DIE GRÜNE NOTE

Er hasst es, wenn man ihn Maestro nennt und er hasst jede Art von mondänem Chichi. Scheu und artig, die Hände vor dem korrekt geschlossenen Jackett gefaltet, steht Claudio Abbado auf Empfängen oft abseits. Small Talk ist ihm zuwider, ein Interview nur selten möglich. Dabei hat es der kleine, stille Mann zu einem der mächtigsten Kapellmeister der Welt gebracht. Über zwölf Jahre leitete er als Nachfolger Karajans Deutschlands Elite-Orchester, die Berliner Philharmoniker. Davor war er künstlerischer Direktor und Dirigent an der Mailänder Scala, ab 1986 dann Musikdirektor an der Wiener Staatsoper. Seit 2003 wird Abbado als Dirigent des Lucerne Festival Orchestra kultisch verehrt. Nun kehrt er nach Mailand, seine Heimatstadt, zurück, um an der Scala zwei Konzerte zu dirigieren. In Mailand kam er 1933 zur Welt. Sein Vater war Geiger und Musiklehrer und seine Mutter Kinderbuchautorin. Auch sein weiterer Werdegang ist mit dieser Stadt verknüpft, denn er stand von 1968 bis 1986, ganze 18 Jahre lang der Mailänder Scala als Chefdirigent vor. Die Rückkehr könnte man sagen. Doch so einfach ist es nicht, trotz des Jubels, der bei der Nachricht seiner Heimkehr ausbrach. Schließlich hatte er das Opernhaus 1986 im Streit verlassen und seitdem das Orchester des Theaters nicht mehr dirigiert.

Chefdirigent mit Visionen

Fast ein Vierteljahrhundert ist dieser Streit inzwischen her – immer wieder buhlte man um den verlorenen Sohn der Stadt, der auf der ganzen Welt Erfolge feierte, sich in seiner Heimat Mailand aber nicht blicken ließ. Ganze vier Jahre bemühte sich auch der gegenwärtige Intendant der Scala, Stéphane Lissner. Im letzten Jahr schien es endlich soweit: Abbado versprach zurückzukommen, knüpfte seine Rückkehr aber an eine ungewöhnliche Bedingung: Mailand sollte – statt eines Honorars – 90.000 Bäume pflanzen. Lange wurde er für diese Forderung gefeiert – bis die Stadt Mailand bekannt gab, das Projekt aus finanziellen Gründen nicht realisieren zu können. Der alte Meister aber wird trotzdem kommen und Gustav Mahlers "Auferstehungssymphonie" am 4. und 6. Juni 2010 im Mailänder Opernhaus dirigieren. Schließlich ist die Mailänder Scala für ihn kein Allerwelts-Auftrittsort. Das traditionsreiche Haus und ihr konservatives politisches Umfeld prägten ihn als jungen Mann, waren der Humus, auf dem seine revolutionären kulturpolitischen Forderungen und seine Vision einer gerechteren Welt erst gedeihen konnten. Starrummel und leere Ehrwürdigkeit hatten die Institution zu seiner Zeit künstlerisch erstarren lassen. Als Chefdirigent setzte er zäh dagegen, holte Arbeiter und Studenten in die Oper, senkte die Eintrittspreise drastisch, trat mit dem Orchester in Fabriken und Haftanstalten auf, organisierte Vorträge und öffentliche Gespräche. Schlimmer noch: Gegen den Widerstand vieler öffnete Abbado den Spielplan für ein neues Repertoire. So strich er liebgewonnene gängige Opern, um Platz zu schaffen für Seltenes von Verdi, Rossini, Mussorgsky oder Schubert und für Neue Musik mit Werken von Luigi Nono, Stockhausen, Ligeti, Kurtag. Dem Habitus des mondänen, sich eitel inszenierenden Dirigentenstars konnte und wollte der antiautoritär eingestellte Abbado nicht entsprechen. Nur an der Musik und dem Nachwuchs war ihm gelegen. Er begann, Orchester zu gründen – insgesamt fünf an der Zahl – , damit junge Musiker Erfahrungen sammeln konnten. Die traditionell konservativen Opernkreise stieß Abbado damit vor den Kopf, weshalb es schließlich zum Bruch und seinem Rücktritt als Chefdirigent der Scala kam.

Aus Liebe zur Natur

Wie die Liebe zur Musik ist ihm auch die Liebe zur Natur heilig. Beide sind tief in ihm verwurzelt. Gartenpfleger wäre er geworden, wenn nicht Dirigent. Bereits während der Zeit seiner Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern züchtete er auf der Dachterrasse seiner Wilmersdorfer Maisonette-Wohnung allerlei Pflanzen. In seinem Haus nahe Alghero an der felsigen Westküste Sardiniens hat er der Natur ihr Recht auf Raum zurückgegeben: Um die Landschaft im Umkreis seines Hauses vor der Verschandelung durch Bauspekulanten zu retten, kaufte er mit Freunden einen Küstenstreifen. Mit Unterstützung der Behörden schuf er ein neun Hektar großes Naturschutzgebiet. Inmitten von Pinienwäldern setzte er selbst 9.000 Pflanzen, die er von seinen zahlreichen Konzertreisen mit nach Hause brachte. Sein Beispiel hat Schule gemacht: Der ganze Küstenabschnitt bis Capo Caccia im äußersten Westen Sardiniens ist nun eine geschützte Zone, die allerdings noch immer der Öffentlichkeit zugänglich ist. Hier, inmitten hochgewachsener Bananenstauden, Palmen, Passionsblumen und roten Hibiskusbüschen, hat Abbado einen Ort der Ruhe und Reflexion gefunden, um seine Notentexte und Autografe zu studieren. Wie einst der von ihm hochverehrte Komponist Gustav Mahler, der in der Abgeschiedenheit der Tiroler Berge sein seelisches Gleichgewicht fand. Zwei Seelenverwandte scheinen sie zu sein. Abbado fasst diese Verbindung in wenige Worte: "Ich weiß nur, ich liebe Mahler und ich finde, er ist einer der besten Komponisten, eines der größten Genies." Mit Abbados Galakonzert an der Mailänder Scala gilt es auch, den 150. Geburtstag Gustav Mahlers zu feiern. "Ich habe beschlossen, die zweite Symphonie zu dirigieren, die ,Auferstehung‘. Das ist ein viel versprechender Titel, der öfter in meinem Leben aufgetaucht ist", wurde Abbado von der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" zitiert. Mehr sagt er nicht. Schließlich lautet sein künstlerisches Credo: "Das letzte Wort spricht nicht der Dirigent, sondern immer der Komponist."

TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL

ARTE PLUS

ABBADOS BEDEUTENDE STATIONEN ALS DIRIGENT
1968-1986: Chefdirigent der Mailänder Scala
1979-1983: Chefdirigent des London Symphony Orchestra

1982-1985: Erster Gastdirigent des Chicago Symphony Orchestra
1986-1991: Musikdirektor der Wiener Staatsoper

seit 1987: Generalmusikdirektor der Stadt Wien
1989-2003: Leiter der Berliner Philharmoniker
Seit 2003: Leiter des Lucerne Festival Orchestra

Kategorien: Juni 2010