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GÖTTLICHER GIPFEL

Hubert Schwarz

Hubert Schwarz

Ja, er hat eine Schokoladenseite, der 5.895 Meter hohe Kilimandscharo in Afrika. Geben die Wolken den Blick auf ihn frei, dann braucht ein Fotograf nur ein wenig Geduld und schon entsteht das Ansichtskartenmotiv: mit einer Elefantenherde oder Giraffe im Vordergrund und dem schneebedeckten Gipfel als dramatischem Bildabschluss. Der Schneeberg in den Tropen – die geheimnisvolle Verlockung. Eines dieser Fotos hatte mich, den 67-jährigen Fernsehreporter in Deutschland, neugierig gemacht. 25.000 Menschen pilgern inzwischen jedes Jahr auf den für die Einwohner Tansanias heiligen Berg, die höchste freistehende Erhebung der Welt. Der Weg führt durch alle Klimazonen, vom tropischen Regenwald bis zur eisigen „Todeszone“ der Gipfelregion. Tourismusprospekte versprechen: Jeder durchschnittlich vortrainierte Mensch kann den Gipfelaufstieg in fünf Tagen bewältigen. Ich will wissen, was das für Menschen sind, die da eine seltsame Mischung aus Bergwanderung und Wallfahrt für sich planen. Und ich möchte mich selbst der Herausforderung stellen: Werde ich den Anstieg schaffen?

 

Das Abenteuer beginnt

In Tansania angekommen, lerne ich gleich die Träger kennen, die unsere Wandergruppe begleiten werden: freundlich, hilfsbereit und ein wenig ratlos, warum wir Menschen aus Europa acht Stunden mit dem Flugzeug anreisen, um den Kilimandscharo zu besteigen. Für einen Sonnenaufgang auf knapp 6.000 Metern Höhe, ausgepowert und an die eigenen Grenzen gestoßen. Mir ist klar, dass wir nur mit dem Krafteinsatz der einheimischen Träger den Weg nach oben schaffen können. Jeder Liter Wasser, jedes Pfund Reis muss Schritt für Schritt in großen Packsäcken auf den Schultern geschleppt werden: bis zu 20 Kilo Last sind es schließlich für jeden Wanderer. Was das für die Träger bedeutet, erfahre ich im Büro einer ausländischen Hilfsorganisation. Sie hilft Einheimischen, mit ihrem Job am Kilimandscharo zurechtzukommen – und nicht an diesem Berg zu sterben. Er ist der nach Expertenmeinung am stärksten unterschätzte Berg der Welt. Er sieht aus, als könne man ihn im Spaziergang erklimmen, doch fehlende Ausrüstung und mangelnde Kondition fordern 20 bis 30 Opfer jedes Jahr. Von offiziellen Zahlen will man in Tansania nichts wissen. Blutjunge Träger, deren Arbeit ganzen Familien das Überleben sichern soll, arbeiten hier für sechs Dollar Lohn pro Tag. In einem kleinen Büroraum können sie sich einen warmen Pullover ausleihen oder ein Paar gebrauchte Bergschuhe. Dafür hinterlegen sie ein Handy oder ein altes Radio als Pfand. Ausländische Wanderer haben ihre gebrauchte Ausrüstung hiergelassen, nachdem sie erfahren haben, wie bettelarm die meisten Träger sind.

Ich will mehr über das Leben unserer Begleiter erfahren, die für den Job ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Bei den Einheimischen hat der Kili seit Menschengedenken den Beinamen „Berg des Todes“. Mit Remidy, unserem Chefguide, besuche ich seine Familie. Die Kinder sind überglücklich, ihren Vater wiederzusehen. Sie wissen von ihm nur, dass er weit weg, am Berg der Götter, einen Job hat. Dass er als Guide mit ausländischen Bergwanderern regelmäßig nach oben geht, zur Wohnung der Götter, ist hier unvorstellbar. Selbst seine Mutter glaubt nicht, dass er schon dort war. Mehr will sie darüber auch gar nicht erfahren.
Ein paar Tage später ist es soweit: Unsere Wandergruppe aus Deutschland trifft sich mit den Trägern an der Stelle, wo sie fünf Tage später ihren Lohn und ihre Trinkgelder bekommen werden. „Hakuna Matata“ – „Kein Problem dieser Kili“ werden sie dann singen. Ob das stimmt?

 

Im Reich der Kili-Götter

Erst am dritten Morgen des Aufstiegs, auf 3.700 Metern Höhe, durchstoßen wir die Wolkendecke und ich sehe zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Tansania den Berg. Die weißen Schnee- und Gletscherkappen der Gipfelregion: mein Ziel. Dieser Anblick trägt durch die weiteren Etappen, durch Heide und Moor, durch eine Stein- und Geröllwüste, bis auf 4.700 Meter, wo Sonne und Schneeschauer sich abwechseln. Fünf Liter Wasser und Tee werde ich an diesem Tag trinken. Immer häufiger werden die Pausen, um dem Körper Zeit zu geben, sich auf die veränderte Luft einzustellen. Ein Paar Stunden Rast in einer Hütte, schlaflos. Am fünften Tag dann der Start um Mitternacht, die letzte Etappe auf dem Weg zum Gipfel. Es gibt fast keine Gespräche mehr, jeder muss sich auf die eigenen Schritte konzentrieren, hineinhören in das, was der Körper sagt. Wer da zu mir spricht, wer die Signale für das Weitergehen gibt: Ich weiß es nicht. Vor uns Schneereste und vereiste Felsbrocken – die Kili-Götter, wenn es sie denn gibt, haben ihr Reich gut abgeschirmt. Ihre Heimat, die eigentliche Gipfelzone, der Sonnenaufgang, eisiger Wind und Temperaturen unter 15° Minus – ich habe einen Zustand erreicht, der zwischen Trance und Traum liegt. Als wir den Platz der Götter wieder verlassen, bin ich atemlos und berauscht. Ich habe es geschafft. Jetzt gehört der Berg wieder allein denen, die die Einheimischen Chagga, Götter, nennen.

 

ARTE GASTAUTOR

 

JOHANNES KAUL: Der Gründer und langjährige Leiter des ARD-Morgenmagazins ist seit fast 40 Jahren für die Sender ARD und WDR tätig. Mit einer Live-Reportage über die Besteigung des Kilimandscharos stellte er sich 2008 einer persönlichen und beruflichen Herausforderung. Die Erlebnisse veröffentlichte er auch in Buchform: Johannes Kaul, „Höhenrausch und Atemnot – Mein Weg auf den Kilimandscharo“, Südwest Verlag 2009

Kategorien: Juni 2010