges Mädchen aus einem Dorf bei Polokwane, hat sich das Singen zu Hause vorm Spiegel beigebracht. Ihr Mezzosopran klingt unglaublich reif und tragfähig, nur die Atemtechnik muss sie noch verbessern. Und ihr fehlen Notenkenntnisse, denn moderne Notation ist in Südafrika unbekannt. Es gäbe viel zu tun, aber im autodidaktischen Alleingang kann Moloko es nicht schaffen. Die Cape Town Opera, Südafrikas einziges Opernhaus, ist weder finanziell noch logistisch in der Lage, so vielen jungen Menschen nachhaltige Perspektiven zu bieten. Angesichts der gravierenden Probleme am Kap stellt sich außerdem die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, in musikalische Ausbildung zu investieren, wo doch zuerst an Versorgung, Sicherheit und Gesundheit gedacht werden sollte. "Probleme gibt es überall auf der Welt", sagt Lesoko von der Kapstädter Operntruppe. "Und ja: Wir haben Armut, Drogenprobleme und eine katastrophale Ausbreitung von Aids. Aber das beeinträchtigt nicht die Macht von Kunst und Kultur." Die Begeisterung, die der fahrende Opernworkshop bei jungen Menschen im ganzen Land auslöst, ist Beweis genug. Diese Musik hat das Zeug, die multiethnische Gesellschaft Südafrikas jenseits ihrer Konflikte zu verbinden. Theodorus, der 17-jährige Schüler aus Upington mit dem kraftvollen Tenor, träumt davon, Südafrika in ein Opernparadies zu verwandeln. Er schwärmt von Festspielhäusern in jeder Kleinstadt. Ich habe das Gefühl, hier könnte – nicht ohne Anstrengung – ein eindrucksvolles Stück Zukunft Südafrikas entstehen.

FILMEMACHER RALF PLEGER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: Juni 2010