EIN HOCH AUF CHABROL

Claude Chabrol meint, er habe nie große Erfolge gefeiert. Das klingt verwunderlich aus dem Mund eines Filmemachers, der mehr als 70 Mal Regie führte und über 50 Drehbücher schrieb. Am 24. Juni wird er 80 Jahre alt. Grund genug, eine Auswahl seiner Filme bei ARTE auszustrahlen. Der selbstkritische Regisseur stand dem ARTE Magazin in einem Interview Rede und Antwort. Schnell wurde klar: Der scharfzüngige Meister seines Fachs zählt trotz des Respekt einflößenden Jubiläums nicht zum alten Eisen.

ARTE: Sie machen sich oft über Ihr hohes Alter lustig. Verschafft Ihnen das Alter eine besondere Stellung im französischen Film?

Claude Chabrol: Nach dem Tod von Eric Rohmer im Januar 2010 ist nur noch Jacques Rivette älter als ich, da ziehen die Leute und die Presse nicht allzu sehr über mich her. Ich kann drehen, was ich will, wenn es nicht zu teuer ist. Triumphe habe ich übrigens nie gefeiert. Die sind ohnehin der Tod eines Filmemachers. Ich hatte schöne kleine Erfolge und deswegen lässt man mich auch in Frieden!

ARTE: Ihre Filme spielen oft in Kleinstädten. Hat sich die französische Provinz in Ihrer 50-jährigen Laufbahn stark verändert?

Claude Chabrol: Das Dorf meiner Mutter, eine lebendige Kleinstadt, in der ich den Krieg verbrachte und meinen Film "Der Schlachter" (1970) drehte, ist heute im Aussterben begriffen. Im besten Fall herrscht in der Provinz Stillstand, im schlechtesten Fall geht alles den Bach runter. Die Menschen haben immer weniger Gewissheiten, alles wird brüchig, wie die Knochen im Alter – schrecklich!

ARTE: Stimmt es, dass Sie von zwei gleichwertigen Dreh-orten den bevorzugen, der das bessere Restaurant hat?

Claude Chabrol: Ein gutes Restaurant am Abend ist Gold wert! Zusätzlich achte ich auf ein hervorragendes Catering. Ich finde, man arbeitet besser, wenn man nebenbei und hinterher auch gut isst.

ARTE: Ist gute Küche ein geeignetes Kriterium, um die Provinz zu entdecken?

Claude Chabrol: Gewiss. Die Franzosen haben gute Küche in den Genen. Das hat man ihnen so oft gesagt, dass sie es am Ende geglaubt haben. Und schließlich ist Essen eins der wenigen Dinge, die man sein ganzes Leben lang zwei Mal am Tag tut!

ARTE: Die Hälfte Ihrer Filme handeln von der Bourgegeoisie. Was fasziniert Sie an dieser sozialen Schicht?

Claude Chabrol: Zum einen komme ich selbst aus der Bourgeoisie, muss also einige ihrer Merkmale in mir tragen, selbst wenn ich sie nicht analysieren kann und eher dagegen bin. Zum anderen ist die Bourgeoisie gegenwärtig die einzige Klasse, die sich rühmt, eine Klasse zu sein. Das bürgerliche Denken ist hier allem Wandel zum Trotz gleich geblieben. Es beruht auf dem Schein. Man ist, was man zu sein scheint – vollkommen falsch, aber typisch bürgerlich.

ARTE: In "Biester" (1995) mit Isabelle Huppert und Sandrine Bonnaire zeigen Sie einen mörderischen Klassenkampf. Ist der in dieser Form heute noch möglich?-

Claude Chabrol: Wir erleben gerade eine Rückkehr der Kämpfe – sehen Sie sich die besetzten Fabriken in Frankreich an! Ich könnte mich jedoch nur dann für Arbeiter interessieren, die ihren Chef einsperren, wenn sie es gerade in dem Augenblick tun, in dem die Frau des Chefs entbindet. Dann hätte ich zwei widersprüchliche Elemente: Einerseits den verzweifelten Vater in spe, der bei seiner Frau sein möchte, den man bedauert, der aber sozial gesehen ein Mistkerl ist; andererseits die Arbeiter, die sich fragen, ob sie nicht selbst gerade Mistkerle werden. Das ist ein schönes Thema!

ARTE: Ihre zentralen Themen wie Provinz, Bourgeoisie und Sozialkritik tauchen im aktuellen französischen Film kaum noch auf.

Claude Chabrol: Ja, die Entwicklung stimmt mich ein wenig traurig. Der französische Film weiß zurzeit nicht, welche Richtung er einschlagen soll. Viele junge Produzenten lieben das Kino nicht wirklich: Statt Filme zu machen, wollen sie einfach nur beim Film sein.

ARTE: Warum haben Sie trotz ihrer sozialkritischen Ader nie die Vorstädte als Schauplatz gewählt?

Claude Chabrol: Es wäre mir peinlich, dort auf Erkundungstour zu gehen. Außerdem kenne ich das Thema nicht genug und es ist auch zu ernst, als dass ich alter Bourgeois mit meinen 80 Jahren in den sogenannten "Cités" den Hanswurst spiele. Obwohl man dort besser isst, als man denkt.

ARTE: Fassbinder sagte einmal von Ihnen, Sie würden die Menschen "wie Insekten in einem Glas" betrachten.

Claude Chabrol: In "Die Enttäuschten" sagt Schauspielerin Bernadette Lafont in der Tat zu jemandem:
"Du schaust uns an, als wären wir Insekten." Ich bin aber lieber Menschenforscher als Insektenforscher. Ich will sehen, wie sich der Mensch in einer Gesellschaft, die ihm nicht entspricht, in ein Insekt verwandelt. Er wird wieder zum Tier.

ARTE: Haben Sie Fassbinder einmal kennengelernt?

Claude Chabrol: Ich bin ihm ein einziges Mal begegnet. Seine Filme gefallen mir ganz gut. Beginnend mit "Angst essen Seele auf" verkörperten sie die Wiedergeburt des deutschen Films. Der lag in den 70ern am Boden und wissen Sie, warum? Gleich nach dem Krieg hatte man Dramaturgen eingesetzt. Leute, die in Büros Drehbücher studierten und versuchten, Elemente zur Spannungssteigerung einzubauen. Damit haben sie das deutsche Kino lange Zeit kaputt gemacht.

ARTE: Was halten Sie vom neuen deutschen Film?

Claude Chabrol: Wir sehen hier in Frankreich nicht genügend deutsche Filme! "Good bye, Lenin!" natürlich, "Das Leben der Anderen", wirklich hervorragend, und die Filme von Fatih Akin. Ich finde es toll, dass ein Türke den deutschen Film verkörpert (lacht).

ARTE: Im Dezember 2009 wurden Sie mit der Berlinale Kamera ausgezeichnet. Haben Preise wie dieser eigentlich eine Bedeutung für Sie?

Claude Chabrol: Von meinem zweiten Film an haben mich die Deutschen mit Preisen bedacht. Das freut einen. Vorher war ich extrem anti-deutsch, denn mein Vater war Widerstandskämpfer. Gleichzeitig verschlang ich aber die deutsche Literatur: Goethe, Schiller …

ARTE: Sie haben Schauspieler wie Stéphane Audran, Isabelle Huppert oder Michel Bouquet unter ihre Fittiche genommen. Was schätzen Sie an ihnen?

Claude Chabrol: Wenn ich einen Schauspieler finde, der meine Absichten schnell begreift, ist das eine seltene Freude. Den nehme ich dann gern wieder. Ich versuche auch, mein Ensemble ständig zu vergrößern.

ARTE: Ist das eine Art Familie?

Claude Chabrol: Eine bürgerliche Familie, also im utilitaristischen Sinne, nach dem Motto: "Glaubst du, Onkel Gustav wird uns etwas vererben?" Manche Schauspieler bewundere ich zutiefst, ohne sie menschlich besonders zu schätzen. Was mich nicht hindert, sie als Darsteller einzusetzen.

ARTE: Sie sagten einmal, Sie fühlten sich sehr wohl in Ihrer Haut. Ist das ein Rezept Ihres beruflichen Erfolges?

Claude Chabrol: Ich weiß es nicht. Ich wäre wahrscheinlich nicht fähig gewesen, mein Werk über mein privates Glück zu stellen. Da ich eine optimistische Natur bin, glaube ich, dass der Mensch sich immer weiter verbessert. Ich habe jetzt wohl sogar eine Art von Glückseligkeit erreicht. Nicht schlecht für einen Ungläubigen, oder?

ARTE: Was haben Sie als Nächstes vor?

Claude Chabrol: Ich habe mit meiner Tochter an einem neuen Drehbuch gearbeitet. Außerdem werde ich eine weitere Maupassant-Verfilmung fürs Fernsehen drehen: "Fettklößchen" – ein alter Traum von mir. Das Buch trifft genau den Kern meines Werkes: das Verhältnis von Bourgeoisie und Volk.

DAS INTERVIEW FÜHRTE PIERRE-OLIVIER FRANçOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

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AUSZEICHNUNGEN CLAUDE CHABROLS (Auswahl):
1958: Silbernes Segel des internationalen Filmfestivals von Locarno für "Die Enttäuschten"
1959: Goldener Bär der Berlinale für "Schrei wenn du kannst"
1997: Goldene Muschel und Regiepreis des Festival Internacional de Cine de Donostia–San Sebastián für "Das Leben ist ein Spiel"
2000: Louis-Delluc-Preis für "Chabrols süßes Gift"
2003: Europäischer Filmpreis für das Lebenswerk
2009: Ehrenpreis der Berlinale

Kategorien: Juni 2010