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PROTESTKINDER

ARTE Magazin

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Ich habe eine Freundin aus Deutschland zu Theaterproben ins „Haus der Künstler“ mitgebracht. Wir gehen auch zu Lesungen, Musikaufnahmen, diversen Partys und Kunstausstellungen. Seit ihrer Ankunft in Teheran kann ich die zunehmende Verwunderung beobachten. In ihren E-Mails an Freunde und Familie schreibt meine Freundin, wie anders das Land ist, das sie hier vorgefunden hat. Ganz anders als sich Iran alle vorstellen. Mit jeder ihrer E-Mails wächst mein Bedürfnis, der Welt das wahre Gesicht meiner Heimat zu offenbaren – über die medienwirksamen Bilder von Demonstrationen gegen Israel und die USA oder düstere, langweilige Aufnahmen der Freitagsgebete hinaus.

 

Feiern statt trauern

Jugendliche in Iran lieben Musik und Filme genau wie ihre Altersgenossen anderswo. Die Zahl der künstlerischen Aktivitäten, die mehr Freiheit benötigen, als es das Gesetz erlaubt, nehmen täglich zu. Sie finden an den unterschiedlichsten, oft geheimen Orten wie Kellerräumen, privaten Gärten oder Wohnungen statt. Mit dem Leben im Untergrund ist in Iran keine besondere Lebensweise gemeint. Hier leben Jugendliche schon im Untergrund, wenn sie ein ganz normales Alltagsleben führen – also ihre grundlegendsten körperlichen und geistigen Bedürfnisse befriedigen, die nach den Gesetzen der Islamischen Republik Iran verboten sind. So findet die Jugend Wege, trotz allem ein erfülltes Leben zu führen. Sie leistet subtilen Widerstand, wenn sie sich beispielsweise während des schiitischen Trauermonats Moharram auf den Straßen Teherans trifft und scheinbar trauert. Tatsächlich wird die Gelegenheit genutzt, um zusammenzukommen und zu feiern, denn solche Versammlungen in der Öffentlichkeit würden sonst wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ keine Sekunde geduldet. Wird figurbetonte Oberbekleidung für Frauen untersagt, fügen sich junge Iranerinnen, indem sie das Verbot mit kürzeren Hosenbeinen oder einer auffälligeren Frisur kompensieren. So distanziert sich die Jugend immer stärker vom herrschenden Regime. Je höher der gesellschaftliche Druck ist, desto standhafter ist der zivile Widerstand. Bestes Zeichen dafür sind die jungen Frauen, die in Iran die wichtigste Rolle im friedlichen zivilen Protest spielen. Und das, obwohl oder gerade weil sie im Namen der Religion am stärksten unterdrückt werden.

 

Generation Protest

Derartige friedliche Proteste nehmen mit jedem Tag und jeder Generation zu. Die als „Green Movement“ bekannte jüngste Protestbewegung besteht zum Großteil aus 28- bis 30-Jährigen. Diese sind zu Beginn der Islamischen Revolution von 1979 zur Welt gekommen. Sie haben ihre Kindheit mit der Angst verbracht, ihren Vater im Iran-Irak-Krieg oder als Regimekritiker im Gefängnis zu verlieren und erlebten die wirtschaftliche Not der Kriegsjahre. Sobald sie stimmberechtigt waren, gingen sie an die Wahlurnen und sorgten für Reformen der fundamentalistischen Politik ihres Landes. Als 1999 einige Redaktionen liberaler Zeitungen geschlossen wurden, formierte sich die Studentenbewegung dieser Generation. Die Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften waren damals die gewalttätigsten seit der Revolution. Und bis heute ist der Widerstand ungebrochen: Trotz der Exma-trikulation und Verhaftung von Studenten entstand 2009 die Protestbewegung „Green Movement“. Mit besonnenem, gewaltfreiem Widerstand gelang es ihr, die iranische Bevölkerung ins Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit zu rücken und eine noch nie dagewesene Solidarität auszulösen. Der Widerstand schöpft seine Kraft aus der staatlichen Unterdrückung und lässt nicht zu, dass die Gesellschaft weiter isoliert wird.

 

Revolution im Wohnzimmer

Nachdem die iranische Jugend dafür sorgte die Reformbewegung in den politischen Alltag des Landes zu integrieren, erobert sie sich nun mit der Untergrund-Kultur ihren Platz in der Gesellschaft. So entstand in den letzten 20 Jahren eine Musikszene in Iran, die immer professioneller wird und sich laut bemerkbar macht. Alles, was man hier zum Musizieren braucht, sind Kopfhörer, ein sicherer Ort und eine Software zur Musikproduktion. Die Bezeichnung Untergrund bezieht sich auf die Tatsache, dass die Musiker keine legale Genehmigung für ihre Aktivitäten bekommen. Statt mit gesellschaftlicher Akzeptanz und staatlicher Unterstützung produzieren iranische Musiker ihre Stücke praktisch auf der Flucht. Ähnlich sieht es beim Film aus. Das Bemerkenswerte an derartigen Untergrundbewegungen ist die wohlwollende Unterstützung der Bevölkerung. Selbst Familien, die traditionell und religiös orientiert sind, stellen zunehmend ihre Häuser für Filmaufnahmen, Konzerte und Theateraufführungen zur Verfügung. Es findet ein regelrechter Paradigmenwechsel innerhalb der Familien statt. Dies ist ein großer Schritt zur Versöhnung der Generationen, zum harmonischen Zusammenleben und zur Schaffung der grundlegendsten Voraussetzungen für Demokratie.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Entwicklung im Laufe der Jahre zu einer jungen Demokratie in einem der wichtigsten und zugleich turbulentesten Länder des Mittleren Ostens führt. Irans Jugend ist wie ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. Aber es explodiert nicht.

 

ARTE GASTAUTORIN

 

LIDA ALIREZAI, geb. 1977 in Teheran; arbeitete als Regieassistentin im „Haus der Künstler“, wo sie auch Öffentlichkeitsarbeit betrieb. Für Petr Loms Dokumentarfilm „Briefe an den iranischen Präsidenten“ (2008) war sie die Produktitonsleiterin. Infolge der Wahlen 2009 verließ sie Iran und beantragt derzeit Asyl in Kanada.

 

Kategorien: Juni 2010